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Das jüdische Echo · 1917-02-23 · 8 (23.2.1917) · p. Seite 89

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 89 besiedelnden Lande, nach der Bedeutung dieser Kolonisation für das ganze jüdische Volk. Keine andere Kolonisation in irgendeinem Lande und Volke kann uns eine vollständige Analogie zu unserer Kolonisation geben. Wir müssen zum allergrößten Teile erst durch eigene Erfahrungen in Palästina lernen, was uns frommt und was uns schadet, was für uns möglich und was für uns unmöglich ist. Dem Buche ist eine hübsche kleine Karte Palästinas mit den jüdischen Kolonien beigegeben, die nur insofern zu berichtigen ist, als zwischen Nablus und Jerusalem keine Eisenbahn besteht und zwischen Jerusalem—Hebron—Berseba keine Bahn im Bau ist. Dagegen gibt es auf diesen Strecken jetzt gute Landstraßen. R. Bei den ausgewiesenen Juden in Sibirien. Von S. Goldenberg. Die evakuierten Juden wurden bekanntlich nach Sibirien verschickt. Die Leiden dieser Ausgewiesenen sind größer als die aller anderen Ausgewanderten oder Verschickten. Die vor den deutschen Heeren geflüchteten Juden hatten wenigstens Zeit, etwas von ihrem Hab und Gut mitzunehmen und erhielten das Recht, sich einen Wehnplatz zu wählen, während aber die von der Regierung Evakuierten keinen Anspruch auf diese Vergünstigung hatten. Ganze Städte und Städtchen wurden innerhalb 2—3 Stunden entvölkert, die Juden durften nichts mit sich nehmen und über ihren zukünftigen Wohnort wurde ihnen keine Entscheidung gelassen. Sie wurden zuerst von Litauen oder Polen in andere Gouvernements innerhalb des Ansiedlungsrayons ausgewiesen, und als sie von den jüdischen Gemeinden eine Unterkunft erhalten und sich von der beschwerlichen Reise kaum ausgeruht hatten, mußten sie laut neuer Verordnung den weiten Weg nach Sibirien antreten. Der erste Befehl, nach Sibirien auszuwandern, traf im September 1915 die Juden, die sich im PoJtawter Gouverinement während ides Krieges angesiedelt hatten; es waren etwa 50 aus Litauen ausgewiesene Familien, denen hauptsächlich die sibirische Gouvernementsstadt Irkutsk als Wohnort angewiesen wurde. Die jungen Leute mußten den weiten und beschwerlichen Weg mit der bekannten russischen „Etappe“, die älteren mit der sibirischen Eisenbahn 4. Klasse zurücklegen. Immerhin war es noch ein Glück für sie, daß man sie gerade nach Irkutsk ausgewiesen hatte. Hier hatte man vor kurzem eine „Gesellschaft zur Förderung der Gesundheit unter den Juden“ gegründet, die unter den sibirischen Juden Geldmittel für das Petersburger jüdische Kriegshilfskomitee gesammelt hattlek Die telegraphische Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der nach Irkutsk verwiesenen Juden erweckte die innigste Teilnahme der jüdischen Bevölkerung, die von den schrecklichen Leiden der russischen Juden durch die hier stark verbreitet russisch-jüdische Presse genügend unterrichtet war. Die Irkutsker Wohltäter begnügten sich nicht nur damit, ihren armen Brüdern einen würdigen Empfang zu bereiten, sondern sie setzten sich sofort mit den jüdischen Einwohnern der umgebenden Städte in Verbindung und schickten Vertreter dorthin, um in der ganzen Gegend Unterstützungskomitees zu gründen. Dadurch fanden die nach Sibirien ausgewiesenen Juden eine gutorganisierte Hilfe vor. Ganze Häuser wurden vom Hilfskomitee gemietet, jüdische Küchen wurden eingerichtet, warme Kleider zum Schutz gegen die sibirische Kälte angeschafft usw. Ferner wurden von den ansässigen Juden Arbeitsvermittlungs¬ und Informationsbüros mit Kreditanstalten eingerichtet, um den Emigranten die Möglichkeit zu verschaffen, sich allmählich von der Wohltätigkeit unabhängig zu machen. Eine Wohnungskommission sorgte für die Beschaffung billiger und gesunder Wohnungen für die Juden in verschiedenen Stadtteilen, so daß im Verlauf eines halben Jahres von den drei vollgepfropften Komiteehäusern nur noch eines benutzt zu werden brauchte. Die Arbeitsvermittlungsbüros verschafften arbeitsfähigen Juden Beschäftigung teils bei Privaten, teils in den russischen Munitionsfabriken. Die Handwerker fanden Arbeit in ihrem Fach. Das Informationsbüro hat die zerstreuten jüdischen Familien nach Möglichkeit gesammelt und die Arbeitslosen auf eigene Kosten in andere Städte verschickt, wo ihnen Arbeitsgelegenheit geboten wurde. Die Kreditanstalten schufen Mittel für die kleinen Händler, die für ihren Beruf in Sibirien keine besondere Konkurrenz zu befürchten haben. Da die russische Regierung die Massenverschickung der Juden nach Sibirien eingestellt hat, und zu den 3—4000 jüdischer Familien keine weiteren hinzugekommen sind, konnten die jüdischen Hilfsgesellschaften ihre ganze Kraft diesen Emigranten zuwenden und es ihnen nach und nach ermöglichen, sich selbst ihr Brot redlich au verdienen. Der eingewanderte Jude hat das Bild der rein russischen Städte in Sibirien, die bisher außer politischen Verbannten kein Jude betreten durfte, geändert. Mit ihrer eigenen Tracht, haben sie ihre eigenen Gebärden, ihre jüdische Sprache, jüdische Gefühle und Gedanken mitgebracht. Jede Gruppe der Ausgewiesenen wirkt auf ihre dem Judentum entfremdete Umgebung in der Richttung einer Wiederbelebung des Gottesdienstes und des Judentums. Die orthodoxen Juden haben die Belebung der sibirischen Synagogen begonnen. Die ausgewiesenen Rabbiner fingen an, Bibel und Ritualgesetze zu lehren, und viele widmen sich täglich dem Talmudstudium. Tritt man jetzt in eine der sibirischen Synagogen ein, die früher leer standen und höchstens an den Samstagen einige Besucher hatten, so glaubt man sich in ein litauisches Städtchen versetzt: im Vorraum lauscht das Publikum den Sagen der Hagada und Mischnah, während aus dem Innenraum das Gemurmel der Talmudlernenden ertönt. Erst beim Eintreten in das zweite Zimmer erkennt man, daß man sich nicht in Litauen, sondern in Sibirien befindet: Neben dem Rabbiner, der den Talmud vorträgt und ein paar bärtigen Einwanderern findet man schon rasierte sibirische Juden, die mit dem Rabbiner über die Talmudauslegung diskutieren, und man weiß nicht worüber man sich mehr wundern soll, über den Rabbiner, der es nicht verschmäht, in der Gesellschaft der dem Judentum Entfremdeten sich über Talmudfragen zu unterhalten, oder über die rasierten, modern gekleideten Juden, die einst der Jeschibah den Rücken gekehrt haben, später nach Sibirien verschickt wurden, und jetzt wieder der süß-melancholischen Melodie von „Omar Abaje“ lauschen. Die Erweckung des jüdischen Lebens in Sibirien hat schon ihre Wirkung auf das junge Geschlecht

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