Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Das Jüdische Echo Nr. 11 genau so assimilatorisch wie die offiziellen Assimilanten. Selbstverständlich gibt es auch unter den Assimilanten Leute, denen es mit dem Judentum ganz ernst ist und die gar nicht daran denken, ihre Kinder taufen zu lassen, wie dies in anderen führenden Familien geschieht. Das Schlimme ist nur, daß alle Assimilanten ihre ganze Energie darauf konzentrieren, von den Polen ausschließlich als Polen angesehen zu werden, und daß sie bereit sind, jedes noch so vitale jüdische Interesse zu opfern, um den Wünschen der Polen zu entsprechen. Die sogenannten Unparteiischen sind ebenfalls keine Partei, sondern eine Gruppe von einigen Notabein, die entweder selbst Zionisten sind oder sich wenigstens als nationale Juden betrachten, aber sich parteipolitisch nicht festzulegen wünschen. Die Zionisten bilden demgegenüber eine feste Organisation. Sie sind seit Ausbruch des Krieges in Polen sehr erstarkt, haben ein Zentralkomitee in Warschau mit einem auch deutschen oder österreichischen Ansprüchen genügenden Bureau. Das Bureau steht zurzeit mit 70 Städten im Generalgouvernement Warschau in Korrespondenz. Es hat auch eine selbständig arbeitende Nationalfonds-Kommission und ist räumlich mit der amerikanischen Sektion der Hilfskommission verbunden. Die amerikanische Sektion ist sehr ordnungsgemäß eingerichtet, der Verkehr mit dem Publikum wird sehr vernünftig gehandhabt. Die Buchhaltung ist in guter Ordnung. Weit hinaus über den Kreis von 70 Städten, mit denen das Zentralkomitee in Korrespondenz steht gibt es heute überall in Polen zionistische Mittelpunkte, sei es in Form von Vereinen, sei es als Bibliotheken oder als Schulen. Insbesondere ist es die Kulturarbeit, welche dem Zionismus in Polen heute das Rückgrat gibt. Das Interesse für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache ist in weite Kreise gedrungen. Nur dadurch erklärt es sich auch, daß das hebräische Schulwesen so großen Anklang gefunden hat. Es liegt hierin keine Feindschaft gegen das Jidische, sondern nur das natürliche Bestreben jedes palästinensisch orientierten Zionisten, der hebräischen Sprache einen weitgehenden Raum zu schaffen. Man ist hierbei gar nicht fanatisch sondern nimmt auf die Lebensverhältnisse durchaus Rücksicht. Die Kinder lernen sehr schnell die notwendigen Elemente der Sprache und plaudern auch untereinander hebräisch. Außer den Volksschulen und Kinderheimen des Zionistischen Kuratoriums in Warschau und außer der hebräischen Mittelschule „Jabnei“ in Lodz gibt es in diesen beiden Städten auch noch Gymnasien, die man als nationaljüdische Bildungsanstalten bezeichnen kann. Sie haben zwar polnische Unterrichtssprache; die jüdischen Fächer werden aber sämtlich in hebräischer Sprache unterrichtet und der Geist der Schule ist ein jüdisch-nationaler. — Das jüdische Gymnasium von Dr. Braude in Lodz ist außerordentlich sfark besucht, trotzdem das Schulgeld sehr hoch ist. Vor einem halben Jahre hat Dr. Braude auch ein entsprechendes Mädchengymnasium eröffnet. Die hebräischen Fächer nehmen jeden Tag zwei Stunden in Anspruch. Die Schüler in den höheren Klassen sprechen ganz perfekt hebräisch und sind eine ganz geschlossene Garde ides nationalen Judentums. Aber auch in den allgemeinen Wissenschaften und in der polnischen Sprache entspricht ihre Ausbildung allen Anforderungen, wie die Schulbehörden in Lodz anerkannt haben. Wie stark die Zionistische Organisation zahlenmäßig ist, läßt sich schwer sagen. Denn die Zahl der jetzt in Kriegszeiten gesammelten Schekel ist natürlich kein Maßstab. Ein viel besserer Maßstab sind die unzähligen Institutionen kultureller und organisatorischer Natur, welche die Zionisten geschaffen haben. Ein gutes Anzeichen ist der ungeheure Bedarf, den das polnische Judentum an hebräischen Lehrern heute hat. Würde man den Bedarf decken können, so würde die Zahl der hebräischen Schulen sich noch vervielfältigen. Ein gutes Anzeichen für die Stärke der Zionistischen Organisation ist auch der Einfluß, den die Zionisten als Einzelpersonen in allgemeinen jüdischen Institutionen haben. Charakteristisch hierfür ist, wie sehr selbst die jüdische Gemeinde in Warschau, der doch die verhältnismäßig stärkste Gruppe assimilierter Akademiker zur Verfügung steht, auf die Mitarbeit der Zionisten angewiesen ist. Leider ist es nur den Zionisten nicht gelungen, die Abspaltung einer Gruppe von Parteigenossen unter Führung des Advokaten Prilucki zu verhindern. Anlaß zu dieser Trennung bot die vorsichtige Taktik, die die Zionisten in Warschau bei den Stadtratswahlen im Sommer 1916 verfolgt haben. Infolgedessen ist die sogenannte Volksgruppe unter der jüdischen Masse recht populär geworden und hat der Zionistischen Organisation — weniger der zionistischen Idee — manchen Schaden zugefügt. Leider hat die Volksgruppe den Kampf sehr persönlich geführt und deswegen ist es bisher noch nicht gelungen, ein vollständiges Zusammenarbeiten zwischen beiden Gruppen und eine Auflösung der Gegensätze zu erzielen, obwohl jetzt programmatisch keinerlei Differenzen zwischen beiden Gruppen bestehen. Es ist aber zu hoffen, daß diese Schwierigkeiten sich allmählich lösen werden. Gerade bei den Verhandlungen, die in dieser Frage geführt wurden, hat sich ergeben, daß nämlich die Zionistische Organisation in Polen, auch wenn sie zeitweise einen Teil der populären Stimmung eingebüßt hatte, sehr stark ist, daß sie tatsächlich neben den Assdmilanten, welche als eine völlig identisch wirtschaftliche Gruppe eng aneinander geschlossen sind, die einzige politische jüdische Organisation in Polen darstellt. Die Volksgruppe kann sich der Tatsache nicht verschließen, daß sie demgegenüber doch nur’ ein Komitee von einem halben Dutzend Personen ist — ohne besonderes Programm, nur getragen von einer Stimmung, deren Stärke und Dauer niemand übersehen kann, weil sie nur eine Stimmung unorganisierter Massen ist. Welche Kraft der Zionistischen Organsiation innewohnt, zeigt am besten die Wahl in Lodz. Von den 32 jüdischen Ratsmännern der Stadt Lodz sind nur 4 Assimilanten und 2 Neoassimilanten; die übrigen 26 stehen auf jüdischnationalem Programm und gehören zum jüdischen Wahlkomitee. Von ihnen sind 9 Mitglieder der Zionistischen Organisation. Jedermann in Lodz weiß, daß diese organisierten 9 Zionisten im jüdischen Klub im Lodzer Stadtparlament eine führende Rolle einnehmen werden. Die Bundisten und die Poale Zion sind zahlenmäßig nicht stark. Alle gegenteiligen Behauptungen sind unrichtig. Ihr Einfluß ist aber größer als ihre Zahl, weil sie. ebenso wie die Zionisten, eine Organisation und ein Programm haben. Interessant ist, daß bei den Wahen in Lodz die Poale Zion mehr Stimmen bekommen haben als der Bund.