Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138089--01338-9074162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene ' ,'onpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— - ” X ~_- Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 10 München / 4. Jahrgang 9. März 1917 Zwei Briefe. In den „Süddeutschen Monatsheften“, Februarheft 1917 findet sich folgender Brief: An einen Juden. Lieber Jakob! Du hast Dir das Eiserne Kreuz geholt; bedenk, ein christliches Zeichen; bist Offizier geworden und liegst von einer schweren Rippenfellentzündung betroffen. So gehörst Du dem deutschen Vaterland wie nur irgend einer. Du hast darum gestritten und leidest darum. Gott verhüte, daß das Fieber Dich am Leben treffe oder ein Rest schleichend in Dir liegen bleibe. Ich trank gestern in der „Rebe“ einen Schoppen Buchholzer auf Dich. An einem andern Tisch saßen Bürger. Einer las aus einem Blättchen vor, Schimpfliches von Juden. Von einem polnischen Schnapshändler, der deutschen Soldaten Methylalkohol verkaufte und ihrer elf tödlich vergiftete, von ostpreußischen Viehhändlern, denen das Militärkommando ihr Bauern bewucherndes Geschäft einstellt, von Goldaufkäufern und von englischen Lords, deren Wiegen in deutschen Judengassen standen, die indes heut an der ja schon mißglückten Verderbung Deutschlands ihren wetteifernden Ehrgeiz aufwenden. Ich erhob, im schönen Deingedenken grob gestört, laut Einspruch; man hörte, ein Teil stimmte bei, aber es war eine so üble Mischung in mir angerührt, daß ich ging. Vielleicht schwiege ich auch in diesem Brief besser von der Geschichte; doch wer kann solche Eindrücke fortwischen? Du, wie ich, wir beide wissen aus manchen Gesprächen, daß jener gegen Eure Art gerichtete Instinkt nicht nur künstlicher Zucht ist, noch einseitiger Wurzel. Die dort am Weintisch Bemakelten sind leider bezeichnende Gestalten, während ich hinwiederum über die ungeheuerlichen Verallgemeinerungen erschrecke, in der sie auf unserer Seite gesehen werden. Ich darf Dir sagen, wenn im Volk etwa von Kriegswucher geredet wird, dann kommt gewiß von einer Stimme gleichsam als unlösbares Kuppelwort der Name Jude dazu; Ihr habt die Teuerung herbeigeführt; frevelt in Heereslieferungen; und wenn nach dem Profit des ganzen Weltbrandes gefragt wird, rechnet ihn ein Extr^eingeweihter dem Judenkapital zu. Die vielen Guten unter Euch und die vielen Ernsten unter uns mögen oft in diesen Tagen, da sich das deutsche Volk wunderbar neu zusammenfindet, fragen, welchen Platz Ihr in der gereinigten Gemeinschaft einnehmen werdet. Und warum soll es Zunge oder Feder nicht drängen, die Sorge auszusprechen? Unter die hellen Stunden meines Lebens zähle ich, Freund, unsere Wege an den Ufern des Bodensees, durch deutsche Landschaft, vom Atem deutscher Erde angeweht. Wenn wir von deutschen Dichtern sprachen, von unseren geliebten, und von dem geheimen Wunder ihrer Gedichte, warst Du dann, Bruder, nicht ganz in Deiner Heimat, in der Wiege eines beglückenden Gleichgefühls mit allem was diesem freundlichen Boden entwachsen an Kraut und Blume und Baum und Getier und Mensch und Dörfern und Städten und Kirchen und Glocken und Sinn und Sei"? Sprach Dein Herz nicht stumm und tief das Wort „Vaterland“ aus? Dann aber in anderen Stunden sah ich manchmal etwas von einer Hoffart sich in Dir erheben, wie aus einer Abwehr, und Du sagtest wohl: „Ich möchte nichts anderes als ein Jude sein.“ Das war indes, und blieb Dir selber nicht verborgen, weil Du leicht fühlende Seelenwände trägst, die das Feindselige schmerzhaft empfinden, das von unseren und Euren gröberen Generationen gegeneinander spielt. Denn es ist so, wir haben alle die Last der Mängel unserer Stämme irgendwie in uns mit aufgebürdet, auch wenn wir glauben, sie sipßenmal abgelegt zu haben. Du Keuschester in geldlichen Dingen mußt erröten an jeder Unbedenklichkeit, die in Eurem Lager verübt wird; und ich weiß mich mit dem roh gezimmerten Unverstand verantwortlich, der aus unserem Bürgertum auch Euch edel Suchenden widersteht. Als Bub daheim hatte ich einen jüdischen Schulkameraden. Er führte mich oft in sein Haus zu seiner gescheiten, frommen Mutter, die vom Städtlein verehrt wurde und mir insbesondere mit dem feinen Geheimnis ihrer Güte Wohltat. In unserer Gasse wohnte auch ein Handelsmann, der im Geruch eines Halsabschneiders stand. Als dieser einmal darob sogar vor Gericht gekommen und gerade knapp dem Urteil entschlüpft war, fand man ihn am andern Tag durch einen Steinwurf schwer verletzt liegen. Den Stein hatte der kleine David Stern geworfen. Die enge Welt ringsum staunte. Beim Verhör gefragt, warum er’s getan habe, bekannte des biblischen Königs Namensenkel stolz: „Meine Mutter sagt, der Samele hat der Synagog Schande gemacht“. Jakob, das war einer von Deiner Sorte, die unter Euch gedeiht und führen wird. Es wächst ihrer schon eine Mehrheit, ein unausgesprochener Bund der Reinlichkeit. Dessen Mitglieder schauern vor dem Gedanken, daß man sie mit Preistreibern und Vaterlandsbetrügern zusammen nennt.