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Das jüdische Echo · 1917-03-09 · 10 (9.3.1917) · p. Seite 110

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
10 (9.3.1917)
Date
1917-03-09
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 Das Jüdische Echo Nr. 10 Wir beide beredeten manchmal, welch eine urhafte Täuschung es war, wenn die Judenschaft in Geldmacht und Besitz sich Heimat und Heimatrecht zu schaffen glaubte. Sie hat den einen Teil und ist immer noch auf der Suche nach dem andern, dessen stiller süßer Preis es ist, nicht erkauft werden zu können. Der Reiche mag sich den schönsten Fleck deutscher Erde als Eigentum erwerben; aber vielleicht gehört dieser dem armen Wanderer mehr, der ihn durchläuft und das Geheimnis der unbezahlbaren Besitzergreifung mitbringt. Wir wissen hingegen auch von den Versuchen der Unzähligen, durch Hingabe ihres Menschlichen die Eingeburt zu finden. Wieviel an Inständigkeit, wieviel an Freudigkeit quillt immer wieder zu uns herüber, bis es unverstanden zerrinnt oder sich verletzt zurückzieht! Willst Du den Instinkt messen, der Euch drängt, Bürger zu sein, nicht nur zu heißen, so mußt Du nicht einmal nach Eurem starken politischen Willen fragen, noch nach den apostolisch brennenden Kämpfern sozialer Bewegungen, deren einer, Ludwig Frank, in diesem Krieg sinnbildlich als deutscher Soldat gefallen ist. Geh’ in ein paar große Städte, in denen der Jude mitschafft. Nirgends zeigt sich Wohlfahrt und Fürsorge so großzügig und vielfältig durchgliedert wie dort; nirgends finden auch Wissenschaft und Kunst so reich begründete Heimstätten. Israel, dessen einstige Geschichte vielleicht das geschlossenste Volk bürgerlicher Gemeinschaft darstellt, bringt gewiß daher über die Jahrhunderte der Zerstreuung gerettete Tugend mit, die sich ganz wiederentfalten könnte, wo freundlicher Garten wäre. Ach, und die Inbrunst, die Luft Eures Geistigen in der Luft des deutschen Geistes zu lösen! Ihr seid in unser Schrifttum eingebrochen; wir wissen nicht, ob wir Sorge oder Dankbarkeit darum haben sollen? Ob Ihr als Verderber oder Pfleger gekommen seid? Ob wir Eure dreisten Literaten austreiben, oder Eure mit Wunder und Sehnsucht belladenen Dichter bekränzen? Ich nehme eben das Versbändchen in die Hand, das Du selber schriebst. Da sagst Du im fremden Land weilend von der Heimat: „Lächelnd kein Wort und Bild, das so wie dies erlöst.“ Sag auch, warum bist Du mein Freund? Und muß man dabei nicht weiter von Euren Mädchen und Frauen sprechen, die die Bücher der deutschen Dichter in ihre Spinde stellen und sich in ihnen zu verstehenden Freundinnen machen, die Musik und Schaubühne durch Anteilnahme halten, ernsthaft dem Dienst der Schönheit zugewendet? Von Deiner zarten Schwester etwa, die nicht in Schmuck und Wohlgerüchen eiiiherkommt, aber viel still gesammelten Glanz in ihren Augen trägt; von Deiner Base, die sich einem deutschen Gelehrten zur ehlichen Kameradin gemacht hat. Soll es keine Brücke geben? War diese nicht schon einmal da? Welche Zeit gibt sich etwa in der Dichtung dem rückwärts Fühlenden als die deutscheste? Ohne Zweifel die Romantik; rein und so unseres Wesens, daß ihr noch eine ahnungslose Hülle um dessen Kern übrig bleibt. Mit inmitten jener Dichter und Dichterkreise saßen als Gefährtinnen und Geliebte, Beraterinnen und Verkünderinnen Töchter Sems. Dorothea Schlegel, Rahel Varnhagen, Henriette Herz nennen wir unter den Namen der erlauchten deutschen Frauen; und Goethe hieß die Rahel in der tiefen Bedeutung des ihm treuen Wortes eine schöne Seele. Eure alte Glaubensschrift, die auch das religiöse Grundbuch der Welt geworden ist, machte Euer Volk zum auserwählten; ihr tragt seitdem an dem unerfüllten oder, von diesseits betrachtet, in seiner Christ-Erfüllung nicht erkannten Traum. Zu Anfang des Krieges traf mich einmal beim Lesen der Bibel plötzlich der Vergleich, daß auch unsere Nation vom Gang der Geschichte irgendwie berufen sei. Der Vergleich sprang indes auch sonst in Stimmen auf. Vielleicht wird das innere Wissen um solch eine Sendung etwas wie ein neuer Glaube und Antrieb; vielleicht spürt auch Ihr unter uns den Aufwuchs eines „Reiches“, in das Euer guter Teil enwachsen kann, um darin die abgebundene Krone jenes Traumes entfalten zu helfen, mit einzublühen, einzugreifen. Nicht Mammon führt in solches gelobtes Land; der Weg geht unter dem leichten Joch der Erkenntnis, daß wir einander innen und außen dienen, zusammengehören auf dem Boden einer Art des Lebens und der Arbeit; Ihr sollt nicht unsere Handelsgenossen, sondern unsere Werkgenossen sein. Ich denke diese Eingliederung bis zu dem Gesicht, das den Judenjüngling am Amboß und das Judendmädchen auf dem Acker sieht. Warum eine Kaste wirtschaftlicher Betätigung bleiben,, die nie die Schwere des Bodenstandes findet und in ihrer ausschließlichen Erscheinung nie das Feindselige verliert, die auch den Ring der Verhärtung um Euer Wesen nicht lockert vielmehr enger zieht? Der Vortrupp der Versöhnung meldet sich! Und nicht wahr, Jakob, Du willst nichts anderes sein als ein deutscher Jude? Du feuergetaufter . . . lieber Freund! Dein Hans Heinrich Ehrler. Dem „Jüdischen Echo“ ist folgende Antwort auf obigen Brief zugegangen: An einen Deutschen. Lieber Hans Heinrich Ehrler! Habe Dank für Deinen Brief, der mich mit einem ganzen Gewoge widerstreitender Gefühle erfüllt hat. Vor allem mit Dank für die Liebe, die Du mir schenkst und die — verstehe ich Dich recht? — Dir den Wunsch einflößt, alle Schranken hinwegzuräumen, die uns trennen könnten, mich ganz in dem Bilde zu denken, das Dir nun einmal Ideal ist und sein muß: im Bilde eines Deutschen mit allen deutschen Stammeseigenschaften. Ich danke Dir auch daß Du es nicht geschehen läßt, daß man in Deiner Gegenwart meinen Stamm verläumdet, besudelt, und alle Juden der Welt verantwortlich macht für die Kläglichkeit einer Schicht, die — trotz allem — doch nur eine kleine Schicht des jüdischen Volkes bildet, daß Du die Hydra des Judenhasses, die schon Tausende und Abertausende meines Stammes verschlungen hat, aufs Haupt schlägst wo Du ihr begegnest. Freilich, tätest Du es nicht, wärest Du nicht ein Streiter gegen die Lüge — ich hätte Dich niemals für wert befunden, das Geschenk Deiner Freundschaft anzunehmen. Ich danke Dir auch, daß Du mich in den trüben Stunden des Lazaretts an Tage erinnerst, da wir uns in den Schoß der Mutter Natur schmiegten und aus den Werken der deutschen Dichter Freude und Kraft schöpften. Aber im übrigen, Hans Heinrich Ehrler, ich muß es Dir sagen, wenngleich ich Dir Schmerz damit

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