Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 129 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Das Jüdische Echo 129 nur losgerissenes Laub von dem großen Baum. Unruhe, Sehnsucht und Traum heißt der Saft des Baumes, der in die Zweige emporsteigt, und die Blätter zittern.“ — „Der Jargon ist gar kein Jargon, sondern die Muttersprache der Ostjuden“. — „Der Abend im Jüdischen Volkstheater erinnerte mich wieder ganz überzeugend an die wichtige Wahrheit, daß die 14 Millionen Juden ein Volk sind“. Köstlich ist das von Book zitierte Wort eines Norwegers, das dieser „der kleinen Klique russifizfierter Moskau-Juden ins Gesicht schleuderte: Sadisten!“ Im Kapitel „Zukunft der Ostjuden“ tritt Book für den berühmten Grenzschluß ein. Aber die Frage, was aus den Ostjuden werden wird, läßt er offen. „Es ist unmöglich das zu wissen; daß sich aber (im Judentum) gewisse Kräfte regen, ist zweifellos ... Es scheint mir zweifelhaft, daß die Verfechter der Assimilation (die da behaupten, die Ostjuden würden das Jidische ablegen und sich entweder deutscher oder polnischer Kultur anschließen), recht haben“. Wenn uns auch nicht alle Schlüsse des Autors gefallen, müssen wir doch anerkennen, daß sein Buch frei von jeder gehässigen Tendenz und daß seine Schilderung ungemein lebhaft und durchaus lesenswert ist. Hermann Struck. „Kfliegsgeffängene“. Hundert Steinzeichnungen mit einer Einführung von F. v. Luschan. Berlin, Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Luxusausgabe 50 M., Quartausgabe 20 M., Volksausgabe 2 M. Meister Struck hat mehrere deutsche Gefangenenlager besucht und eine ganze Reihe von Volkstypen — Europäer, Afrikaner und Asiaten (auch vier Ostjudenköpfe sind darunter) im Bilde festgehalten. Hier ist nicht der Ort. Untersuchungen darüber anzustellen, was an Strucks Zeichenkunst jüdisch ist (mir erscheint er als der typischeste Jude unter den bildenden Künstlern und in diesen Zeichnungen noch mehr als in allem, was er geschaffen); jedenfalls sind die mit strengstem Verzicht auf alles Dekorative und Billig- Malerische und unter starker Betonung des Geistigen gezeichneten hundert Köpfe überzeugender, instruktiver und auch lebendiger als jede Photographie. Während die teure Ausgabe die Bilder in Originallithographie enthält, bringt sie die billige Volksausgabe in verkleinerten, aber sehr deutlichen Netzätzungen. Jedem Freunde der Struckschen Kunst sei die Anschaffung des interessanten Werkes wärmstens empfohlen. „Autoemanzipation“ von einem russischen Juden. Berlin, Jüdischer Verlag. Pinskers unsterbliches Werk erscheint zu seinem 25. Todestage in geschmackvollem äußeren Gewände, mit 'einer vorzüglichen Einleitung Achad-Haams und einer kurzen Biographie des Verfassers in der vom Jüdischen Verlag begründeten Serie „Jüdische Gemeinschaft“. Uber das unvergängliche Werk, das jeder national gesinnte Jude unbedingt besitzen sollte, kann kaum etwas Neues gesagt werden. Wir begnügen uns damit, daß wir die altbekannten, doch ewig neuen Schlußworte der Schrift zitieren: „Die Juden sind1 keine lebende Nation: sie sind überall Fremde, daher sind sie verachtet. Die bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden genügt nicht, sie in der Achtung der Völker zu heben. Das rechte, das einzige Mittel wäre die Schaffung einer jüdischen Nationalität, eines Volkes auf eigenem Grund und Boden, die Autoemanzipation der Juden, ihre Gleichstellung als Nation unter Nationen durch Erwerbung einer eigenen Heimat. Man rede sich nicht ein, daß die Humanität und die Aufklärung jemals radikale Heilmittel1 für das Siechtum unseres Volkes sein werden. Der Mangel an nationalem Selbstgefühl und Selbstvertrauen, an politischer Initiative und an Einheit sind die Feinde unserer nationalen Wiedergeburt. Damit wir nicht gezwungen sind, von dem einen Exil ins andere zu wandern, müssen wir eine umfangreiche produktive Zufluchtstätte haben, einen Sammelpunkt, der unser eigen ist. Der gegenwärtige Moment ist dem entwickelten Plane günstiger als jeder andere. Die internationale Judenfrage muß eine nationale Lösung erfahren. Freilich kann unsere nationale Wiedergeburt nur sehr langsam vor sich gehen. W i r müssen den ersten Schritt tun. Unsere Nachkommen müssen uns in gemessenem, nicht übereilten Tempo folgen. Diite nationale, Wiedergeburt der Juden muß von einem Kongreß jüdischer Notabein angebahnt werden. Kein Opfer wäre zu groß, um das Ziel zu erreichen, welches die allerwärts gefährdete Zukunft unseres Volkes sicherstellen soll. Die finanzielle Ausführung des Unternehmens kann nach Lage der Sache keinen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen. Helft Euch selbst, und Gott wird Euch helfen!“ wy# Feuilleton Die wenigen Worte. Von Max Mohr, z. Zt. im Felde. Manchmal! ist es dir, als ob du dich beständig nur in einer fremden Sprache ausdrücken könntest. Du sitzest bis tief nach Mitternacht und schreibst, oder du gehst einem langen Waldweg nach mit einem Menschen, dem du viel erzählen möchtest, und wenn du zu Ende bist mit deiner Geschichte, ist es dir, als habe der Wind schon die Worte davongetragen. Du wirst traurig und schweigst lange und du suchest vielleicht für all die vielen Worte im Wind nach einem einzigen Wörtlein, das sie alle leicht ersetzen könnte wie ein sehnsüchtiger Flötenton zuweilen eine Symphonie — aber dein Suchen macht dich noch trauriger, du findest nichts. — Als ich das letztemal von Ägypten nach Syrien fuhr, war es auf meinem Dampfer, wie es immer auf Schiffen jener Gegend ist. In der ersten Klasse aß man und unterhielt sich über gute Hotels, in der zweiten Klasse wurde politisiert, Karten gespielt und Bekanntschaft „fürs Leben“ geschlossen und im Zwischendeck lag man eng und wirr durcheinander und horchte auf das Klatschen der hohen Wogen an die dunklen Wände. Ich Glücklicher war im Zwischendeck. Ich feierte ein Fest, für dias ich keinen Namen weiß. Ich hatte mein armseliges Bündel gut verstaut, hatte mir in Port Said Fische, Brot und! Früchte und Cigaretten gekauft, war sicher, nicht seekrank zu werden und stand an der Treppe zum Vorderdeck, zu dem wir nicht hinaufsteigen durften, rauchte und sah durch die kleine Lucke in die schwarzen und blauen Wogen mit ihrem Schaum in der Abenddämmerung. Irgendwo in einer Ecke betete schnell! und mit kurzem Aufsingen ein alter russischer Jude, irgendwo anders jammerte ein