Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138088--01333-9074157- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9 Das Jüdische Echo 105 ausgefranzten Fäden des abgetragenen Kaftans vermengen. Ein bleiches Gesicht schaut unter der zerrissenen Mütze hervor. Es ist der Dalles selbst. „Friede sei mit dir. Mendel!“ begrüßt ihn der Millionär. „Auch mit dir sei Friede!“ antwortet Mendel- Dalles. Er kommt zum Tisch. Der Hausherr umwickelt sich die Rechte mit einer Serviette und reicht sie dem Gast. Dasselbe tun die Schwiegersöhne und die Enkel. Nur einer von den Enkeln verzieht dabei den Mund. Hätte man ihm zu der goldenen Uhr auch noch ein Anhängsel gekauft, so hätte er den Mund vielleicht nicht verzogen. Mendel bemerkt es aber nicht. Er lächelt: „Du hast etwas zu viel Weiber an deinem Tische sitzen, Ojser!“ „Es sind ja lauter eigene!“ antwortet Ojser sehr ernst und seufzt. In der Tiefe seiner Seele hat er eigentlich Zweifel, ob auch die Schwiegertochter zu den eigenen gehört. „Weißt du was, Ojser?“ sagt Mendel weiter. „Ich will einen Schluck Branntwein nehmen.“ „Gut!“ „Kinder, macht mir Platz!“ Und Mendel-Dalles zwängt sich zwischen zwei Enkelsöhnen an den Tisch heran und nimmt einen Schluck Branntwein. „Und etwas dazu?“ wendet er sich an die Hausfrau und blickt sie mit seinen feuchten Augen an. Reb Ojser wirft einen zornigen Blick der ganzen Reihe Weiber zu: wissen sie denn nicht selbst, daß man zum Branntwein etwas beißen muß?! Die Hausfrau versteht wohl den Blick, hat aber keine Lust, aufzustehen. „Nehmt ein Stück Hühnerbrust!“ „Fällt mir nicht ein!“ antwortet Mendel. „Dazu werde ich mir erst die Hände waschen, wie es sich gehört! Vorläufig will ich ein Stück Honigkuchen; ich habe Anrecht auf Honigkuchen!“ „Sag einmal, Sore,“ wendet er sich an die Hausfrau, „hast du inzwischen nicht wieder eine Tochter verheiratet?“ Eines der Mädchen verzieht das Gesicht und bringt von der Kredenz ein Stück Honigkuchen. Mendel-Dalles trinkt zum Wohl und ißt dazu Honigkuchen. Jetzt werde ich mich waschen.“ Er sieht sich um, entdeckt das Waschgeschirr und wäscht sich die Hände. Eine Dienstmagd trägt eine dampfende Schüssel herein. Reb Ojser wirft seinem Weib einen bösen Blick zu . „Trag die Schüssel vorläufig zurück!“ sagt die Frau zur Dienstmagd. „Es ist ja ein Gast gekommen.“ Die Dienstmagd sieht den Gast etwas spöttisch an und geht fort. * * * Nach dem Essen und Bentschen verjagt Mendel mit dem beißenden Rauch seiner Pfeife alle Weiber aus dem Zimmer. Er lächelt zufrieden, sieht sich um und findet endlich das, was er sucht: ein Sofa. Der Kopf ist ihm etwas schwer; auch hat er schon lange keinen so schweren Magen gehabt. Er erhebt sich mühsam vom Stuhl, geht wankend zum Sofa und streckt sich darauf aus. Reb Ojser fragt: „Willst du etwas schlafen?“ „Ja, und später will ich mit dir reden.“ Er gähnt und sagt: „Ich bleibe bei dir, so Gott will, einige Tage.“ „Gut. Jetzt schlafe,“ sagt Reb Ojser, das Zimmer verlassend. Die übrigen Familienmitglieder folgen ihm. * * * Reb Ojser kommt nach einigen Stunden wieder ins Eßzimmer. Mendel liegt bereits mit offenen Augen da. „Nun, wie geht’s, Mendel?“ fragt er ihn und setzt sich ihm zu Häupten auf einen Stuhl. „So—so!“ antwortet Mendel. „Kann ich nicht ein Glas Tee haben?“ Reb Ojser klingelt und bestellt bei seiner Frau, die sich in der Türe zeigt, den Samowar. „Was bist du eigentlich hergekommen?“ fragt Reb Ojser. „Du willst wissen, was ich hergekommen bin?“ wiederholt Mendel die Frage. „Ich verheirate ein Kind!“ „Deinen Schmerl?“ „Nein, ich; habe noch eine ältere Tochter.“ „So?“ „Gewiß . . .“ „Und nun?“ „Nun brauche ich natürlich ... die Mitgift . . .“ „Von mir kannst du gleich fünfundzwanzig Rubel haben!“ Mendel setzt sich auf. „Sollst dich schämen!“ „Wieviel willst du denn?“ „Wieviel ich will? Ich will fünfhundert Rubel.“ „Fünfhundert Rubel?“ wundert sich der Millionär. — „So habe ich es versprochen.“ „Nun? Und wenn du es schon versprochen hast?“ „Narr! Das hatte ich: mir ja auch gedacht, als ich es versprach. Nun geschieht aber ein Unglück. Hör nur, was einem passieren kann. Meine Tochter wurde . . . etwas unwohl ... Es war überhaupt nicht der Rede wert. . . Kennst du aber den Motje-Schezgez? Als wir beide neulich bei einer Streitigkeit Schiedsrichter waren, gerieten wir selbst in Streit . . . Also setzt er sich hin und schreibt einen Brief an den Mechutten3) . . .“ „Was sagst du?“ fragt Reb Ojser und verzieht das Gesicht. „Das, was du hörst!“ „So ein Sünder in Israel!“ „Ich fahre ja auch deswegen zum Rebben... Er wird schon seine Strafe haben... Doch was geschehen, ist geschehen... Und weißt du, was er, ausgelöscht sei sein Name, geschrieben hat? Daß sie die Fallsucht hat, hat er geschrieben! Mir kannst du ja glauben: sie hat bisher nur einen Anfall gehabt; höchstens — zwei, mehr nicht, mein Ehrenwort!“ Mendel macht eine Pause und zieht an seiner kalten Pfeife. „Hier hast du eine Zigarre!“ sagt der Hausherr. Mendel nimmt die Zigarre, steckt sie an und fährt fort: „Und jetzt, verstehst du, sagt der Mechutten, daß ich das ganze Geld einzahlen soll.“ „Diese Frechheit!“ schimpft der Millionär. „Gewiß! Der Hund will natürlich die Verlobung auflösen, ohne mir Abstandsgeld zu geben!“ 3) Mechutten — Brautvater und im weiteren Sinne jeder nähere Verwandte der Braut.