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Das jüdische Echo · 1917-03-23 · 12 (23.3.1917) · p. Seite 136

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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136 Das Jüdische Echo Nr. 12 keit von selbst, klare Farbe zu bekennen und zu den wichtigsten politischen Fragen, die das polnische Judentum bewegen, eindeutige Stellung zu nehmen, vor allem zu der entscheidenden Frage der Forderung der polnischen Judenheit nach Anerkennung und Sicherstellung ihrer nationalen und kulturellen Eigenart. Leider hat diese Stellungnahme in vollem Maße unsere Befürchtung bestätigt; sie hat gezeigt, daß die beiden Herren und die von ihnen geführten Kreise kein Verständnis haben für die nationalen Ansprüche der polnischen Juden; ja, sie haben sich nicht gescheut, als offene Gegner derselben aufzutreten. Der erste, nach außen hin sichtbare Schritt auf diesem Wege erfolgte durch die Überreichung einer Adresse seitens der von den Herren Dr. Kohn und Carlebach gegründeten und geleiteten „Agudas hoorthodoxim“ an den provisorischen polnischen Staatsrat. Wir wollen nicht darüber streiten, ob es an sich angemessen und mit der Würde des polnischen Judentums ganz vereinbar gewesen ist, eine solche Huldigungsadresse zu richten, nachdem die Polen seit ihrer Befreiung von der russischen Herrschaft sich in dauernden Exzessen der schlimmsten Art den Juden gegenüber ergehen; ob es nicht würdevoller gewesen wäre, erst irgendwelche Äußerung des Staatsrats zur Judenfrage abzuwarten. In der langen Huldigungsadresse ist aber mit keinem Worte der national-kulturellen Minoritätsansprüche der Juden Erwähnung getan; lediglich von Gleichberechtigung und religiöser Toleranz ist die Rede, beides Forderungen, denen die Polen — wenigstens nach außen hin — niemals Widerstand entgegengesetzt haben. Im übrigen ergeht sich die Adresse in immer wiederholten Ausdrücken der Treue und Ergebenheit zum polnischen Vaterlande, Dinge, die selbstverständlich sind, daß sie nicht erst solcher Betonung bedürfen. Mit dieser Adresse hat also die „Agudas hoorthodoxim" gezeigt, daß im Kampfe der polninischen Judenheit um ihre nationalen Rechte auf sie nicht zu rechnen ist, daß die erste Organisation der Orthodoxie in Polen in der Vertretung der wichtigsten jüdischen Interessen und Rechte versagt. Wer hier noch Zweifel hegen könnte, dem werden diese durch die Haltung des „Jüdischen Wortes“ genommen. Seit dem ersten Tage ihres Erscheinens nimmt diese Zeitung den Polen gegenüber eine Haltung ein, die geradezu würdelos zu nennen ist; kann sich nicht genug tun in Beteuerungen der Ergebenheit und ist außer sich vor Freude, wenn irgendwo ein Pole ein judenfreundliches Wort gesagt haben soll. Es ist für jeden Juden von Stolz und Selbstbewußtsein im höchsten Grade peinlich, diese Haltung der Zeitung zu ver- 1 {Kgf. ‘Bayer. && ‘Porzetfan* 1 ‘Manufaktur ‘Rympßenhurg Mauptniederlage ^München: ödeonsplatj J B {Künste u. ßuxusgegenstände, ‘Cafel<*, ‘Dessert*, M {Kaffee* u. 1Zeegeschirre, Figuren, Gruppen etc. G) nach aßen ‘Rgmpßenburger OriginaßlKodetlen. gj Außerdem neue ‘Tormen und Q.Tlodeffe nach <Snt* | W würfen erster ‘Münchner {Künstler. j folgen. Es tut uns leid, das harte Wort gebrauchen zu müssen, aber es ist gut, die Dinge beim Namen zu nennen; denn was hier geschieht, im Namen einer angeblich 23 0000 Mitglieder zählenden Organisation geschieht, ist geeignet, die Ehre und die heiligsten Interessen des polnischen Judentums auf das stärkste zu schädigen und alle Bemühungen um die Erfüllung der berechtigten Minoritätsansprüche der polnischen Juden zu durchkreuzen. Daß es sich bei alledem nicht aber um Entgleisungen und Zufälligkeiten, sondern um ein konsequentes, bewußtes politisches System handelt, beweist die Stellungnahme des Blattes zu den nationalen Richtungen. Offen und unzweideutig erklärt es sich als Gegner dieser Bestrebungen, und wenn es hinzufügt, selbstverständlich sei jeder orthodoxe Jude auch national, nur sei es notwendig in manchen Momenten von der Betonung des nationalen Gedankens Abstand zu nehmen, so weiß man sehr wohl, was man davon zu halten hat. Mit den beiden Prinzipien, die das „Jüdische Wort“ als die Leitgedanken seiner Politik bezeichnet: Treue zur Thora und Treue zum Vaterland, ist für die Sicherstellung der nationalen und kulturellen Eigenart der polnischen Judenheit noch nicht das geringste getan. Mit diesen beiden Prinzipien allein — deren Berechtigung und Notwendigkeit neben den anderen ganz selbstverständlich ist — gelangt man schließlich zu den jüdischen Zuständen Westpreußens. Und hier scheint uns in der Tat der Kern des Ganzen zu liegen: die Herren Dr. Kohn und Carlebach arbeiten auf eine Verpflanzung der deutschorthodoxen Weltanschauung nach Polen hin. Aus allem, was sie bisher getan haben, geht dies klar hervor, und konnten bislang noch Zweifel in dieser Hinsicht bestehen, so müssen diese nach den Vorgängen der letzten Wochen schwinden. Es ist In einem gewissen Sinne nur gut, daß endlich hierüber Klarheit geschaffen worden ist; denn nun weiß das polnische Judentum, um was es sich dreht. Und daß es keineswegs gewillt ist, die Politik der Trennungsorthodoxie mitzumachen, scheint uns sicher. Weite Kreise der Orthodoxie in Polen stehen der „Agudas hoorthodoxim“ ablehnend gegenüber; fast alle Rabbis haben sich geweigert, ihr ihre Zustimmung zu erteilen. Manche angesehene Ortodoxe, die ihrer Leitung bisher angehört haben, sind nach den Ereignissen der letzten Zeit ausgetreten. Und schon wird gemeldet, daß von namhaften führenden orthodoxen Männern die Gründung einer anderen orthodoxen Organisation in die Wege geleitet wird. All dies zeigt, daß man innerhalb der Orthodoxie in Polen zu erkennen beginnt, wohin der Weg führt, den die Herren Dr. Kohn, und Dr. Carlebach sie zu führen gedenken, und daß man keineswegs Lust und Neigung hat, ihnen zu folgen. Aufgabe aller nationalgesinnten, für die Anerkennung der Sonderart und freien Entwicklungsmöglichkeit der polnischen Judenheit kämpfenden, um die Ehre des Judentums besorgten Kreise in Polen wird es nun sein, die Erkenntnis von den wahren Zielen der „Augudas hoorthodoxim“ noch stärker zu verbreiten und für die Organisierung der orthodoxen Massen auf dem Boden der Wahrung und Verfechtung ihrer Interessen und Rechte Sorge zu tragen. Dies zu tun, ist notwendig, und zwar je schneller, umso besser. Denn es handelt sich hier um den Beginn einer Entwicklung, die, weiter fortgeschritten, zu einer großen Gefahr für das polnische Judentum werden kann — und dies muß verhütet werden. ...

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