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Das jüdische Echo · 1917-03-09 · 10 (9.3.1917) · p. Seite 112

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
10 (9.3.1917)
Date
1917-03-09
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 Das Jüdische Echo Nr. 10 Gepräge trägt. Daneben lebt in uns das Wissen, daß unsre Kräfte sich erst dann voll entfalten werden, wenn wir nicht mehr nur in der Atmosphäre der andren leben, sondern uns wieder unsre eigne geistige Atmosphäre geschaffen haben werden, in der wir nicht mehr wie jetzt Werke hervorbringen, in denen der Zwiespalt zwischen jüdischem und deutschem Wesen zutage tritt, sondern Werke von unverfälscht jüdischem Geiste, die zuerst uns Juden, dann aber nicht dem deutschen oder irgendeinem andren Volke, sondern der ganzen Menschheit gehören werden. In einem Hans Heinrich FMer, brauche ich Dich nicht zu enttäuschen: So wie ich heute bin, will ich wirklich nichts andres sein als ein deutscher Jude, denn ich bin mir in jeder Minute bewußt, wie unendlich viel ich Deutschland, dem Lande und seinem Geiste verdanke. Nur mußt Du verstehen, daß ich die Sehnsucht in mir trage, mich eines Tages mit allen Juden zu einer Volksgemeinschaft zu vereinen, gleichviel in welchem Lande sie heute leben, für welches sie — kämpfen. Und noch eines kann ich Dir freudig zugeben: wir, der Bund der Neuen, empfinden uns tatsächlich als den Vortrupp der Versöhnung. Nur weisen wir es von uns, diese Versöhnung dadurch herbeizuführen, daß wir uns unsrem Judentum entfremden, um einen wie immer gearteten fremden Volksgeist dafür einzutauschen. Nur fassen wir diese Versöhnung so auf, daß wir die Art des Volkes in dem wir leben, unbedingt achten und dafür fordern, daß man auch die unsre achtet, wenngleich sie andere Wesenszüge hat als die Eure. In diesem Sinne, nämlich in der Überzeugung, daß mein Judentum mir gebietet, für die Sache des angefeindeten deutschen Volkes mein Leben freudig einzusetzen und dabei doch meiner Pflicht eingedenk zu bleiben, in dem Bunde derer mitzuarbeiten, die das erneute und erhöhte Judentum schaffen und der Welt schenken sollen, in diesem Sinne trage ich auch das Eiserne Kreuz als ein Zeichen der Versöhnung. Es grüßt Dich, lieber Hans Heinrich Ehrler, Dein Jakob H. H. C. Sind die Juden nur eine Religionsgemeinschaft? Von Hillel Zeitlin. II. Die Juden waren schon dann ein Volk, als sie noch in Ägypten saßen und für die Ägypter die Städte Pisom und Ramses bauten. Sie waren also ein Volk, noch bevor ihnen die Thora gegeben wurde. Die Thora stärkte ihr Volkstum, verlieh ihm einen eigenen Sinn und Inhalt, prägte ihm einen eigenen Stempel auf und machte aus den Juden das „auserwählte Volk“. Falsch ist also die Behauptung, daß die Juden ohne die Thora noch kein Volk gewesen seien. Ein Volk waren sie auf jeden Fall. Ebenso wie „die guten Sitten der Thora vorangehen“, so existierte auch das jüdische Volk noch vor der Thora. Falsch ist daher die Behauptung des Rabbi N. L. Weingott, daß „ohne die Offenbarung Gottes wir unmöglich ein Volk hätten werden können“. Es ist wahr, daß wir ohne die Offenbarung Gottes nicht dieses Volk, nicht das ewige Volk, nicht das Volk der ewigen Werte geworden wären. Aber auch durch unsere Abstammung, durch unser Blut und unsern gemeinsamen Ursprung sind wir ein Volk. Aus diesem Grunde waren wir ein Volk noch vor der Offenbarung Gottes und sind folglich auch jetzt ein Volk nicht nur durch unsere Religion, sondern durch unsere Abstammung, durch unsere Psyche, durch unsere Sitten, durch unsere Lebensformen, durch unsere Sprache (oder: Sprachen), durch unsere gemeinsamen Leiden und Freuden, Schmerzen und Hoffnungen. Zweifellos verbindet die Religion alle Juden in Polen miteinander. Aber nicht die Religion allein, sondern auch alle die übrigen Merkmale, die aus einer Menschengemeinschaft ein Volk machen.. Das, was alle Juden wirklich verbindet, ist also die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke. Bei vielen Juden ist das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum Volke wenig entwickelt; aber schon durch den Umstand allein, daß sie ein gemeinsames Leben mit allen ihren Brüdern führen, gehören sie zum jüdischen Volke. Nun will ich auf die früheste Periode des jüdischen Volkstums zurückgreifen. Rabbi Nachum Leib Weingott wiederholt in einemfort, daß die Juden vor der Offenbarung Gottes noch gar kein Volk gewesen seien. Viele jüdische Midraschim behaupten aber genau das Gegenteil davon. So heißt es z. B. in der Hagadah: „Und sie wurden dort zu einem Volk: das soll heißen, daß sie sich in Ägypten durch ihre eigenen Volkssitten unterschieden.“ Der Midrasch sagt auch: „Durch vier Dinge unterschieden sich die Israeliten von den Ägyptern: durch ihre eigene Sprache, durch ihre Namen usw.“ Daraus können wir ersehen, daß die Juden noch vor Moses ein Volk gewesen waren und alle Merkmale eines Volkes hatten Und warum sollen wir uns nur nach dem Midraschim richten? Auch der einfache Sinn der Worte: „Und sie wurden dort zu einem Volk“ zeigt uns ganz unzweideutig, daß die Juden schon in Ägypten ein Volk gewesen sind. Rabbi Nachum Leib Weingott hält aber an der Meinung fest, daß „das jüdische Volkstum nicht auf Trennung und Absonderung begründet sei“. Es kommt darauf an, was man unter diesen Worten verstehen soll: Wenn „Trennung und Absonderung“ Haß und Bosheit bedeuten, so hat das jüdische Volkstum damit natürlich nichts zu tun. In der Thora steht aber: „Ihre Wege sind Wege der Liebe, und alle ihre Pfade sind Friede“. (Spr. 3, 17. ) Natürlich wünschen wir keinem Volke etwas Böses. Natürlich lechzen wir alle nach der Zeit, wenn alle Völker einander brüderlich die Hände reichen und auch dem Volke Israel das Recht auf Selbständigkeit und freie Entwicklung zubilligen. Die Worte: „Trennung und Absonderung“ können aber auch eine andere Bedeutung haben: nämlich: nationale Selbstbestimmung, eigene Kultur, eigene Sprache, eigene Sitten, eine eigene Art zu dichten und zu denken und eigenes Schaffen. In diesem letzteren Sinne und n u r in diesem Sinne gebrauchen wir, national gesinnte Juden die Worte „Nationale Absonderung“; und der Begriff der „Trennung und Absonderung“ ist in diesem Falle nur ein Teil der höheren ewigen jüdischen Idee. Nach unseren jüdischen religiösen Begriffen ist die ganze Weltgeschichte mit der Bestimmung Israels als eines ewigen Volkes, welches ewig für die göttliche Wahrheit, die es in sich trägt, leidet, verbunden. Im höchsten Lobgesang heißt es ja ganz ausdrücklich: „Da der Allerhöchste die Völker zerteilte und zerstreute die Menschenkinder, setzte er die Grenzen der Völker nach der Zahl der Kinder Israel.“ (5. Mos. 32, 8.) Und wenn wir das erste Buch der Thora nehmen, finden wir dasselbe. (Vergl. die Midraschim und das Raschi- Kommentar zum ersten Vers des Buches Genesis.)

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