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Das jüdische Echo · 1917-03-23 · 12 (23.3.1917) · p. Seite 135

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 135 Freilich, wer so eifrig für das Aufgeben der nationalen Eigenart eintritt, der muß wohl auch ein Gegner der jüdischen Religionsformen sein — denn dies ist ja eben das Eigentümliche des Judentums, daß seine nationalen und seine religiösen Züge nicht von einander zu trennen sind. Wer dem Judentum mit einem solchen Maß von Mißachtung gegenübersteht, der wird allerdings über das gewaltige Erwachen der jüdischen Volksseele, das in jüngster Zeit begonnen hat, das Urteil fällen, daß es fälschlich die „kulturelle Vernachlässigung“ der jidischen Kultur zu einem soziologischen Prozeß zu stempeln bemüht ist; ihm ist von dem hohen Idealismus, der sittlichen Kraft dieser Wiedererweckung so wenig bekannt, gaß er den Satz aussprechen kann; „Die objektive Bildung eines Volkes aus der Jargonmasse heraus kann man sich nur vorstellen als das Erzeugnis der Notwendigkeit, unter dem Einfluß einer ganzen Reihe negativer Faktoren, welche seine Einbürgerung in mit den Völkern der Umgebung solidarischen Formen hemmen.“ Mit dem Bestreben des jung-jüdischen Nationalismus glaubt Kempner fertig zu werden, indem er die leere Phrase ausspricht, die kraft eigenen Wüllens sich zu einem Volke konsolidierenden Juden wären „keine Juden als Nation im geschichtlichen Sinne oder im Sinne ihrer geistigen Selbstentwicklung, sondern eine künstlich gezüchtete Schöpfung“. Als ob die Polen jüdischer Nation, denen man mit gesetzlichem Zwang die polnische Sprache aufzwang, denen man ihre Sitten, Gebräuche und religiösen Eigenheiten nahm, keine Schöpfung wären! Der Gerechtigkeit und Großmut der Polen gegenüber den Juden, für die Kempner offenbar fortwährend die schönsten Beweise sieht, für die ihm wahrscheinlich das soeben ergangene Verbot der Niederlassung jüdischer Kaufleute in der Hauptstraße Warschaus als neuer Beweis gilt, überläßt er es, der jüdischen Bevölkerung „die gebührende Repräsentation im sozialen und politischen Leben“ zu geben, durch keine Vorurteile gehemmt, wenn auch mit der Befestigung der Wahlrechte nicht verbürg t.“ Wer das sagt, nachdem er mit angesehen hat, wie die Juden Warschaus und anderer Städte, die sich auf die Billigkeit der Polen verließen, bei den Stadtratswahlen elend von ihnen geprellt wurden, der erweckt fast den Anschein, daß er im Grunde seines Herzens ein Feind jeglicher Repräsentation der Judenist und sie den Polen nicht nur seelisch, sondern auch körperlich ausgeliefert zu sehen wünscht. Damit aber gar kein Zweifel darüber bleibt, was die polnischen Assimilanten wünschen, faßt Kempner zum Schluß die Ergebnisse seiner Erwägungen folgendermaßen zusammen: „Den Juden kommt in Polen die vollständige politische Gleichberechtigung zu. Aus diesem Rechte wird die Pflicht, sich die polnische Kultur anzueignen, folgen. Mit Hilfe der Schule und der allgemeinen gesetzlichen Regeln, für alle Bürger des Landes angewendet, kann ein gewisser moralischer Zwang ausgeübt werden. Für die Massen, in denen der Jargon ziemlich tiefe Wurzeln geschlagen hat, sollte man auf den niedrigeren Unterrichtstufen die polnische Lehre erleichternde Übergangsformen anwenden.“ Und als ein — nicht angewachsener, sondern etwas künstlich angenähter Schwanz zu diesem Ungeheuer politischer Forderungen kommt dann die Versicherung, daß die religiöse Toleranz eine Selbstverständlichkeit sei. Was er unter religiöser Toleranz versteht, darüber sich auszusprechen, wird sich ein Assimilant wohl hüten. Daß ihm die Abschaffung aller „trennenden“ Formen ein Ziel aufs innigste zu wünschen und allenfalls mit Gewalt zu fördern sein muß, kann er ja doch nicht laut sagen, denn das könnte den „halbkulturellen“ orthodoxen Bruder, den er als Bundesgenossen braucht, doch ein wenig verschnupfen. Und doch, wie viel gründlicher könnte die zwangsweise Polonisierung vor sich gehen, wenn die Staatskirche dabei mitzureden hätte! Wir wollen hier nicht den Anschein erwecken, als sähen wir in den orthodoxen Formen, die das polnische Judentum sich geschaffen hat, das höchste Gut. Wir haben nie verfehlt zu betonen, daß wir eine Zeit erwarten, da das innerlich befreite Judentum sich von gewissen äußeren Stützen, die zu seiner Erhaltung notwendig waren, wird lösen können. Aber etwas andres ist es. ob das Judentum aus eigner Kraft und eignem Willen diesen Befreiungsprozeß durchmacht, oder ob man ihm zwangsweise seine Sonderkultur raubt, ihm zwangsweise die polnische Kultur dafür aufnötigt. Über diese Frage sollte man in gesetzestreuen Kreisen nachdenken. Zum Schlüsse noch eine Frage an Herrn Kempner: soll dieses zwangsweise Polonisierungsverfahren nur den Juden gegenüber angewandt, oder auch auf Litauer, Ruthenen und — Deutsche in Polen angewandt werden? H. H. C. Gefährliche Bestrebungen. Unter diesem Titel veröffentlicht das gut infor* mierte „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ folgenden bemerkenswerten Aufsatz. Wir sprachen jüngst von der Tätigkeit der beiden Vertreter der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums“, der Herren Rabbiner Dr. Kohn und Dr. Garlebach in Warschau. Unter voller Billigung des ihrer Arbeit zu Grunde liegenden Leitgedankens, die orthodoxen Massen des polnischen Judentums zu organisieren und ihnen damit politische Bedeutung und Aktionskraft zu geben, mußten wir doch unseren Bedenken und Befürchtungen Ausdruck geben im Hinblick auf den Geist dieser Arbeit, auf die Tendenz, die diesen Organisationsbestrebungen verliehen wird, und die uns auf den Versuch einer Verpflanzung von Prinzipien und Anschauungen der deutschen Trennungsorthodoxie nach Polen hinzudeuten schien. In den letzten Wochen haben nun die diesbezüglichen Bemühungen und politischen Arbeiten der beiden Herren konkretere und deutlichere Gestalt angenommen. Durch die Gründung eines eigenen Organs, der Tageszeitung „Das jüdische Wort“ ergab sich die Notwendig- B. Müllers Musikinstitut München Fraunholerstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reinecke, Prof. Dr. Heinrich Bellermann und Hofoperndirektor Gustav Mahler Unterricht in allen praktischen (Klavier, Violine, Orgel, Cello usw.) u. theoretischen Fächern (Harmonie, Kompositions- und Instrumentationslehre, Kontrapunkt, Fuge usw. einschließlich Musikwissenschaft) von den ersten Anfängen an bis zur künstlerischen Reife für Kinder und Erwachsene (Kinder werden Yom 6. Lebensjahre an aufgenommen) Prüfung, Auskunft und Einschreibung kostenlos.

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