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Das jüdische Echo · 1917-02-23 · 8 (23.2.1917) · p. Seite 92

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
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92 Das Jüdische Echo Nr. 8 der ihre kulturellen Angelegenheiten leitet. Auf diese Weise werden die kulturellen Angelegenheiten von der allgemeinen Steuerzahlung ausgenommen und jeder Einwohner zahlt eine Abgabe nur für seine eigene Kultur. Wir müssen noch darauf hinweisen, daß sogar die Polen selbst an der Durchführung eines solchen Problems interessiert sind. Denn in derselben Lage, wie die Juden, Deutschen, Ruthenen und Litauer in Polen sind, befinden sich die Polen in Litauen. Das Programm der Polen in dieser Frage hat folgende Lesart: „Den Polen ist in den Ländern, wo sie eine der Nationalitäten bilden, z. B. in Litauen, volles bürgerliches und nationales Recht zuzuerkennen ... Eine spezielle Wahrung der Rechte der Polen in diesen Ländern ist nicht nur historisch, sondern vor allem auch durch die Tatsachen begründet, denn sie bilden dort zusammenhängende Massen, die ihr eigenes Kulturleben haben.“ Daraus sieht man, daß dort, wo es für die Polen nötig ist, sie es ebenso vestehen, wir wir Juden. Und da sowohl wir Juden, wie die Polen keine physische Gewalt haben und alle unsere Hoffnungen auf den Triumph der Gerechtigkeit stützen, kann man hoffen, daß von dieser Gerechtigkeit alle Nutzen haben werden. Die Wahlen für den Lodzer Stadtrat sind wie folgt ausgefallen: Es sind insgesamt 60 Ratsmänner gewählt und zwar: 10 Deutsche, 19 Polen und 31 Juden. Unter den letzteren befinden sich 2 Assimilanten, 4 Neoassimilanten und 3 Sozialisten, die übrigen sind Nationalisten verschiedener Richtungen. Der national-jüdische Gedanke hat demnach im Lodzer Stadtrat einen entscheidenden Sieg über die Assimilation davongetragen, was für die Wahlen in den polnischen Provinzstädten und für die weitere nationale Entwicklung der jüdischen Bevölkerung von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein wird. Innerhalb der national-jüdischen Fraktion herrscht noch allerdings einige Uneinigkeit, die mit der Zeit wohl überwunden sein wird. Vorschlag. Dem „Israelit. Wochenblatt für die Schweiz“ zufolge hat Herr Felix P i n k u s der für den 18. Februar einberufenen Konferenz des schweizerisch-zionistischen Verbandes eine Resolution vorgelegt mit der Forderung, die Leitung der zionistischen Organisation während des Krieges nach den Vereinigten Staaten von Amerika zu verlegen. Begründet wird diese Resolution u. a. mit der Notwendigkeit, die zionistische Leitung in ein neutrales Land (was Amerika nicht mehr ist) mit einem großen jüdischen Zentrum zu verlegen, wo eine bedeutende jüdische öffentliche Meinung mit völliger Rede- und Preßfreiheit besteht. 1 fKgf. ‘Bayer. ‘Porzeffan* 1 l.TRanufakiur ‘Rympßenburg ffiaupiniederlage QJ[ünchen: Qdeonsplat) 1 9Cunstu. ßuxusgegenstände, Tafeß, bessert», M i'Kaffeeu. Teegeschirre, Tiguren, Gruppen eic. J Bnacf affen flympfienburger OriginalfRodeflen. f Außerdem neue Tormen und ‘Ulodeffe nach Gnt* jj K würfen erster ffllünchner {Künstler. ) Feuilleton Schalom Asch in München. Von Andrej B j e l y j. Deutsch von Alexander E l i a s b e r g. Der alte glattrasierte Pianist mit einem Gesicht, das halb an einen Bierbrauer und halb an einen verfetteten Beethoven erinnerte, stürzte ein Glas Rheinwein herunter und drängte sich durch das Publikum zum Klavier, um zuerst irgend einen Cake-Walk, dann Grieg oder Wagner und zum Schluß einen feurigen Czardas zu spielen. Die Tische waren von gedämpftem rotem Licht übergossen. Die gemütliche Münchner Kneipe war überfüllt, wie jeden Abend. Hier versammelten sich Schauspieler, Künstler, Kritiker und Dichter; die gutmütigen Bayern hielten sich höflich im Hintergründe, um den Ausländern Platz zu machen: ein jeder vergnügte sich hier nach seinem Geschmack, doch in der ganzen fröhlichen Stimmung war nichts, was die Harmonie hätte stören können. Alle gaben sich einfach, ungekünstelt, und zugleich so korrekt, daß nichts Gemeines aufkommen konnte. Die ältliche, doch noch immer hübsche Besitzerin ging als gastfreundliche Dame des Hauses von Tisch zu Tisch, reichte dem einen die Hand, nickte dem andern zu und blickte zugleich mißbilligend in eine Ecke, wo allzu laut gelacht wurde. Sie war ein guter Kamerad in diesem Boheme-Kreise, konnte aber auch bei Gelegenheit energisch werden und einen Gast, der zu tief ins Glas geblickt hatte, hinauswerfen. Die Jugend hatte großen Respekt vor Kathi Kobus, besuchte aber sehr gerne ihre Kneipe; Künstler schenkten ihr Rosen und verehrten ihr manchmal Skizzen, besonders wenn sie kein Geld hatten, um die Zeche zu bezahlen. Viele verpraßten hier ihr ganzes bescheidenes Einkommen; Kathi pflegte in solchen Fällen dem Unglücklichen eine scharfe Moralpredigt zu halten und ihn dann ganz umsonst zu beköstigen. Doch wehe dem versumpften Genie, wenn seine Kunst Kathis Gefallen erregte: „Sie haben kein Geld? Das macht nichts! Sie sind doch Dichter? Also wollen sie dem Publikum etwas zum besten geben. Oder sind Sie Musiker? Das ist noch besser: Sie werden Ihren Wein bekommen, müssen aber jeden Abend den Pianisten begleiten. Sind Sie Kunstmaler, so müssen Sie eine Skizze hergeben.“ Darum waren die Wände des „Simplicissimus“ (so heißt die gemütliche Kneipe) von oben bis unten mit Skizzen behängen; darum erschienen neben dem Hauspianisten die mannigfaltigsten Gestalten auf dem Podium: Mandolinisten, Violinvirtuosen, Klavierspieler, Dichter und sogar dilettierende Bauchredner. Manchmal erdröhnte ein Czardas, und das Publikum bekam ein improvisiertes Ballett zu sehen: zwei Ungarn kreisten wie der Sturmwind zwischen den Gästen und schmissen alles um: Weingläser, Tische und selbst die Kellnerinnen. Darum geriet ich an den unfreundlichen Oktoberabenden, wenn München in Nebel gehüllt ist, wenn die lichtüberfluteten Straßen schon um neun Uhr abends menschenleer sind und nur vereinzelte Hunde mit eingezogenen Schwänzen herumlaufen und hie und da ein einsamer Schutzmann auftaucht, — Abend für Abend ganz automatisch ins „Simplicissimus“, wo mich die gastfreundliche Wirtin und die mir völlig unbekannten Künstler wie einen alten Freund empfingen. Es war so angenehm, vor einem Glase goldenen Weines, im

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