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Das jüdische Echo · 1917-03-23 · 12 (23.3.1917) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf.—Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PL — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 12 München / 4. Jahrgang 23. März 1917 Kulturarbeit. Zu den Delegiertentagen der deutschen und der holländischen Zionisten. Von Martin Bub er. Aus dem demnächst erscheinenden Heft XII des „Jude n“. Verlag R. Löwit, Wien-Berlin. Bei dieser Gelegenheit wollen wir darauf hinweisen, daß die vorzügliche, von Martin Buber geleitete Monatsschrift im April ihren zweiten Jahrgang beginnt. „Kulturarbeit“ ist ein irreführendes, im Grunde wohl auch ein irriges Wort. Jedenfalls sagt es nicht oder nicht mehr, was wir wollen; und wir bewahren es nur, weil es nun einmal geläufig, nun einmal wirksam ist, dieses schwerfällige Wort, das mit Erlebnis und Mißverständnis beladen ist. Was wir wmllen, dafür ist das Wort „Kultur“ zu groß — und zu klein. Wir wollen nicht „Kultur“, sondern Leben. Wir wollen das jüdische Leben umgestalten. Ich erkenne und preise den ewigen jüdischen Geist. Ich ersehne und erhoffe eine neue jüdische Schöpfung. Aber jener und diese können nicht angestrebt, nicht eigentlich gewollt werden. Was wir wollen, geht nicht auf Geist und nicht auf Schöpfung, es geht ganz gewiß nicht auf „Kultur“: es geht auf das Leben. Wir wollen das jüdische Leben umgestalten; das heißt: wir wollen aus dem Leben von Juden ein jüdisches Leben machen. Das Leben von Juden ist das Leben von Einzelnen. Ein jüdisches Leben kann das Leben einer Gemeinschaft sein, denn es gibt keine Verwirklichung des Judentums zum Leben, es sei denn in der Gemeinschaft. Wir wollen ein jüdisches Gemeinschaftsleben schaffen. Es gibt in der Gegenwart kein jüdisches Gemeinschaftsleben. Nicht im Westen, nicht im Osten und nicht in Palästina. Was man etwa im Osten jüdische Gemeinschaft nennt, sind nur Trümmer oder Bruchstücke der wirklichen. Die letzte wirkliche jüdische Gemeinschaft war der Zusammenschluß der Chassidim während der drei ersten Geschlechter der Führer, eine große Flut des Einanderhelfens und Einandererhebens zum vollkommenen Leben. Eine jüdische Gemeinschaft känn nicht von außen hergestellt werden, nicht durch „Eroberung dler Gemeinden“, nicht durch Erlangung einer ostjüdischen „kulturellen Autonomie“ und nicht durch Begründung einer ‘ „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Die eroberten Gemeinden werden nicht anders sein als die uneroberten waren, wenn die Menschen, die ihnen vorstehen, sich nur durch das Bekenntnis zum Zionismus von ihren Vorgängern unterscheiden werden. Die kulturelle Autonomie wird den krassen, geltungsgierigen, seelenlosen Nationalismus der anderen Völker mitmachen, wenn in ihren Führern nicht der Geist einer neuen Menschheit entbrannt sein wird. Die gesicherte Heimstätte wird ein eigenartiges und bemerkenswertes Unternehmen bleiben und nie zu einer großen organischen Schöpfung heranwachsen, wenn, die sie aufbauen, nicht in allem ihren Tun die Gewalt und die Verantwortung bewähren, eine vorbildliche Gemeinschaft, ein reines und gerechtes menschliches Zusammenleben zu begründen, das heißt: das Judentum zu verwirklichen. — Wohl ist es wahr, daß geänderte Verhältnisse die Menschen ändern, aber die ungeheure Umwandlung, um die es hier geht, die Umgestaltung des jüdischen Lebens von einem entarteten zu einem vollkommenen, kann nur dann gelingen, wenn die Verhältnisse zuinnerst geänderte sind: und das kann nur durch die Führung, die Arbeit und das Opfer von Menschen geschehen, die bereits selber zuinnerst von dem neuen Wesen ergriffen sind. Eine jüdische Gemeinschaft ist nur zwischen Menschen möglich, in denen zwei Dinge lebendig sind: wahrhaftes Judentum und wahrhaftes Gemeinschaftsgefühl. Beides ist im Leben eins, aber im Erleben geschieden. Juden, in denen Judentum ohne Gemeinschaftsgefühl lebendig wurde, sind unfruchtbar. Juden, in denen Gemeinschaftsgefühl ohne Judentum lebendig wurde, gehen in die Irre. Judentum ohne Gemeinschaftsgefühl in einem Juden, das^ ist ein Geist ohne Werk, Liebe ohne Zeugung, Glaube ohne Opfer. Aber Gemeinschaftsgefühl ohne Judentum in einem Juden, das ist ein Fehlwerk, Mißgeburt, Aberglaube. Der erste weiß, aber tut nicht. Der zweite tut, aber er tut falsch; denn er weiß nicht, daß seine Saat nirgends vollkommen aufgehen kann, es sei denn auf dem Acker, den er verschmäht hat — auf dem Acker, der ihn, gerade ihn braucht e. Man frage nicht nach Beweisen: dieses Wissen läßt sich nicht durch Beweise beibringen, man muß zu ihm erwachen. So ist denn dies das Erste: das Erwachen zum Judentum. Aber nur das Erste. Wer dabei stehen bleibt, dem wäre besser, er hätte weiter geschlafen. Selbstentdeckung ist kein Ziel, sondern eine Voraussetzung. Der hat sein Judentum schlecht entdeckt, der nicht erfahren hat, daß es ohne Verwirklichung nichts ist, und daß es nur in der Gemeinschaft verwirklicht werden kann. Zum jüdischen Bewußtsein muß, damit es zu Leben werde,

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