Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-03-16 · 11 (16.3.1917) · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
11 (16.3.1917)
Date
1917-03-16
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138090--01350-9074174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

120 Das Jüdische Echo Nr. 11 Aufgabe als Organisation nicht nur in humanitärer Arbeit, sondern vor allem in national-kulturellem Wirken besteht. Ihre Aufgabe ist ungeheuer erschwert durch den Mangel an intellektuellen Kräften, die der jüdischen Nationalidee vorläufig zur Verfügung stehen. Es fehlt an Führern des Volkes, vor allen Dingen aber an Männern, welche jüdischnationale Erziehung leisten können, d. h. an Lehrern und an Rabbinern. Die Verhältnisse können sich in einem Jahrzehnt ändern. Schon heute studieren an der Universität Warschau 200 jüdisch-nationale Studenten und Studentinnen. Gründungen wie die jüdischen Gymnasien und die hebräischen Volksschulen stärken die Kraft der intellektuellen Elemente des Lehrerstandes, die im Lande vorhanden sind und werden hoffentlich nach dem Kriege in einem Lehrerseminar einen Ausbau finden, der ständig für neue Kräfte sorgt. Wenn die jüdisch-nationalen Kräfte dem polnischen Judentum nur während der jetzigen Zeitläufte die Möglichkeit geben, diese Arbeit, die eingeleitet ist, weiterzuführen und, wenn auch in bescheidenem Maße, durchzuhalten, so braucht man wegen der Zukunft nicht bange zu sein. Jeder muß immer wieder erstaunt sein über die ungeheuere Zähigkeit des jüdischen Volkes, über die Kraft, die auch in der ungebildeten Masse aufgespeichert ist. Gelingt es, die kleine Zahl intellektueller Führer dem polnischen Judentum zu erhalten, über die es heute verfügt, indem man die Widerstandskraft dieser Männer gegen ein widriges Geschick stärkt, und gelingt es, den neuen heranstrebenden Kräften die Möglichkeit einer Ausbildung zu eröffnen, so wird das getan, was alle Kreise des nationalen Judentums in Polen fordern. Das holländische Judentum im Kriege. Von Ben Mose Zwi (Amsterdam). Der Krieg hat Holland zu einem Mittelpunkt zionistischer Arbeit gemacht. Schon in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 verlegte das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds seinen Sitz von Köln nach dem nahen Holland und übersiedelte mit seinem umfangreichen Beamtenstab in das vornehme Haag, von wo es bald den Kontakt mit den Sammelstellen aller Länder wieder herstellte und du/nch vorbildliche orjgariisatorische Tätigkeit den Spendeneingang auf eine für Kriegszeiten bemerkenswerte Höhe zu bringen verstand. Dem Beispiele des Jüdischen Nationalfonds folgte die jüdische sozialistische Partei Poale-Zion. Auch diese Organisation wählte die holländische Residenz zur Kriegszentrale. Die Herren Leon Chasanowitsch, Ing. Salomon Kaplansky und Berl Locker leiten das Verbandsbureau und haben durch zielbewußte, unermüdliche und planvolle Tätigkeit der poale-zionistischen Arbeit Erfolge und eine Großzügigkeit verliehen, wie sie in den Friedensjahren niemals von ihr erreicht worden war. Sie richteten an das gleichfalls nach dem Haag übersiedelte Internationale Sozialistische Bureau eine Denkschrift „Die Juden im Kriege“, welche man die bedeutungsvollste publizistische Kundgebung des nationalen Judentums während des Krieges nennen darf. Desgleichen wirkte die Poale-Zion in hohem Maße aufklärend auf die Konferenz der Sozialisten der neutralen Länder ein und wußte ihrer Sache Verständnis und Sympathien zu gewinnen. Ihr gebührt auch das historische Verdienst, *den Anstoß zur jüdischen Kongreßbewegung gegeben und ihre Richtlinien entsprechend bestimmt zu haben. In der vortrefflich (geleiteten „Jüdischen Arbeiter-Korrespondenz“ im Haag schuf sie sich ein Organ, das an der Informierung der sozialistischen und jüdischen Öffentlichkeit über die jüdische Zeitlage wesentlichen Anteil hat. Die Stadt des VIII. Zionistenkongresses, die nun das Nationalfondsbureau, die Parteiführer der „Poale-Zion“ und neben Jacobus H. Kann zwei Kriegsgäste aus dem großen Aktionskomitee, die Herren Julius Simon und J. Fischer in seinen Mauern beherbergt, mußte naturgemäß auch für die zionistische Weltorganisation erhöhte Bedeutung erlangen. Wiewohl die zionistische Leitung in Kopenhagen ein Bureau unterhält, das die Aufgabe hat, den Verkehr mit einer Reihe von Landsmannschaften zu vermitteln, wurde es im Laufe des Krieges unvermeidlich, einen Teil der Fäden, welche das Berliner engere Aktionskomitee mit dem Ausland verbinden, über Haag laufen zu lassen und daselbst eine Reihe von Konferenzen abzuhalten. Doch erst die Ankunft tausender jüdischer Flüchtlinge, welche die belgische Regierung am Kriegsbeginn als feindliche Untertanen aus ihrem Lande gewiesen hatte, und die zumeist in dem nur 20 Minuten vom Haag entfernten, als internationalen Badeplatz bekannten Scheveningen Aufenthalt nahmen, schuf im Haag ein jüdisches und zionistisches Milieu. Die Behörden und die Gesellschaft Hollands taten alles, um die Lage der Flüchtlinge zu erleichtern. Die aller Mittel Entblößten fanden Geldunterstützung und durch viele Monate Unterkunft in holländischen Familien. Man gab Hochschülern Gelegenheit, ihre Studien fortzusetzen und förderte jedermanns Bestreben, sich neue Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen. Über Nacht wurde Scheveningen zu einem Mittelpunkt des Diamantenhandels. Die jüdischen Flüchtlinge, die in ihrem überwiegenden Teil in Krakau das Licht der Weit erblickt, in Antwerpen beinahe durchwegs die Diamantenindustrie betrieben und in wenigen Jahren es zu großen Reichtümern oder behaglichem Wohlstand gebracht hatten, errichteten zwei Diamantenbörsen. Der lebhafte Handel, der lange Zeit ungeschwächt anhielt, erlitt erst durch strenge englische Ausfuhrverbote von Waren deutschen Ursprungs oder nichtholländischer Bearbeitung, starke Einbuße. Die lange Dauer des Krieges, die Gewöhnung an die neuen Verhältnisse und die Schönheit des Asyls haben bei unseren Flüchtlingen die düstere und zukunftsbange Stimmung der ersten Kriegsmonate verscheucht. Sie füllen die Cafehäuser, obliegen dem Sport und stellen ein beträchtliches Kontingent der „Kurgäste“, welche im Sommer die langgestreckten Boulevards und das prächtige Kurhaus Scheveningens bevölkern. Die Grundstimmung blieb indes eine ernste. Die Jugend insbesondere dokumentierte durch intensive nationale Arbeit ihr Verantwortlichkeitsgefühl. Sie gründete zionistische Korporationen, richtete hebräische Lehr- und Konversationszirkel ein und bildete Sport- und Debattierklubs. Die zionistische Föderation Belgiens existiert heute nicht mehr. Der Beginn des Krieges zerstreute die Zionisten Belgiens nach allen Richtungen. Der größte Teil befindet sich in England und Holland. Es erweist die Kraft der zionistischen Idee, daß mitten im Kriege die Gründung einer zionistischen Vereinigung in Brüssel zustande kam, wo in den Friedensjahren jeder zionistische Versuch gescheitert war. Auch hier versucht die Jugend die bürgerlichen Elemente zu veranlassen, sich zu or-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.