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Das jüdische Echo · 1917-03-02 · 9 (2.3.1917) · p. Seite 104

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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104 Das Jüdische Echo Nr. 9 dem absolut Menschlichen näherkommt als unsere ganze Zivilisation.“ — „Die ostjüdische Gemeinschaft als ein ernsthafter Versuch, das ganze gemeinsame, nicht bloß individuelle, ausnahmemäßige Leben auf Geistigkeit aufzubauen, diese echte Demokratie, die nur seelischen Rang schätzt, sollte exemplarische Bedeutung für die Neueinrichtung der menschlichen Kultur nach dem Kriege bekommen.“ — „Als eine Botschaft des allewigen, unbeirrbaren Geistes an die gesamte Menschheit, zu ihrer Belehrung und Gesundung — so soll man diese Novellen lesen! Das Gute, von dem sie künden, möge auch bei anderen Völkern Frucht tragen, und das Mangelhafte, das sie nicht verhüllen, auch in ihrem eigenen Milieu behoben werden.“ Es ist nur zu wünschen, daß die so warm geschriebene Empfehlung Brods dem Buche zu einem Erfolge verhilft, den es wahrlich verdient. „Neue Jüdische Monatsheste“. Das soeben erschienene Heft 9 hat folgenden Inhalt: Dr. Goldmann, Judentum und Judenheit. Dr. Adolf Friedemann, Politisierung des deutschen Judentums. Die Lodzer Stadtratswahlen. Arno Nadel, Adam, ein Drama. Prof. Dr. Cohen, Betrachtungen über Schmollers Begriff. Dr. Oppenheimer, Soziologische Tagebuchblätter. Deutsch von Feuilleton „Haknossas Kallo“.1) Von J. L. Perez. Aus dem demnächst bei R. Löwit in Wien erscheinenden Band: „Chassidische Geschichten“ von J. L. Perez, Deutsch von Alexander Eliasberg. Reb Ojser Hoffenstand ist, unberufen, ein reicher Mann, vielleicht sogar Millionär. Auf dieser Welt hat er schon was zu sagen; und auf j en e r Welt — erst recht! Er sitzt gerade beim Mittagessen. Der Tisch ist reich gedeckt. Die Mahlzeit beginnt mit Hering, Sardellen und Sardinen ... Silber — wie Holz! Silber funkelt auf dem Tisch und in der offenen Kredenz. An den Wänden hängen an die zehn silberne Platten, die in der Kredenz keinen Platz mehr fanden. Oben auf dem Schrank steht eine große silberne Chanuka- Lampe mit getriebenen Blumenrohren; rechts und links von ihr halten zwei riesengroße Sabbatleuchter Wache. Reb Ojser selbst ist ein kleines, hageres Männchen und verschwindet ganz im großen, mit rotem Samt überzogenen Großvaterstuhl. Seine grünsamtene Mütze von einer eigentümlichen spitzen, hohen und steifen Form reicht kaum über die Stuhllehne; die Form ist seine eigene Erfindung! Mit dieser Mütze wird er in der chassidischen Überlieferung von Mund zu Mund ewig weiterleben. Er wird im Paradiese bereits beim Studium der Mischna angelangt sein (beginnen wir ja mit dem Buchstabieren), und seine Enkel werden (so hofft er) noch immer die Ojser-Mütze tragen. *) Wörtlich: „Verheiratung der Braut“; die Pflicht, einem armen Mädchen die Heirat zu ermöglichen, indem man ihr Mitgift und Aussteuer stiftet. Er ißt schweigend, mit ernstem Gesicht, gerunzelter Stirne, ohne jemand der Tischgenossen anzublicken. Der lange Tisch ist gut besetzt. Rechts sitzt eine Reihe Weiber: sein Weib, zwei Töchter, eine Schwiegertochter und drei Enkeltöchter. Links — die Männer: zwei Söhne, ein Schwiegersohn und drei kleine Enkel. Sein Weib trägt ein gesticktes Haarband unter einer tiefen Haube mit breiten feuerroten Bändern. Die Töchter tragen Scheitel, die Schwiegertochter ist bereits bei einer Perrücke aus gekreppten Haaren angelangt. Die Mädchen dürfen sich ihre Haar nicht verunstalten. Ihre Haare flattern frei über den schmalen Stirnen, bis die Zeit kommt, wo man sie ihnen abrasiert. Wer weiß . . . Noch vor einigen Jahren saß am oberen Tischende Reb Ojsers Mutter: eine Frau mit einem Stirntuch, einer Haube, langen Ohrringen und einem Brusttuch. Nun ist sie schon auf der wahren Welt. Auch die Männer tragen sich verschieden. Reb Ojser selbst hat seinen chassidischen „Zylinderhut“ auf; der Sohn — ein spitzes und die Schwiegersöhne flache und kantige Käppchen. Die Enkel tragen bereits Mützen, die Reb Ojser manchmal mit einem unzufriedenen Blicke streift: der Hutmacher hat die Form verunstaltet und die Mützen nicht hoch genug gemacht! Vor acht Tagen saß am gleichen Tisch noch ein Melamed in einem gesteppten Kaftan; nun hat er einen Rabbinerposten in einer kleinen Stadt bekommen. Also muß Reb Ojser erst zum Rebben fahren, um sich nach einem neuen Melamed umzusehen. Den ersten besten läßt er doch nicht zu sich ins Haus! „Die neuen Zeiten . . .“ denkt er seufzend. Er sieht, wie die Zeit jeden Augenblick einen neuen Stein von der Mauer herunterreißt, die er so kunstvoll als Schutzwehr gegen die große ketzerische Welt errichtet hat, zu der er nach seinem Vermögen eigentlich gehört. Die neue Zeit sickert wie Wasser in seine Arche hinein, in die er sich vor der „deutschen Sintflut“2) hat retten wollen, so daß keiner von seiner Familie sich auch nur einen Fuß benetze! Doch es geht nicht! Eine Enkeltochter, die eben erst etwas lesen und schreiben gelernt hat, wurde neulich beim Lesen eines Romans ertappt. Eine Schwiegertochter hat sie beim Großvater angezeigt. Es versteht sich, daß in einem Roman nichts Gutes steht! In einen Enkelsohn war plötzlich der Teufel gefahren: er wollte unbedingt in eine städtische Schule eintreten. Nichts half: weder Zureden noch Bitten, weder Ohnmachtanfälle, noch Schläge. Schließlich mußte man ihm eine goldene Uhr schenken, um ihn von seinem Wunsche abzubringen. Reb Ojser zieht die Brauen noch stärker zusammen. Er sieht mit seinen alten Augen, die schon so viel geweint und so viel Psalmen gelesen, so viel Geld gezählt und so viel vom Leben gesehen haben, daß die Zeit kein Erbarmen kennt und all das Alte, Verschimmelte, Heilige nach und nach auslöscht. * * * Die Türe geht auf. Es erscheint ein alter, gebückter Jude, mit weißem, zerzaustem Bart, dessen Haare sich mit den 2) Deutsch — so viel wie europäisch, nichtjüdich.

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