Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Das Jüdische Echo 99 mer neue Versuche, ihr Land von Feindeshand zu befreien. Wenn die Juden bloß eine Religionsgenossenschaft wären, so hätten sie sich doch wirklich damit begnügen können, was man ihnen übrig gelassen hatte: mit der Akademie von Jabneh. Da sie aber für keinen Augenblick aufhörten, ein Volk zu sein, machten sie immer neue Aufstände, bis sie schließlich einsahen, daß sie nichts anderes tun konnten als sich innerlich abschließen, sich zurückhalten, schweigen und auf bessere Zeiten w/arten. Rabbi Jochanan ben Sackai verlangte allerdings nichts mehr als „Jabneh und seine Weisen“; er tat es aber ganz gewiß nicht, weil er sich damit begnügt hätte, sondern wie es im Talmudtraktate „Qitin“ ausdrücklich heißt, weil er wenigstens etwas retten wollte. Auch die übrigen Juden beruhigten sich durchaus nicht damit, daß sie die Akademie von Jabneh behalten durften. Mit eiserner Kraft kämpften sie gegen den Feind, bis sie schließlich ermüdeten. Aber selbst in ihrer Ermüdung hatten sie ihre Hoffnung niemals aufgegeben und niemals aufgehört als ein Volk zu existieren. Und was sagt dazu das jüdische Bewußtsein? In allen jüdischen Büchern, wie in den alten so auch in den neuen bis zu den Zeiten der Assimilation werden die Juden nicht anders bezeichnet und betrachtet als ein Volk und eine Nation. Die Juden werden in den Büchern nicht anders genannt als: rvViOt^n HOINH — „Israelitisches Volk“ oder hxrvtn DV — „Volk Israel“ oder 'U und □IxV — „Volk und Nation“. Während des ganzen Mittelalters und auch in der Neuzeit war den Juden noch niemals der Gedanke gekommen, daß sie bloß eine Religionsgemeinschaft seien und in nationaler Beziehung zu den anderen Völkern gehören. Nur bei der knechtischen Assimilation der Neuzeit haben einige Juden aufgehört, ihr jüdisches Volkstum anzuerkennen, und angefangen, sich als Franzosen, Engländer usw. mosaischen Glaubens zu fühlen. Aber die große jüdische Masse hat diese spitzfindige Theorie niemals anerkannt und sich immer für ein ganz eigenes Volk gehalten, als welches sie sich auch jetzt betrachtet. Durchaus falsch ist die Meinung, daß die Juden erst dann anfingen, sich als ein besonderen Volk zu betrachten, als in Europa der moderne Nationalismus auf kam. Im Gegenteil! Zu keiner Zeit (die Epoche der Assimilation ausgenommen) hatten sie sich noch als Angehörige anderer Nationen betrachtet; sie hatten sich vielmehr als ein eigenes und von allen anderen Völkern abgesondertes Volk angesehen. Baute denn Rabbi Jehuda ben Halevy den ganzen Begriff des Judentums nicht auf dem Prinzip der Einzigkeit, Abgesondertheit und Eigenartigkeit der Juden als eines ewigen Volkes auf? Und hat jemand von den großen jüdischen Denkern und Gaonen etwas anderes gedacht? War Abarbanel kein national jüdischer Held? Und was sagt die Thora dazu? Nach der Auslegung des Rabbi Nachum-Leib Weingott*) sagt die Thora: „Die Aufgabe, die das jüdische Volk in der Welt zu erfüllen hat, ist, nicht ein Volk wie die anderen Völker zu sein; nicht durch Spaltnug und Trennung von den anderen Völkern sollt ihr ein Volk sein; im Gegenteil: durch eure guten Taten, durch eure Redlichkeit, durch euer Gottvertrauen, eurem *) Warschauer Prediger und Mitarbeiter im „Jüdischen Wort“. Glauben, durch das „Und wenn du der Stimme deines Gottes folgen wirst“, durch das Halten des Bundes mit dem Herrn sollt ihr ein Wegweiser sein für die ganze Menschheit. Und ihr sollt in den Kampf, in dem ihr euch aufopfern müßt, um den Bund mit dem Herrn zu wahren, auch alle anderen Völker hineinziehen.“ Und weiter heißt es: „Nur wenn die ganze Menschheit gemeinsam mit den Juden den Kampf gegen alles Böse, was es in der Welt gibt, aufnehmen wird, werden die Juden ihre Aufgabe erfüllt haben und aufhören, ein besonderes und einziges Volk zu sein. Die von den ausländischen Predigern vertretene Lehre von der Mission, die die Juden in der Welt zu erfüllen haben, besteht also kurz im Folgenden: Die Juden haben auf der Welt eine besondere Mission zu erfüllen, nämlich, der Menschheit die Ideen des Monotheismus beizubringen. Wenn die Juden der Menschheit diese gute Lehre beigebracht haben werden, haben sie nichts mehr auf der Welt zu schaffen und können ruhig verschwinden. Selbst wenn wir uns diese Ansicht zu eigen machen, brauchen wir uns gar nicht zu beunruhigen: es wird noch lange dauern, bis die ganze Menschheit im jüdischen Sinne erleuchtet sein wird. Was wird aber Rabbi Nachum-Leib Weingott tun, wenn jemand zu ihm kommt und sagt, daß die Völker der Erde diese Belehrung gar nicht brauchen, daß die Lehre des Monotheismus allen Völkern gut bekannt und daß die Bibel unter ihnen nicht weniger und vielleicht noch mehr verbreitet ist als unter den Juden? Folgt daraus, daß die Juden nichts mehr auf der Welt zu schaffen haben und sich ruhig mit den anderen Völkern vermischen können? Ist das aber auch wirklich die Ansicht der Thora? Haben die Propheten das gelehrt? Jeremias lehrte: Solange die Welt bestehen wird, werden auch die Juden als ein Volk bestehen. Wenn es sich wirklich so verhielte, wie uns die ausländischen Prediger einreden wollen, so brauchte Jeremias gar nicht so weit gehen; er könnte einfach sagen: Die Juden werden so lange existieren, bis sie den Monotheismus über die ganze Welt verbreitet haben werden. Auch der Ausspruch des Rabbi Nachum Leib: „nicht durch Spaltung und Trennung sollt ihr ein Volk sein usw.“ ist sehr gewagt. Verhält es sich denn in Wirklichkeit so? Hat uns denn die Thora nicht verschiedene Gesetze gegeben, deren Zweck es ist, das jüdische Volk von den anderen Völkern abzusondern? Wenn der letzte Sinn der Thora wäre, alle Völker in den Dienst des Herrn hineinzuziehen, üjlllllllHIIlillllilllllllllllllllllllllillllllllHIIllllIIIIIIIIIINIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIinilllllllllllllltlllllllllNI „E5KR" I KLEINKUNST- I VERSAND 1 MÜNCHEN 1 Ausstellung aller Zweige des Kleinkunst-Gewerbes | iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiuiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiii