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Das jüdische Echo · 1917-02-23 · 8 (23.2.1917) · p. Seite 90

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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90 Das Jüdische Echo Nr. 8 der sibirischen Juden ausgeübt. In den Bibliotheken der literarischen Gesellschaft hat man die jüdischen Bücher vom Schimmel gereinigt und sie ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt. Die Volksschulen, welche die Sibirier für die Kinder ausgewiesener Juden gegründet hatten, wurden im jüdischen Sinne reformiert, und in den Ferienkolonien begegnen wir den Kindern der eingesessenen sowie der eingewanderten Juden, wie sie sich gegenseitig unterrichten, die einen in der jüdischen, die anderen in der russischen Sprache. Zwischen den Emigranten befinden sich auch energische Persönlichkeiten, die dem Organisationssinn der sibirischen Juden Wärme und Innerlichkeit hinzufügen. Die Ausgewiesenen haben von den ansässigten Juden große materielle Unterstützung erhalten und haben ihnen dafür mit geistigen Gütern gelohnt. Skizzen aus Litauen, Weißrußland und Kurland.*) Viel ist bereits über das Land geschrieben worden, das unsere Truppen in siegreichem Sturme den Russen abgerungen und das als das Reich Hindenburgs und Ludendorffs seit mehr denn Jahresfrist unter deutscher Verwaltung steht. Die Schriften häufen sich, in denen darüber polemisiert wird, wie es dort werden soll, verständnisvolle Vorschläge werden gemacht, und bei der noch weitverbreiteten Unkenntnis dieser uns fast fremden Welt mit ihrem Gemisch merkwürdiger Menschen übereilte und falsche Urteile gefällt. Ein Werk hebt sich aus der Fülle der Literatur über den Osten hervor, das nichts weiter will, als uns zeigen, wie es dort i s t. Zwei Künstler haben sich zusammengefunden, um — ein jeder in seiner Ausdrucksform — diese Länder und ihre Bewohner zu schildern, uns in Wort und Bild in diese seltsame Welt einzuführen und ein Erinnerungswerk zu schaffen, auf dem der Abglanz dieser gewaltigen Zeit des Kampfes und Wiederaufbaues ruht. 60 Steinzeichnungen hat der Berliner Radierer Hermann Struck, der als Landsturmmann im Felde steht, gesammelt, zu denen Herbert Eulenberg den Text verfaßt hat. Der bildende Künstler und der Dichter haben dieses Werk geschaffen, das insofern noch von besonderem Interesse sein dürfte, daß es in der Druckerei des Oberbefehlshabers Ost gedruckt und dem verdienstvollen Organisator deutscher Kulturarbeit im Osten, Exzellenz Ludendorff gewidmet ist. Land und Leute ziehen da vor unserem Auge vorüber, charakteristische Volkstypen und Landschaftsausschnitte sind im Bild festgehalten und geben einen Begriff, wie es dort in dem Grenzlande unserer Heimat ausschaut. Das Grauen der Zerstörung und des vernichtenden Krieges spricht aus manchem Blatte, aber auch der Frieden bescheidener Einfachheit und die stille Zurückgezogenheit der kurländischen Parks und Schloßanlagen winkt uns entgegen. Bei der Bedeutung, die die jüdische Bevölkerung im Osten spielt, ist ihr naturgemäß auch in diesen Blättern ein ziemlich großer Raum gewidmet. *) 60 Steinzeichnungen von Hermann Struck, mit Text von Herbert Eulenberg. Hergestellt in der Druckerei des Oberbefehlshabers Ost. Verlag von Georg Stilke, Berlin 1916. Hermann Struck ist ja längst als einer der seelenvollsten Künstler der jüdischen Psyche gekannt und geschätzt. Hier ergänzt er nun unsere Erfahrungen, indem er hauptsächlich solche Typen der jüdischen Bevölkerung zur Darstellung bringt, die durch ihre Erwerbstätigkeit im Westen so gut wie unbekannt sind: den jüdischen Packträger, Lohnkutscher, Fuhrmann und Maurer — kurzum den jüdischen Handwerker; auch die Trödlerin fehlt nicht. Auch interessante Stätten, die mit dem Leben und Wirken, aber auch mit dem Dulden und Leiden der Ostjuden in Verbindung stehen, erscheinen im Bild: so die alte Holzsynagoge in Grodno, die wie eine Pagode oben auf dem Hügel thront, und die Marktplätze in Kowno und Lida, auf denen sich die Marktfrauen und Kleinhändler drängen. Die Judengasse in Wilna mit ihrem bunten Gewimmel gemahnt an aas Treiben des Südens. Gespensterhaft, wie die es umwebende Sage, ragt aus dem Grabe des Ger Zedek ein wildverzweigter Baum hervor: schauervoll wie die Totenlieder erscheinen die Trümmer des alten Judenfriedhofes zu Wilna. Herbert Eulenberg begleitet jedes Bild mit einem Text. Wie sehr sich der Dichter in die Kulturwelt des Ostens eingefühlt hat, beweisen diese kurzen Streiflichter, in denen er oft mit wenigen Worten den ganzen Inhalt der bildlichen Darstellung auszuschöpfen weiß. Manchmal ist es ein ironisches Lächeln über die Unfähigkeit und Unkultur dieser Menschen, immer aber ein tiefes Verstehen, das seine Worte prägt. Erstaunlich aber ist es vor allem, wie weit auch er, der westeuropäische Arier, in die Psyche des Judentums eingedrungen ist. Die Not und Entrechtung dieses hier tief gedemütigten Volkes muß ihm besonders zu Herzen gegangen sein, sodaß er mit der ganzen Glut einer beschwingten Dichterseele diese Ärmsten der Armen angeschaut und aus ihren erloschenen Augen die unbarmherzige Schwere ihres Schicksales herausgelesen hat. „Alles, was hier lacht und handelt, Ist seit Jakob kaum verwandelt. Ew’ges Volk, umhergetrieben, Bist du selbst dir treu geblieben!“ Symerl, den jüdischen Maurer, läßt er das ganze Leid der Russenherrschaft erzählen. Seine Frau ist ihm im Kriege gestorben, seine drei Söhne sind bei der russischen Armee; die Greuel der Judenvertreibungen aus Kowno werden in ergreifender Weise geschildert. Die tiefgründigsten Worte aber, in die das ganze Geschick des Judentums gekleidet werden kann, findet der Dichter in einer Paraphrase, da er Rembrandt, den Maler des Amsterdamer Judenghettos, zum Fürsprecher seiner Gefühle macht. Eulenberg hat hier ein tiefes Bekenntnis ausgesprochen. Erhaben und erschütternd zugleich wirken diese Worte, die ihm unvergessen bleiben sollen. Wir geben sie hier ohne weitere Erklärung, um ihre Wirkung nicht abzuschwächen; sie sollen als die Krone dieses bedeutungsvollen Werkes den Bericht beschließen. D. Karl Schwarz. „Warum malt Ihr so gern alte Juden, Meister?“ fragte man einstmals Rembrandt. „Weil sich das Leid des Lebens doppelt stark in ihren Augen ausspricht. Weil sie das, was wir alle, die wir atmen, durchmachen und nachdenken müssen, noch bitt’rer schmecken mußten als die anderen Menschen, dadurch, daß ihnen durch ihre

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