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Das jüdische Echo · 1917-03-23 · 12 (23.3.1917) · p. Seite 134

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 Das Jüdische Echo Nr. 12 Gefühl der Gemeinschaft, Verlangen nach Gemeinschaft, Wille zur Gemeinschaft treten. Zwei Dinge also gilt es zu wecken, zu zwei Dingen zu erziehen: zum Judentum und zur Gemeinschaft. Soziale Erziehung ohne nationale wäre ein Wirken im Traum; aber nationale Erziehung ohne soziale wäre ein Wachen im Wahn. Bei andern Völkern genügt die soziale Erziehung oder sollte vielmehr genügen. Denn aus zwei Elementen richtet sfch die Gemeinschaft auf: aus dem Volkszusammenhang und der rechten Menschenliebe. Das erste dieser zwei ist bei den Völkern von vornherein da, unangetastet; nur zu dem zweiten muß aufgerufen werden. Anders ist es bei uns. Wir müssen den Volkszusammenhang erst wiederherstellen, indem wir ihn in den Herzen stiften und bestätigen, durch Erweckung der Erinnerung, der Sehnsucht, der Hoffnung. Dieses nationale Bewußtsein der Herzen aber muß sich vollenden in dem. großen Gefühl, daß es nicht allein Zusammenhang mit einer Idee, mit einer Volksseele, mit überlieferter Größe und verkündeter Wiedergeburt bedeutet, sondern Zusammenhang mit einer menschlichen Wirklichkeit und Gegenwart, mitlebenden, helfenden, dienenden Liebeszusammenhang mit Menschen von Fleisch und Blut, aus denen, mit denen die große jüdische Gemeinschaft aufgerichtet werden soll, — die große Gemeinschaft, deren Wurzelkeim auch noch in dem Elendesten, Bresthaftesten, Gebundensten dieser Menschen unzerstört, ja sogar in den Abgearteten, den Machtlüsternen, den Angepaßten nur — freilich oft unrettbar — verschüttet ist. Jenen gilt es zu helfen und zu dienen, diese zu züchtigen und zu erschüttern, mit beiden in dieser unerbittlichen und verheißungsvollen Welt zu leben. Erziehung zu solchem schweren, ernsten, niederreißenden und aufbauenden Zusammenhang ist jüdische Erziehung, ist „jüdische Kulturarbeit“. ..... Pan irirtjurt f ritgsanlfi^f bei teilet ^anb, fretiitgenolTeib fdjQft,5pQrhölTf,Ieben0DerllibfnmnßQefelirit)aft,|loItQn8ölt iiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinmniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiHiiiiiiiii Lüften der Maske. Bei den kürzlich erfolgten Wahlen zu den polnischen Stadtparlamenten ergab sich in einer Reihe von polnischen Städten eine erstaunliche Erscheinung: die Orthodoxen nämlich schlossen mit den so „aufgeklärten“ Assimilanten eine politische Ehe und schritten Arm in Arm mit ihnen zur Wahlurne. Eine Erscheinung, die ebenso grotesk anmutete wie die mit einem Ochsen und einem Kamel bespannten Pflüge, die man gelegentlich bei den Arabern zu sehen bekommt. Ein so merkwürdiges Gespann — das mußte jeder Beobachter sich sagen — konnte nur dadurch zu Stande kommen, daß einer der Partner Scheuklappen vor den Augen trug und das wahre Gesicht seines Gefährten nicht erkennen konnte. Tatsächlich ist man ja auf der Seite der Assimilanten redlich bemüht, den Orthodoxen nur einige naheliegende Vorteile zu zeigen, die durch Katzbuckel vor den Polen zu erreichen sind, sie im übrigen aber gänzlich im Unklaren über das letzte Ziel der Assimilation zu lassen. Umso wertvoller ist es, wenn gelegentlich einer von der Assimilantenpartei die Maske lüftet und erkennen läßt, auf welches Ziel er den Blick gerichtet hält. In der Polennummer der von Prof. Dr. Ludwig Stein herausgegebenen Zeitschrift „Nord und Süd“ findet sich ein solches Bekenntnis einer schönen Assimilantenseele. das hiermit festgenagelt und allen an polnisch-jüdischen Fragen Interessierten zum näheren Studium empfohlen sei. St. A. Kempner geht in seinem Aufsatz „Die jüdische Frage in Polen“ von dem Wunsche aus, die jüdische Frage im Sinne der polnischen Interessen gelöst zu sehen. Einen anderen Gesichtspunkt kennt er offenbar überhaupt nicht oder bemüht sich erfolgreich, so zu tun, als ob es keinen andern gäbe. Unter den drei Lösungen, die zur Diskussion stehen, nämlich 1. die Zuerkennung der nationalen Minderheit oder 2. die Zuerkennung der vollen politischen Rechte, oder 3. die Einführung von Beschränkungen, erscheint ihm nur die zweite als annehmbar. Von einer nationalen Minderheit kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil es seiner Ansicht nach in Polen keine jüdische Nation, sondern nur eine Bevölkerung jüdischen Glaubens gibt, die ebensowenig Ansprüche auf nationale Rechte hat. wie z. B. Wasserpolacken. (Über die Analogie der beiden Begriffe braucht hier wohl kein Wort verloren zu werden.) Da Kempner aber das Bestehen einer eigenen Sprache, nämlich des Jidischen, und einer ausgeprägten Kultur in dieser Sprache nicht einfach ableugnen kann, behauptet er: „Die sogenannte jüdische Jargon-Kultur ist überall lediglich das Organ der halbkulturellen, unaufgeklärten und in veralteten Sitten stehenden Masse“. Abgesehen davon, daß diese Bezeichnungen den Orthodoxen, um die dieser Assimilant gegenwärtig wirbt, nicht sehr lieblich in den Ohren klingen werden, scheint er auch einen Perez, Scholem-Alejchem, Schalom Asch, die z. T. akademisch gebildeten Häupter des Zionismus, die Führer des „Bund“ und anderer nationaler, in der Jargonkultur wurzelnder Verbände als „halbkulturell“ anzusehen. Daß es ihm nicht schwer wird, die Aufgabe dieser „verdorbenen nationalen Mundart“, die Rettung vor dem „Versumpfen in den halbdunklen Tiefen des Jargons“ zu fordern, ist danach selbstverständlich, dürfte aber für die orthodoxen Kreise eine etwas peinliche Enthüllung bedeuten, wenn auch nicht dermaßen peinlich, wie einige der folgenden es sind. Im folgenden nämlich spricht Kempner ganz unumschränkt aus, daß er die politische Gleichberechtigung der Juden in erster Reihe als ein Assimilationsmittel betrachtet, indem sie ihnen gleichzeitig mit den politischen Rechten „die Pflicht der Polonisierung durch die Schule“ auferlegt. Und nun kommt an den Tag, was sich ein Freund der Assimilation unter Polonisierung vorstellt: „Wenn man diese Masse mit Hilfe der Schule, durch den Einfluß der zivilisierten Umgebung aus ihrer Verstocktheit herausreißt, wenn man die Fesseln ihres orthodoxen Glaubens bricht, werden sich auch die Wege ihrer produktiven Arbeit erweitern. Die politische Gleichberechtigung, die Abgesondertheit aufhebend, wird auch dazu beitragen, daß die Juden ihre traditionelle Tracht ablegen, die sie von dem Zusammenleben mit der Umgebung entfernenden religiösen Vorurteile los werden und den Jargon, welcher sie mit dem Merkmale der Fremdartigkeit kennzeichnet, verwerfen.“ — „Die Erhaltung einer besonderen sozialen Gruppe auf der niedrigen Stufe ihrer Orthodoxie und Halbkultur ist, wenn sie auch Merkmale nationaler Überreste besitzt, kein Demokrat tismus, sondern Mangel an öffentlichem Schutz.“

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