Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pi. — Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— “ ■ T> «iL Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 11 München / 4. Jahrgang 16. März 1917 Die jüdische Kongrefibewegung in Oesterreich, die von den böhmischen Zionisten eingeleitet und von der Prager „Selbstwehr“ des öfteren erörtert wurde, bildet den Gegenstand des folgenden, von der Zensur stark gestrichenen Aufsatzes im „Lemberger Tageblatt“: Es ist hier nicht der Platz, über di$ trostlose Lage der Juden im dritten Kriegsjahr viel Worte zu verlieren; hat doch manche Erscheinung der letzten Zeit auch vielen Assimilanten über die den Juden in den österreichischen Kronländern bevorstehende unerfreuliche Zukunft hinlänglich zu denken gegeben. Sieht man von Zeit zu Zeit in ein nichtjüdisches Blatt hinein, oder lauscht man der allgemeinen Stimmung in manchen nichtjüdischen Kreisen, so gewinnt man ein annäherndes Bild von den kommenden Zeiten nach dem Kriege, wenn der jetzt künstlich aufrecht erhaltene Burgfriede gestört sein wird, wenn der Zensor den roten Stift beiseite legen wird und die bisher unterdrückten Gefühle und Leidenschaften frei und ungehemmt in die Öffentlichkeit treten werden. (Folgt ein längerer von der Zensur gestrichener Passus.) Der nichtjüdische Soldat kann nach dem Kriege durchwegs zu seiner früheren Beschäftigung zurückkehren, der eine in die Landwirtschaft, der andere in die Fabrik; der jüdische Soldat wird nach dem Kriege in den meisten Fällen heimat- und existenzlos bleiben, seine Familie ist entweder ausgewandert oder hat die Kriegszeit mit großer Not dank der Unterstützungen des Staates überstanden. Er wird zu Hause kaum die nötigen Mittel finden, um seine zugrunde gerichtete Existenz wieder aufzurichten oder eine neue zu gründen. Der nichtjüdische Soldat wird von der Monopolisierung verschiedener Artikel, Zentralisierung von Lebensmitteln u. dgl. nach dem Kriege wenig zu leiden haben; für den jüdischen Soldaten können aber diese Maßregeln die Existenz ungemein erschweren, gleichwohl, ob er nach Galizien, Böhmen oder Niederösterreich zurückkehren wird. Am schlimmsten wird aber das Schicksal der Juden nach dem Kriege sich in Ostgalizien und Bukowina gestalten, wo viele Städte verwüstet sind, so daß vom ehemaligen Hausstand vieler jüdischer Familien keine Spur übriggeblieben ist. Was soll aus uns werden, wenn der Krieg zu Ende gehen wird, was können und sollen wir unternehmen, um uns wieder aufzurichten und unter welchen Bedingungen sollen wir den uns bevorstehenden Kampf aufnehmen? Das sind in großen Umrissen die brennenden Fragen, die wir uns jetzt schon stellen müssen und1 an deren mehr oder weniger befriedigende Lösung die ganze österreichische Judenheit frühzeitig herantreten muß. Alle diese Fragen sollen auf einem jüdischen Kongreß von berufenen Vertretern des jüdischen Volkes erörtert werden, wo die Mittel und Wege, der bevorstehenden Not zu steuern, schon jetzt ausfindig gemacht werden könnten. Als Vorbild kann uns hierin die Kongreßbewegung unter den amerikanischen Juden dienen, die zur Lösung der Judenfrage nicht wenig beitragen. Sich ganz auf Amerika zu verlassen, wäre aber ein unverzeihlicher Leichtsinn, zumal wir in Anbetracht der Ereignisse der letzten Zeit auf weitere Überraschungen gefaßt sein müssen: Können doch noch Verhältnisse eintreten, die es den amerikanischen Juden unmöglich machen würden, ihre aufrichtig auf das Wohl der vom Kriege gelittenen Juden gerichteten Pläne zu verwirklichen. Mit eigenen Kräften müssen wir an das Rettungswerk unseres Volkes herantreten, sowohl in politischer, wie auch in wirtschaftlicher Beziehung, als Bürger, als Menschen und als Juden. Bedenken wir, daß es sich hier um unser aller Existenz handelt. Der jüdische Kongreßgedanke muß in die gesamte jüdische Presse, wie in allen Schichten der österreichischen Judenheit eindringen. Arm und reich, hoch und niedrig, Zionist und Assimilant müssen von dieser unaufschiebbaren Notwendigkeit durchdrungen sein. Der Gedanke ist aus der Not der Zeit geboren, die Not fordert auch seine baldige Verwirklichung. Die jüdischen Parteien in Polen. Von gut informierter Seite wird uns geschrieben: Nach wie vor ist die große Masse der polnischen Juden unorganisiert. Nur ein verhältnismäßig kleiner TeUl der Juden wird in den verschiedenen Parteien und Komitees erfaßt. Die Masse tritt politisch nur bei Wahlen in die Erscheinung. Nur sind die Möglichkeiten für die Masse, sich politisch zu betätigen, heute infolge der Stadtratswahlen und infolge der bevorstehenden Demokratisierung des Wahlrechtes in allen jüdischen Gemeinden viel größer als dies früher der Fall war. Im einzelnen ist der Sachverhalt folgender. Die Assimilanten sind zahlenmäßig sehr gering. Sie umfassen in Warschau vielleicht 1000 Familien unter 335.000 Juden. Sie sind natürlich sehr einflußreich, da sie die Majorität der akademisch gebildeten Elemente umfassen. Die sogenannten Neoassimilanten sind keine Partei, sondern nur ein Komitee von einigen wenigen einflußreichen Personen; mit vereinzelter Ausnahme sind sie ganz