Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Das Jüdische Echo Nr. 8 1. Betriebstypus mit überwiegender Getreide- Produktion (auf 200 bis 250 Dunam) mit einem erforderlichen Gesamtkapital von 27 200 Frs; 2. Betriebstypus mit überwiegender Futtermittel- und Milchproduktion (auf 100 Dunam) mit erforderlichem Gesamtkapital von 22 700 Frs; 3. Betriebstypus überwiegender Baumpflanzenkultur (auf unbewässerten 75 Dunam) mit Gesamtkapital von 28 650 Frs; 4. Betriebstypus mit überwiegender Baumpflanzenkultur (auf bewässerten 40 Dunam) mit Betriebskapital von 41300 Frs; 5. Betriebstypus mit überwiegender Gemüseproduktion (auf bewässerten 20 Dunam) mit erforderlichem Gesamtkapital von 13 600 Frs; 6. Betriebstypus der Arbeiterheimstätte (auf 20 Dunam unbewässerten oder 5 Dunam bewässerten Boden) mit einem gesamten Kapital von 5000 Frs. Während Oettinger bei dem Betriebstypus Nr. 1 ^vorwiegender Ackerbau) nur einen Reinertrag von 1,9 Prozent des Anlagekapitals berechnet, sieht er bei den anderen Betriebstypen eine Rentabilität von durchschnittlich 10 Prozent voraus. Oettinger verlangt mit Recht, daß eine Kolonie nicht weniger als 100 zu verschiedenen Betriebstypen gehörige Kolonisten umfassen soll und gibt drei verschiedene Kolonie-Schemata; 1. Kolonie mit vorwiegendem Getreidebau (Betriebstypus 1); 2. Kolonie mit Vorwiegen der gemischten Wirtschaft — Milchwirtschaft, Baumpflanzungen, Getreidebau (Betriebstypus 2); 3. Kolonie mit Vorwiegen der bewässerten Baumpflanzungen (Betriebstypus 4). Die gesamten Kosten für die Anlage einer Kolonie von 100 Kolonisten nach jedem der 3 Schemata berechnet er im Durchschnitt auf ungefähr 2.5 Millionen Francs, wovon er einen Teil durch die Ansiedler selbst, einen Teil durch Nationalfonds und Agrarbank, einen Teil von nationalkulturellen Institutionen aufgebracht wissen will. Über die zukünftigen Ansiedlungsmöglichkeiten sagt Oettinger: „Man kann sich wohl vorstellen, daß, wenn in den ersten drei Jahren einer neuen Siedlungstätigkeit die Gründung von drei neuen planmäßig ausgebauten Hundertfamilienkolonien gelingt, es daraufhin dazu kommen kann, daß in den folgenden 3 Jahren je 2 solcher Kolonien pro Jahr nachfolgen werden, dann je 3, je 4 usw. Jede Serie neuer Koloniegründungen wird für eine größere nächstfolgende Serie Propaganda machen. Bei der Annahme einer Progression von 1X3, 2X3, 3X3, 4X3 würden im Laufe von etwa 12 Jahren 30 neue jüdische Siedlungen mit einer anfänglichen landwirtschaftlichen Bevölkerung von 3000 Familien oder 12 000 bis 15 000 Seelen entstehen. Außerdem würden durch dieselben wohl etwa 30 000 Juden anderer Bferufsarten ins Land herangezogen werden. Was solche Zahlen für die landwirtschaftliche Besiedlung Palästinas bedeuten, welcher hohe Wert in der Schaffung von 30 jüdischen neuen Zentren für die wirtschaftliche Erschließung des Landes und für das Wachsen seiner jüdischen Bevölkerung liegt, kann man an der schon gegenwärtig großen Bedeutung der bestehenden Kolonien ermesen. — Um neue 30 größere Kolonien nach den oben skizzierten Schematen ins Leben zu rufen, wären aus verschiedenen Quellen im Laufe von 10 bis 12 Jahren ungefähr 77.5 Millionen Francs aufzubringen. — Es ist aber sehr wohl denkbar, daß das Tempo der jüdischen Besiedlung Palästinas ein viel schnelleres sein wird als oben angenommen.“ Oettinger nimmt an, daß in Palästina ohne Schwierigkeit und ohne Schädigung der jetzigen landwirtschaftlichen Bevölkerung 100 000 Familien 50 000 Seelen (in 776 Dörfern) angesiedelt werden könnten, und daß die Kosten dieser Ansiedlung sich auf ungefähr 2 Milliarden Francs belaufen würden. In manchen Punkten kann man natürlich anderer Meinung sein als Oettinger. So sehe ich z. B. den Typus des reinen Getreidebauern als unmöglich an, so wünschenswert an sich — darin stimme ich Oettinger vollständig bei — dieser Typus ist. Die Gründe sehe ich einmal darin, daß der Sprung von dem osteuropäischen Stadtjuden zum palästinensischen Getreidebauern zu große Anforderungen an die Körperkraft, Geduld und Entbehrungsfähigkeit stellt und deshalb — von wenigen Ausnahmemenschen und Ausnahme-Bedingungen abgesehen — mißlingt. Sodann ist aber die geringe Rentabilität (Oettinger selbst berechnet sie auf nur 1,0 Prozent) eine fast unübersteigbare Schranke. Es ist möglich, daß beide Hindernisse im Laufe der Zeit wegfallen, daß mit der Entwicklung der allgemeinen wirtschaftlichen und Verkehr sverhältnisse in Palästina der Getreidebau weniger primitiv und ermüdend, andererseits rentabler wird. Aber für die Gegenwart — und gerade für diese gilt ja Oettingers Programm — müssen wir die Schaffung des Getreidebauern leider noch als verfrüht bezeichnen. Übrigens entsprach diese Stellungnahme im großen und ganzen auch den klimatischen Bedingungen Palästinas. Diese machen es für Baumpflanzungen hervorragend geeignet; im Getreidebau wird es dagegen hinter den Ländern der großen Ebenen immer zurückstehen. Wir sehen deshalb zurzeit nur in dem Pflanzer, in dem Kolonisten mit gemischter Wirtschaft (Ackerbau und Pflanzungen), in dem kleinen Gemüsebauern und in dem Häusler mögliche und existenzfähige Betriebstypen. Die Anlagekosten, die Oettinger für die einzelnen Betriebstypen voraussieht, mögen vielen als recht hoch erscheinen. Ich halte sie eher um 25 Prozent zu niedrig angesetzt. Auf Einzelheiten einzugehen, in denen man anderer Ansicht sein kann als Oettinger, ist hier nicht der Ort. Das jüdische Kolonisationswerk in Palästina ist noch so sehr im Flusse begriffen, daß etwas ganz festes und endgültiges darüber noch nicht gesagt werden kann. Alles hat seinen Wert und seine Wahrheit nur nach Maßgabe der fortschreitenden Erfahrung. So wie Oettingers Buch auf den bisherigen Erfahrungen in Palästina und besonders auf den Erfahrungen der letzten 10 Jahre beruht und ohne diese Erfahrungen nicht hätte geschrieben werden können, so werden neue Erfahrungen auch sein Buch korrigieren. Ich glaube, Oettinger würde nichts als fehlerhafter ansehen, als wenn man sein Buch als die Bibel der jüdischen Kolonisation ansehen wollte, die der Weisheit letzten Schluß gebe. Oettinger hat in mustergültiger Weise die Resultate der bisherigen Erfahrungen gezogen. Das wird ihn hoffentlich nicht hindern, nach 10 oder 20 Jahren sein Buch auf Grund neuer Erfahrungen neu zu schreiben. Es ist gewiß richtig, daß man aus landwirtschaftlicher Kolonisation in anderen Ländern auch für die jüdische Kolonisation in Palästina vieles lernen kann. Aber man darf nicht vergessen, daß darüber hinaus diese jüdische Kolonisation ein Problem sui generis ist — durchaus einzigartig nach den körperlichen und geistigen Eigenschaften der anzusiedelnden Menschen, nach den administrativen und rechtlichen Verhältnissen in dem zu