Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-02-23 · 8 (23.2.1917) · p. Seite 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 91 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138087--01318-9074142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 Das jüdische Echo 91 Geburt das Dasein von vornherein versalzen war. Weil sich in ihren vergrämten Gesichtern das Gefühl, ein Fremdling auf der Erde zu sein, das sich auf dem Antlitz der Besten ausprägt, wunderbar und erschreckend deutlich wiederspiegelt. Weil sich bei ihnen von der kleinen Fläche des menschlichen Angesichts, die man mit zwei Händen Zudecken kann, die Tragödie unseres ganzen Geschlechtes ablesen läßt. Weil in den Runzeln ihrer Stirn, in dem Blick ihrer Augen, in den Falten um ihren Mund die schmerzlichste der Enttäuschungen, die wir im Altern von dem Stoppelfeld unserer Träume sammeln müssen, die Enttäuschung über die Menschheit, erhaben ausgedrückt ist, wie in einem Monument, das man der Erbärmlichkeit der Welt gesetzt hat. Und weil sie endlich trotz alle diesem die Hoffnungsseligkeit der Menschen und die Zuversicht auf ein besseres Jenseits selten ergreifender abmalen läßt als von diesen vergrämten Lippen, die den Tag mit heiligen Psalmen beginnen und beschließen, indem sie ein paar dunkle Sprüche aus dem Talmud vor sich hinflüstern, als wären damit die Schlüssel zum Paradiese gefunden.“ Welt-Echo Die Judenfrage in der bayerischen Abgeordnetenkammer. Bei der Beratung militärischer Fragen im Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer kam der Abg. Dr. Müller- Hof (lib.) auf den bekannten Judenerlaß zu sprechen, den er aufs schärfste verurteilte. Es sei schmachvoll, wenn in dieser ernsten Zeit irgendwelche, konfessionelle Unterschiede gemacht würden. Keine Bevorzugung dürfe es geben, am allerwenigsten wegen plutokratischer Rücksichten, aber auch keine Zurücksetzungen, sondern gleiches R e c h t f ü r a 11 e. Es sei empörend, wenn populäre Rasseninstinkte auf Grund demagogischoberflächlicher Beobachtungen genährt würden, die in ihrer Verallgemeinerung eine ungeheuere Ungerechtigkeit gegen Tausende von tüchtigen Soldaten enthalten. Von diesem Standpunkt aus sei die ganze Judenstatistik im höchsten Grade deprimierend; man mache sich offenbar keinen Begriff, wie tiefbeleidigend eine solche Maßnahme auf ehrliebende Menschen wirken müsse. („M. N. Nachr“) Die jüdischen Rechte in Polen. Der „Moment“ vom 1. Februar bespricht die Wahrung der Rechte der nationalen Minderheiten in Polen: Nach der Proklamation des selbständigen Königreichs Polen steht auf der Tagesordnung die /Tage: wie soll dieser Staat im Innern geordnet sein? Wichtiger noch als für die polnische Nationalität ist diese Frage für die Minderheitsnationalitäten, die in Polen wohnen. Wenn Polen wirklich frei sein soll, darf nicht nur die „herrschende“ Nationalität (die polnische) diese Freiheit genießen, denn sonst wird diese Freiheit für die einen zur Unterdrückung für die anderen. Daß der Staat die Rechte der Minderheit konstitutionell sichern muß, wissen die Polen ausgezeichnet, und da, wo es für sie wichtig ist, motivieren sie es sehr klar und deutlich. Als die Polen im Jahre 1906 von der russischen Regierung Selbstverwaltung forderten, erklärten sie es so: „Bei der allgemeinen russischen Konstitution wird die einfache Gleichberechtigung uns nicht nur in nationaler Beziehung nicht sichern sondern sie wird eine ernste Gefahr bilden. Denn neben der Regierung kann uns dann auch die russische Gesellschaft drücken und plagen und statt der Last der wirklichen Herrschaft würde uns die Maschine der parlamentarischen Mehrheit erdrücken, statt eines rechtlosen Todes würde man uns einen rechtlichen Tod bereiten nach allen Regeln eines konstitutionellen Mordes, der keine Verteidigung zuläßt und keine Aufregung hervorruft.“ Daß diese schönen Worte mit demselben Rechte auch für die Juden gelten, muß jeder ehrlich denkende Mensch zugeben. Die Sicherung der Rechte der Minderheiten ist nicht nur für uns polnische Juden erforderlich. Es ist auch eine wichtige Frage für andere Minderheiten, für die Litauer, Ruthenen und Deutschen. Es ist interessant, daß die Lodzer „Deutsche Post“ den Artikel des bekannten deutsch-jüdischen Publizisten Dr. Adolf Friedemann „Kulturelle Autonomie in Polen“ nachgedruckt hat. Die Statistik beweist, daß nur etwa 76 Prozent unseres Landes der polnischen Nationalität angehören, die übrigen 24 Prozent bestehen aus Juden (15 Proz.), Deutschen (5,3 Proz.), Litauern, Ruthenen und Weißrussen. Außerdem ist darauf hingewiesen, daß unter der städtischen Bevölkerung, die die Hauptrolle im gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben spielt, die Juden einen viel größeren Prozentsatz ausmachen: 30 Prozent, 50 Prozent und in manchen Städten auch 80 Prozent. Den nationalen Minderheiten Selbstverwaltung zu geben, liegt in der Tradition des ehemaligen unabhängigen Polen, das niemals ein „Nationalstaat“ (Staat einer Nation), sondern immer ein „Nationalitätenstaat“ (Staat gemischter Nationen) gewesen ist. Wenn es unmöglich ist, zu der früheren Form der nationalen politischen Autonomie zurückzukehren, die den Juden in Polen in der Form von „Gemeinden“ und „Vorständen“ geschaffen war, so befiehlt doch die elementare Gerechtigkeit, daß jeder Nationalität das Recht auf ihre eigene Sprache und ihre eigene Kultur durch die Schaffung einer kulturellen Autonomie anerkannt wird. Dieser Gedanke ist nicht nur theoretisch richtig, sondern er hat sich auch praktisch ausführbar erwiesen durch die Gesetzgebung in einem Teile der österreichischen Kronländer, in Mähren, in Bosnien und in der Bukowina. Die Durchführung dieser Idee besteht darin, daß jeder Einwohner des Landes sich zu derjenigen Nationalität einschreiben kann, zu der er gehören will. Jede nationale Kurie hat das Recht auf eigene Sprache und Kultur, sie bestimmt über die Schulangelegenheiten und kulturellen Dinge, jede Nationalität wählt einen Schulrat oder Kulturrat in den einzelnen Teilen und einen zentralen Rat für das ganze Land. Beim Landesministerium für Unterricht hat jede Nationaltät ihren Abteilungschef, Am 7. Februar 1917 fiel im Kampfe für das Vaterland unser lieber Turnbruder Max Meier. Der Dahingeschiedene war uns ein lieber Kamerad und erfreute uns noch bis zuletzt mit seinen frohen und zuversichtlichen Nachrichten. Wir werden im allezeit ein treues Andenken bewahren. Jüdischer Turnu, Sportverein Nürnberg. i. A.: Artur Körösi, Vors.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.