Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 122 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Das Jüdische Echo Nr. 11 Einst hatten wir es mit offenen Assimilanten zu tun. Diese sagten ganz offen, daß die Juden kein Volk seien und auch kein Volk zu sein brauchten. Daß die Juden zu allen möglichen Nationen gehören könnten, selbst aber keine Nation sein dürften. Heute haben wir es aber mit Leuten zu tun, die keine Bedenken haben, in Bezug auf die Juden das Wort „Volk“ anzuwenden. Sie haben auch kein Bedenken, von der Geschichte und vom Glauben dieses Volkes zu sprechen. Wenn es aber gilt, die Rechte dieses Volkes zu verteidigen, so sind sie die ersten, die auf diejenigen, die für diese Rechte aufrichtig eintreten, Steine werfen. Dann sind sie die ersten, die der jüdischen Masse Angst machen und sie gegen die treuesten Kinder des jüdischen Volkes auf reizen. Dann sind sie die ersten, die sich hinter dem Rücken des christlichen Machthabers verstecken, in seinem Hause lustige jüdische Lieder zum besten geben und alle, die nicht *o verknechtet sind wie sie, verleumden. Sie schmeicheln und kriechen und bekommen dafür manchmal einen abgenagten Knochen und manchmal auch gar nichts. Man muß daher ein für allemal feststellen, was die Juden eigentlich sind: ein Volk oder kein Volk? Wenn wir kein Volk sind, so haben wir hier auf dieser Welt nichts zu schaffen: sind wir aber ein Volk, so müssen wir auch unsere Sprache haben, unsere Schulen, unsere Eigenart, unsere Richtung, unser Schaffen und unsere geistigen Schätze. Sind wir ein Volk, so müssen wir uns auch als ein Volk bekennen und frei und offen, tapfer und mutig die Fahne unseres Volkstums tragen. Und bekennen wir uns zum Volk, so müssen wir auch alle Konsequenzen aus diesem Bekenntnis ziehen. Natürlich soll Israel der Welt als Leuchte dienen; zuvor muß es aber selbst erleuchtet sein. Wie kann man jemand anderm leuchten, wenn man selbst erniedrigt, versklavt, durchfault, morsch und zerbröckelt ist? Der Prophet spricht von jener großen heiligen Zeit, wenn „Mein Haus das Bethaus für alle Völker genannt werden wird.“ Wo soll aber dieses heilige Haus stehen? Kann es errichtet werden, wenn Israel kein selbständiges Volk ist? König Salomo betete, daß das Haus, das er baute, ein Bethaus sei „auch für den Fremden, der nicht aus dem Volke Israel ist“; er sagte aber nicht, daß Israel aus diesem Grunde aufhören solle, ein Volk zu sein, und nur als eine Religionsgemeinschaft fortbestehe. Er sagte nicht, daß man den Tempel in ein fremdes Land tragen solle, sondern umgekehrt, daß „die Leute aus den fremden Landen zu Israel kommen“ sollen ... Alle unsere Gebete sind erfüllt von der Hoffnung auf das D'ötP'TfiD/ö (Himmelreich). Niemand sehnt sich so stark wie wir nach der Zeit, wo alle Völker den einzigen Gott, der alles erschafft und alles belebt, erkennen werden. Wir glauben aber, daß Israel aus diesem Grunde sein Volkstum nicht aufgeben, sondern es im Gegenteil befestigen muß; indem es die höheren Prinzipien seines Volkstums entwickelt, wird es selbst das „Himmelreich“ erreichen und1 dann ganz von selbst den andern als Beispiel dienen. Die höchste Hoffnung des jüdischen Volkes ist, daß alle Völker in Scharen zu dem Tempel zusammenströmen, der auf dem höchsten Berge der Welt stehen wird und aus dem die Lehre vom ewigen Frieden zwischen allen Menschen verkündet werden wird; daß die Zeit kommt, wo alle Menschen ihre Schwerter in Pflüge und ihre Spieße in Siechein umschmieden; wo man keine Kriege führen wird, wo die absolute Gerechtigkeit auf Erden herrschen wird und die Machthaber ihre Macht nicht zum Bösen gebrauchen; wo der Starke den Schwachen nicht bedrückt; wo der Wolf friedlich neben den Lämmern und der Leopard bei den Böcken liegt. Wo aber wird das sein? In Zion. Und zu wem werden alle die Völker herbeiströmen? Zum Volk, das in Zion wohnen wird, zum jüdischen Volk. Zu ihm werden die Völker kommen, aber nicht das jüdische Volk zu den Völkern. Seine Bestimmung ist nicht, sein eigenes Volkstum verleugnend, mit der Thora herumzuwandern und seine Lehre den andern anzubieten, sondern selbst ein freies, schönes, reines und erhabenes Volksleben zu leben; und das Übrige wird schon von selbst kommen. Deutsch von Jakob H. Schiff. Von Dr. Isaak Straus (New York). Wir entnehmen diesen Aufsatz dem neuesten Heft des „American Jewish Chronicle“. Viel wird in diesen Tagen über den siebzigsten Geburtstag von Jakob H. Schiff geschrieben. Uns interessiert aber vor allem die Frage: Welche Bedeutung hat Jakob Schiff für das amerikanische Judentum? und in zweiter Linie: Welche Rolle hat er in der Epoche der jüdischen Geschichte gespielt, die sich während seines Lebens abwickelte? Jakob Schiff ist ein Typus, und ein wichtiges Kennzeichen in den Augen der jüdischen Welt ist, daß er der reinste und mächtigste Repräsentant seines eigenen besonderen Typus ist. Wir stehen jetzt am Übergangspunkt von einer Periode jüdischer Geschichte in Amerika zu einer andern, und Jakob Schiff scheint mir an der vordersten Spitze der alten Ordnung zu stehen und die neue mit der ganzen Macht seiner Überzeugungen und seiner Stellung zu bekämpfen. Gerade so wie die deutschen Juden in Verfolg der historischen Erfolge die sephardischen Juden in Amerika verdrängten, so scheinen heute die Emigranten aus dem Osten die Erben der deutsch-jüdischen Hegemonie zu sein. Aber, während es eine historische Tatsache ist, daß die sephardische Hegemonie nicht mehr besteht, und während die besonnene sephardische Judenschaft in ihren ästhetischen Synagogen und ihrer zurückgezogenen Lebensführung schweigend zugunsten des lebenskräftigeren deutschen Judentums resigniert hat, ist heute der Kampf zwischen der deutschen Judenschaft und ihren Vertretern auf der einen Seite (Fortsetzung auf Seite 125.) LUDWIG MURR Damenfriseur SPEZIAL-DAMEN-SALON NUR EUR DAMEN Residenzstrasse 17/1 SALON FÜR DAMEN UND HERREN Parkhote! Majdmlliansplatz 21 SPEZIflLM flTi Künstlerisch ausgefQhrte ERSHTZ- FRISUREfl, dem natürlichen Haaransatz voll u. ganz angepaßt