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Das jüdische Echo · 1917-02-23 · 8 (23.2.1917) · p. Seite 93

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 93 Lichte roter Lampen, von allen möglichen Sprachen und Dialekten umrauscht, zu sitzen; und wenn der dicke Pianist mich sah, trank er mir aus seinem Bierglase zu und hämmerte los: und altbekannte Töne von Zigeunerliedern versetzten mich plötzlich ins ferne Rußland. So sitze ich da, schweige, rauche, nicke freundlich unbekannten und doch bekannten Leuten zu, erhebe mein Glas Mosel und verehre Rosen der freundlichen Kathi oder der hübschen Kellnerin; ich bin allein und doch nicht allein. Leichte Gedanken kommen mir in den Sinn und es ist so leicht, vor der schweren Gegenwart in sich selbst zu flüchten. So saß ich an einem Abend da, der Pianist spielte einen Walzer nach dem andern, und ein verabschiedeter Leutnant trieb mit den Gästen solche Possen, daß sie nicht recht wußten, ob sie böse werden oder lachen sollten. Das Lokal begann sich zu leeren. Der Pianist packte seine Noten zusammen und Kathi Kobus sah besorgt zur Tür hinaus, ob nicht irgendwo ein Schutzmann in der Nähe sei; denn die Polizeistunde war längst überschritten, und sie riskierte eine Geldstrafe. Vor mir saß eine lustige Gesellschaft von Polen. Ihre intelligenten Gesichter und ihr lebhaftes Gespräch hatten schon früher meine Aufmerksamkeit erregt. Ein schwarzhaariger junger Mann mit glatt rasiertem Schauspielergesicht drohte bald mit dem Finger einem rothaarigen, sehr korrekten Polen, der etwas erzählte, und blickte bald lustig nach rechts und links oder nickte den Gästen und den Kellnerinnen. Wir beide waren leicht berauscht und lächelten einander zu. Ich fühlte mich plötzlich zu diesen Polen hingezogen: ich erhob mein Glas und brachte einen Trinkspruch auf Polen aus. Alle sprangen sofort auf und umringten mich; der schwarze junge Mann umarmte mich und sagte mir etwas sehr freundliches was ich kaum verstehen konnte: in seiner echten, jugendlichen Fröhlichkeit war ein Gemisch von polterndem Humor und großer Natürlichkeit. „Sie haben wohl etwas mit der Literatur zu tun, man sieht es Ihnen gleich an!“ schrie er, seinen Zeigefinger unmittelbar vor meiner Nase schwingend. „Auch ich bin Schriftsteller: ich schreibe Dramen; ich bin Schalom Asch, der jüdische Dichter“. Er warf sich stolz in die Brust, doch er machte das so naiv und nett, daß es mir gar nicht einfiel, ihm Größenwahn vorzuwerfen; umsomehr als er beinahe noch ein Knabe war. So lernten wir uns zufällig in der Kneipe kennen. Und wir setzten später die Bekanntschaft fort und trafen uns in Kneipen, Cafes, bei einander auf der Straße und bei Przybszewski. Dann verschwand er ebenso plötzlich aus meinem Gesichtskreise, wie er aufgetaucht war. Damals wußte ich noch so gut wie nichts von diesem begabten jüdischen Dichter und hatte sogar noch keine Zeile von ihm gelesen. Am nächsten Tage nach dem beschriebenen Abend hatte ich etwas in einer Bank zu tun. Wie ich mich dem Bankgebäude nähere, höre ich eine freudige Stimme: „Das ist ja der russische Schriftsteller!“ Ich wende mich um und erblicke meinen Bekannten von gestern in Gesellschaft irgend eines Polen. Er will mich einholen und blickt mich freundlich mit seinem sonderbaren Gesicht an, das etwas von einem Kinde und zugleich von einem Seher hat; mit dem Gesicht eines gutmütigen, komisch-stolzen und dabei etwas erschrockenen Vogels. Der Pole verabschiedet sich. Wir bleiben vor dem Bankportal stehen; wir sind etwas verlegen und wissen nicht, was wir einander sagen sollen. Ich sehe ihm an, daß er große Lust hat, sich mir anzufreunden, wie es die neunjährigen Jungen machen, die ihre Bekanntschaft direkt mit den Worten beginnen: Wollen wir Indianer spielen?! — „Wo gehen Sie hin?“ — „In die Bank.“ — „Schön, gehen wir hinein, ich will auf Sie warten.“ Und er saß mit wichtiger Miene da und wartetete, bis ich mein Geld bekommen hatte. — „Jetzt wollen wir etwas bummeln!“ Und wir zogen Arm in Arm durch die lustigen Münchener Straßen. Mein Begleiter musterte alle jungen Damen, blieb vor jedem Schaufenster stehen, stürmte bald wie wahnsinnig vorwärts und blieb bald wie angewurzelt stehen. So bewegten wir uns ziemlich ungeschickt und planlos durch die Straßen. Er schwatzte in einem fort, und das war bei ihm so natürlich und nett. Bald blickte er mich mißtrauisch von der Seite an als ob er mich in Verdacht hätte, daß ich ihn für einen leichtsinnigen dummen Jungen halte. Er sah mich mit drolligem Ernst an, tippte mich mit dem Finger in die Brust und sagte: „Ich bin tatsächlich Asch, und meine Stücke werden da und da gespielt.“ Als ob ich glaubte, daß er mich betrüge. Und er zählte alle möglichen Länder und Städte auf, wo seine Dramen gegeben wurden. Und olles, was er tat und was er sagte, war so natürlich und lustig, daß es mir ganz heiter zu Mute wurde. Wir plauderten über alle möglichen Dinge, und seine kindlichen Spässe amüsierten mich. Zuweilen machte er sich über sich selbst lustig: „Armer Asch, dummer Asch, was wird sich der russische Dichter von ihm denken?!“ Doch wenn wir irgendeinem wie eine Puppe ausgeputzten kleinen Mädchen begegneten, oder uns ein Hund in den Weg kam, vergaß er gleich wieder seinen Vorsatz ernst zu sein, und begann mit den Fingern zu schnalzen. Asch ist der erste und wohl auch der einzige unter allen mir bekannten Schriftstellern, mit dem man nicht unbedingt gescheite literarische Gespräche zu führen braucht; nach solchen Gesprächen habe ich immer einen sauren Nachgeschmack im Munde, und die Sonne scheint mir plötzlich etwas trüber und freudloser. Wir trieben uns am ersten Tage unserer Bekanntschaft wie sorglose Kinder in den Münchner Straßen herum, beguckten alle Anlagen, standen schweigend vor den Springbrunnen, machten ganz zwecklose Kreise und kehrten immer wieder ein jeder zu seinem Kreise zurück. „Ich will Ihnen die Übersetzung meines ,Gottes der Rache* geben,“ sagte er mir beim Abschied mit veränderter, nicht mehr kindlicher Stimme: „Sie müssen das Drama lesen und mir ganz aufrichtig sagen, was Sie davon halten.“ Am Abend trafen wir uns wieder in der Kneipe. Asch saß mit einer Rose im Knopfloch im Kreise seiner Bewunderer. Jetzt war er wichtig und ernst, oder gab sich vielmehr Mühe, wichtig und ernst zu scheinen. Das wollte ihm aber nicht recht gelingen: bald machte er einen solchen Lärm, daß die strenge Kathi Kobus ihm mit dem Finger drohen mußte, und bald zerpflückte er mit verzweifelter Gebärde seine Rose, warf die Blätter in den Wein, ließ den Konf hänflnna Strampfer vorm. Franz Musil FEINE DRMENSCHNEIDEREI Telephon 26186 München 5chellingstr.10

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