Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 111 bereite: im übrigen hat Dein Brief mir bewiesen, daß ich Dir trotz unseres gemeinsamen Erlebens ein Fremder geblieben bin, dessen tiefstes Fühlen und Sehnen Dir verschlossen ist. Eine Stelle beweist es mir deutlicher als alle andren. Du sagst: „Dann aber in andren Stunden sah ich manchmal etwas von einer Hoffart sich in Dir erheben, wie aus einer Abwehr, und Du sagtest wohl: Ich möchte nichts anderes als ein Jude sein.“ Hans Heinrich Ehrler, von Hoffart sprichst Du? von Abwehr? Ich aber will es Dir sagen: dieses Bekennen zum Judentum, dieses Bejahen meiner jüdischen Art, es entspringt dem Wissen, daß, wie mein Äußeres mich gründlich vom Germanen, vom Arier unterscheidet, auch mein Inneres, mein ganzes Fühlen und Denken (wie stark deutsche Einflüsse auch hineingeflossen sein mögen) ein Erbteil des Volkes ist, das die Bibel schuf, und daß diese ererbten Werte etwas Hohes und Heiliges sind, daß ich stolz bin, zu ihrem Hüter bestellt zu sein. Ich kann Dir nicht im engen Rahmen eines Briefes sagen, wie diese Werte beschaffen sind, wie auch Du es nicht unternehmen mochtest, mir dieses Deutschtum, in das Du mich restlos eingehen sehen möchtest, zu definieren. Frage den Landmann, den Mann der Straße, was den Deutschen vom Angehörigen irgendeiner andren Nation unterscheidet, er wird es nicht beantworten können. Aber als sein Volk in Not geriet, da fühlte er, daß ihn ein unlösliches Band mit diesem Volke verknüpfte, und er ging hin um seine Kräfte und sein Blut mit den Kräften und dem Blut aller seiner Volksgenossen zu vereinigen. Auch wir Juden von heutzutage, die wir uns dem Studium unserer Lehre entfremdeten, vermögen nicht immer in deutlichen Worten zu sagen: dies und jenes ist der Gehalt unseres Judentums. Aber wir fühlen die Wesens Verwandtschaft, die uns mit allen Juden der Welt verknüpft, wir tragen in uns eine Erinnerung, die mit uns geboren wird, an die unendlichen Opfer an Gut und Blut, die unsere Ahnen brachten, wir wissen um die Opfer, die noch heute Tausende unsres Stammes bringen, um das Judentum zu erhalten, und wir fühlen, daß wir Verblendete oder Feiglinge wären, wenn wir nicht unsre besten Kräfte daran setzen wollten, auch unser Teil zur Erhaltung, zur Höherentwicklung unsres Judentums beizutragen, wenn wir müde würden, an die endliche Erfüllung der Verheißungen unserer Propheten zu glauben. Das aber, lieber Freund, können wir nur dadurch erreichen, daß wir uns klar bewußt werden unsrer jüdischen Eigenart, daß wir unser Wesen abgrenzen gegen das Wesen aller andren und nicht ohne Not aus den Schöpfungen andrer Nationen Kraft saugen, wo wir gleiche Werte in den unsterblichen Werken und den Traditionen unsrer eignen Gemeinschaft finden. Hans Heinrich Ehrler, Du sprichst von einem Bund der Reinlichkeit unter uns, der da wächst und zu wirken beginnt. Du hast recht, nur daß sich dieser Bund nicht, wie Du glaubst, gegen die Preistreiber und Vaterlandsbetrüger richtet. Was geht uns dieser Auswurf unseres Volkes an, der uns Juden genau so fern steht, wie Euch Eure Mörder und Landstreicher? Nein, eine andre Aufgabe hat dieser Bund, und Du wirst vielleicht erschrecken, wenn ich sie Dir nenne: er will in den jungen Juden aller Länder das Bewußtsein ihrer Stammesverwandtschaft wecken, will sie zurückführen zu unsrer jüdischen Lehre und zu unsrer jüdischen Art, die Weit zu erleben und das Göttliche zu erfassen, will ihnen wiedergeben unsre, die hebräische Sprache und will in ihnen die Sehnsucht erhöhen nach dem Lande, in dem die Wiege des jüdischen Volkes stand und in das, dem Prophetenwort zufolge, der „Rest der übrig bleibt1, zurückkehren wird. Du wirst erstaunen, Hans Heinrich Ehrler, wenn ich Dir sage, daß dieser Bund seine meisten Anhänger unter denen zählt, die schon für Deutschland gestorben sind oder noch dafür kämpfen und bluten, ja, daß gerade unter ihnen im Verlauf des Krieges die Sehnsucht nach einem festeren Anschluß an das Judentum gewachsen ist. Aber Du wirst es verstehen, wenn ich Dir sage: Gerade in denen, die ein hoher Idealismus treibt, die Bürde ihres Judentums wieder so freudig auf sich zu nehmen wie es die Juden vergangener Jahrhunderte taten, gerade in ihnen lebt das Verständnis für das Ringen andrer Völker um ihre nationale Eigenart. Und wenn die Welt heute über Deutschland herfällt und die deutsche Art vernichten will, so halten gerade wir, die selbst die Feindschaft der ganzen Welt tragen, es für unsre schöne Pflicht, den Angegriffenen und Verfolgten unsre Kraft zu weihen. Aber eben indem wir lernen, was es heißt, den letzten Blutstropfen für die Volksgemeinschaft zu verspritzen, lernen wir auch die Sehnsucht nach einer gleichen Hingabe an den Stamm, dem wir selbst entsprossen und mit dessen Zweigen uns unser äußerer Typus, unsre Denk- und Empfindungsweise, unsre historischen Erinnerungen und Traditionen und eine große Zukunftshoffnung verbinden. Und dann, Hans Heinrich Ehrler, sollst Du noch eines verstehen lernen: gerade in uns, die wir über die kleinen Fragen des Alltags hinausschauen, die wir des Lebens höchste Werte nicht in materiellen, sondern in geistigen Gütern sehen, gerade in uns lebt stärker als in andren die Liebe zu der deutschen Landschaft, in der wir aufwuchsen, zu den deutschen Dichtern, Künstlern und Philosophen, die zum Schönen und Guten die Liebe in uns weckten. In uns lebt der Wunsch mitzuarbeiten an der Erstarkung des deutschen Volkes, das zu den Völkern Europas die Lehre von der unbedingten Pflichterfüllung und der Überwindung des Ichs zu Gunsten der Volksgesamtheit tragen soll. Daneben aber lebt in uns die Erinnerung an eine andre als die geliebte deutsche Landschaft, an jene Landschaft nämlich, der unsre Ahnen mit ihrer gesamten Wesensart entsprangen. Daneben lebt in uns die Überzeugung, daß eines Tages unsre schöpferischen Kräfte aufs neue erwachen und eine jüdische Ethik, Kunst und Wissenschaft hervorbringen werden, die genau so typisch jüdische Züge trägt wie die Ethik, Kunst und Wissenschaft der Deutschen ein unbedingt deutsches B. Müllers Musikinstitut München , Fraunhoferstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reineoke, Prof. Dr. Heinrich Bellermann und Hofoperndirekior Gustav Mahler Unterricht in allen praktischen (Klavier, Violine, Orgel. 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