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Das jüdische Echo · 1917-03-16 · 11 (16.3.1917) · p. Seite 119

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
11 (16.3.1917)
Date
1917-03-16
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Das Jüdische Echo 119 Eine besondere Partei der Jidischisten gibt es nicht. Der Bund sowohl wie die Poale Zion sind Jidischisten. Auch die Volksgruppe steht auf dem Standpunkt des Jidischismus. Diese ganze Stellungnahme ist noch eine absolut in der Entwicklung begriffene. Die nächsten Jahrzehnte werden klar und deutlich ergeben, inwieweit es den Juden in Polen möglich sein wird, sich mit den geringen Kenntnissen der polnischen Sprache zu begnügen, die sie heute haben. Die polnische Umgangssprache wird sich wohl in dem Maße ausdehnen, als die Bildung und der Besuch höherer Schulen sich ausbreiten. Daneben wird aber, ganz gleichgültig wie man theoretisch zu der Frage steht, das Jidische auf sehr lange Zeit hinaus die Umgangssprache der Mehrheit der Juden bilden. Inwieweit daneben das Hebräische Platz greifen wird, wird von der Energie der Zionisten abhängen. Die Stimmung der Massen ist, ohne irgendwie gegen jidisch zu sein, für eine Ausdehnung des hebräischen Unterrichts. Eine jidische Schulte, in der die Kinder nicht hebräisch lernen, entspricht den Empfindungen der Massen so wenig, daß auch die Schulen des Herrn Dinenson zurzeit eine Stunde hebräisch pro Tag haben. Und es scheint kein Zufall zu sein, daß die fast rein hebräischen Schulen des Zionistischen Kuratoriums eine so viel größere Zahl von Kindern haben (3000) als die Schulen des Herrn Dinenson (550) und die übrigen iidischen Kriegsschulen. Die Massen des Volkes sind natürlich nach wie vor orthodox und unter ihnen vor allem chassidisch. Parteipolitisch gibt es eine orthodoxe Partei nicht. Die wenigen orthodoxen Ratsmänner im Warschauer Stadtparlament bilden keine einheitliche Gruppe. Der Kampf zwischen den einzelnen chassidischen Parteihäuptern ist der alte geblieben. Doch erkennt man deutlich unter der jüngeren chassidischen Gieneration eine starke Hinneigung zum bewußten nationalen Judentum. Schon bei den Warschauer Stadtratswahlen haben Tausende von Chassidim trotz der entgegengesetzten Befehle der chassidischen Parteihäupter für die Volksgruppe gestimmt. Und in Lodz haben die jüngeren Elemente es durch sehr energisches Auftreten verhindert, daß die chassidischen Führer mit den Assimilanten zusammen gegangen sind, wie sie beabsichtigten. Auch hier haben Tausende von Chassidim für das jüdische nationale Wahlkomitee gestimmt. Es haben sich übrigens in sehr vielen Städten, auch in Warschau und Lodz während des Krieges besondere zionistische Gruppen von Chassidim gebildet. Und auch die Misrachisten finden unter ihnen viele Anhänger. Alle diese chassidischen Elemente wünschen ebenfalls eine stärkere Betonung des Hebräischen. Demgegenüber versuchen zurzeit die in Polen weilenden westdeutschen Rabbiner Dr. P. Cohn und Dr. Karlebach die Orthodoxie in Polen zu einer rein religiösen Partei zu sammeln. Sie geben seit dem 1. Februar unter eigenartigen journalistischen Begleitumständen eine jidische Tageszeitung „Das jüdische Wort“ heraus. Das Blatt ist ganz im Stil des „Israelit“ gehalten. Es ist sicher, daß die Herren bald Fiasko erleiden werden. Leider finden sie bei den deutschen Assimilationsjuden starke Unterstützung, weil sie ihnen erklärt haben, daß die chassidische Masse durchaus nicht jüdischnational sei, sondern nur jüdischreligiös und daß sie das polnische Judentum vor den Einflüssen des Zionismus werden bewahren können. Die Herren sind zu diesem Zwecke ein Bündnis mit dem Gerer Rebbe eingegangen. Man kann sich vorstellen, was für ein Parteikampf unter den chassidischen Rebben entfesselt worden ist. Das ist die Lage. Die große Masse ist nach wie vor parteipolitisch nicht organisiert. Die Assimilation bildet eine kleine aber wirtschaftlich und gesellschaftlich einheitliche und starke Gruppe. Von den demokratischen Parteien verdienen allein die zionistischen die Bezeichnung einer organisierten Partei größeren Stils. Ihr Einfluß auf den Mittelstand und auf einen Teil der akademischen Jugend ist sehr groß. Sie ist entschieden im Aufsteigen begriffen und hat als volkstümliche Partei und als Vertreterin der durchaus volkstümlichen Palästina-Idee die besten Aussichten für die Zukunft. Poale Zion und Bund sind ebenfalls organisierte Gruppen. Sie sind aber auf den verhältnismäßig kleinen Kreis klassenbewußter Arbeiter und Handlungsgehilfen beschränkt und heute jedenfalls ohne Einfluß auf die Gestaltung der jüdischen Verhältnisse. Die Volksgruppe ist in Warschau und einigen anderen Städten die Trägerin einer noch wenig geklärten nationalen Stimmung, die sich insbesondere in dem instinktiven Wunsche, dem polnischen Antisemitismus entgegenzutreten, äußert. In Städten, wo die Zionistische Organisation dieser Stimmung genügend entsprochen hat, wie z. B. in Lodz, ist für die Volksgruppe kein Raum. Sehr zu begrüßen sind die Bemühungen, die die Vereinigung der Volksgruppe mit der Zionistischen Organisation bezwecken. Das polnische Judentum lebt in einer gewaltigen wirtschaftlichen Krisis. Es ist aber nicht in ihr zu Grunde gegangen, sondern steht vollkommen aufrecht und arbeitet weiter an der Sicherung seiner nationalen kulturellen Zukunft. Das polnische Judentum ist sich auch unter den heutigen schwierigen Verhältnissen bewußt, daß die Existenz des Einzelnen bedingt ist durch die Aufrechterhaltung der Existenz der Gesamtheit. Es weiß sehr wohl, daß auch unter den heutigen Umständen jedes Jahr ein neuer Jahrgang junger Menschen ins Leben tritt und daß diese Jahrgänge jüdisch gesichert werden müssen. Die Zionisten haben mit glücklichem Geist begriffen, daß ihre Bekanntmachung. Rituelle Pflanzenbutter. Da mit dem 15. ds. Mts. durch eine Verfügung des Kriegsernährungsamtes rituelles tierisches Rohfett im Deutschen Reiche nirgends mehr erhältlich ist, wird seitens der Kriegskommission für rituelle Lebensmittel rituelle Margarine (aufstreichbare Pflanzenbutter) von dieser Woche ab gegen Verzicht auf Butter zur Verteilung gelangen. Die Margarinebezugsscheine werden für die gleiche Wochenanzahl ausgestellt wie die örtliche Fettkarte. Es ist zulässig, daß ein Teil der Mitglieder eines Haushaltes rituelle Margarine und der andere Teil Butter bezieht. Die Wochenmenge beträgt 50 Gramm pro Kopf, der Höchstpreis 2 Mark pro Pfund. Die Margarine ist bereits für das Passahfest verwendbar und unter Aufsicht des Herrn Rabb. Dr. Wolf, Köln a. Rh., hergestellt. Die Vorstände aller Israelitischen Gemeinden haben entsprechende Anweisung erhalten; alles Nähere ist bei denselben zu erfahren. Krieoskommlssian lür rituelle Lebensmittel, G. m. b, H, Berlin.

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