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Das jüdische Echo · 1917-03-02 · 9 (2.3.1917) · p. Seite 101

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Das Jädische Echo 101 deren sich die Juden in Polen erfreuen, zahlreich genug sind, um eine genügend deutliche Vorstellung von dem Wesen und der Eigenart dieser seltsamen Gleichberechtigung zu geben. Und gerade im Hinblick auf die Betonung der „Gleichberechtigung“ durch Graf Roniker sei daran erinnert, daß die Aktivisten es gerade sind, die in dem, was sich in Polen in den letzten anderthalb Jahren ereignet hat, die führende Rolle gespielt haben und sie somit auch an den erwähnten Beispielen der „vollen Gleichberechtigung“ den Hauptanteil der Verantwortung tragen. Nicht minder interessant und ebenso seltsam anmutend in der Beleuchtung, die sie durch die realen Verhältnisse erfahren, sind die weiteren Erklärungen des Grafen Roniker zur Judenfrage. Er verweist auf den „Frieden, in dem die Juden seit Jahrhunderten in Polen lebten, bis der russische Störenfried kam und die beiden Elemente in russischem Staatsinteresse gegeneinander hetzte“. Beide Bemerkungen sind gewiß richtig. Jahrhundertelang haben die polnischen Juden in der Tat in Frieden gelebt, allerdings nur solange, als sie nicht eigene politische Rechte für sich verlangten; und nicht minder richtig ist es auch, daß die russische Regierung im eigenen Interesse Juden und Polen gegeneinander zu hetzen sich bemühte. Aber dennoch wäre es irreführend und würde es eine Entstellung der Tatsachen bedeuten, wollten die Polen die Schuld an der traurigen Lage des polnischen Judentums, wie es nach den Worten des Grafen Roniker den Anschein hat, allein der russischen Regierung zuschieben. In hohem Grade tragen die Polen selbst die Verantwortung an all dem Unrecht, das den Juden in Polen angetan wurde; und was wäre ein besserer Beweis hierfür als die Reihe von Ungerechtigkeiten, die ihnen in der kurzen Spanne Zeit seit dem Wegzug der Russen zugefügt wurden, und die in manchem noch ärger sind als die Grausamkeiten der russischen Regierung. Unter diesen Umständen muß es auch befremdend wirken daß Graf Roniker es für nötig befindet, mit so starker Betonung auf die Pflichten der polnischen Juden dem polnischen Staat gegenüber hinzuweisen. Diese Pflichten sind von ihnen nie bezweifelt worden, und zu allen Zeiten der polnischen Geschichte haben die Juden ihre Pflichten ihrem polnischen Vaterlande gegenüber treu erfüllt. Aber in der Situation, in der sie sich heute befinden, die trostloser und ärger ist denn je, scheint es uns für jeden polnischen Politiker angebrachter zu sein, in erster Reihe von den Pflichten zu sprechen, die der polnische Staat seinen jüdischen Bürgern gegenüber zu erfüllen hat. Bis heute ist von einer ernsten aufrichtigen Bereitschaft der polnischen Gesellschaft und der polnischen Parteien, diese . Pflichten zu erfüllen, wenig zu merken gewesen. Mit Erklärungen und rhetorischen Bekenntnissen zu einer papiernen Gleichberechtigung ist es nicht getan. Darf man erwarten, daß wenigstens die Gruppen, zu deren Führer Graf Roniker zählt, in Zukunft alles tun werden, um die Gleichberechtigung Wirklichkeit werden zu lassen, statt sie, wie bis heute, als Prunkstück für das liberale Europa zu benutzen, dessen man im eigenen Lande nicht zu bedürfen glaubt? Solange nicht die Polen mit dem Prinzip der „vollen bürgerlichen Gleichberechtigung“ der Juden Ernst machen, kann man alle Erklärungen ihrer Führer in der Judenfrage, die in Form und Inhalt derjenigen des Grafen Roniker zu gleichen pflegen, nur mit einem starken Mißtrauen aufnehmen, zu der die bisherigen Ereignisse und die gegenwärtigen politischen Verhältnisse uns leider nötigen. Welt-Echo Die Hochflut des Antisemitismus. Zu einem unter dieser Überschrift in der „Welt am Montag“ erschienenen Aufsatze Gerlachs schreibt der österreichische Reichstagsabgeordnete Dr. Mataja in der klerikalen „Wiener Reichspost“: „Der Herr Gerlach hat recht. Eine Hochflut des Antisemitismus steht nicht nur bevor, sie ist schon da. Herr Gerlach irrt nur darin, daß er diese Hochflut auf eine künstliche Agitation zurückführt. Im Gegenteil. Die Agitation schläft, aber der Antisemitismus lebt In allen Kreisen und Schichten der arbeitenden Bevölkerung ohne Unterschied des Standes ja sogar ohne Unterschied der Parteirichtung. Nicht antisemitisch sind heute höchstens nur mehr die Bankdirektorm, die Kriegsmillionäre und einzelne Politiker. Wünscht aber Herr Gerlach oder sonst jemand die Ursachen dieser starken antisemitischen Strömung zu erfahren, so braucht er sich lediglich an den nächstbesten Passanten auf der Straße zu wenden; es kann ihm jeder die notwendige Auskunft geben“. Die „Welt am Montag“ bemerkt hiezu: Bei Dr. Mataja ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Daß z. B. die österreichischen Sozialdemokraten Antisemiten geworden seien, glauben wir bis zum Beweise durch die Wähl nimmermehr. Richtig ist nur, daß die Antisemiten mit allen Mitteln der Demagogie bemüht sind, alle durch den Krieg ausgelösten Stimmungen der Enttäuschung und Erbitteruung auf die Juden als Sündenbock abzulenken. Auf diese Tendenzen werden besonnene Politiker rechtzeitig ihr Augenmerk richten müssen. Die Kunstsammlung der Berliner jüdischen Gemeinde ist dieser Tage vor einer geladenen Versammlung eröffnet worden. Die nicht bloß vom ausschließlich jüdischen, sondern auch vom aligemeinkulturgeschichtlichen Gesichtspunkte aus wertvolle Sammlung verdankt dem vor einigen Kostümfabrik F. u. A. Diringer München, Herrnstraße 23, Hochbrückenstraße 13 königl. bayer., königl. Württemberg , grossherzogl. badische Hoflieferanten Bankkonto: K. Hlialbank, München und Bankhaus Martini u Simader, München. — Postscheckkonto: Nr 3613 München. Telegramm-Adresse: „Dir nger München“. - Telepbon-Nr : 21774, 21775, 21776. Ve^lBffla,pstslt dieser Art in Deutschlar d. 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