Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138087--01313-9074137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
86 Das Jüdische Echo Nr. 8 stößig ist mir dabei auch die Unterscheidung von getauften und ungetauften Juden. Die Mechanik dieser Unterscheidung greift unvermeidlich in ihren letzten Wirkungen zerstörend und verwirrend in das Heiligtum der Gewissensfreiheit ein. Einen wissenschaftlich verdienten und für ein akademisches ordentliches Lehramt auch im übrigen einwandfreien Mann bloß deshalb auszuschließen, weil er, ob getaufter ob ungetaufter, Jude ist, geht nicht nur gegen das geschriebene Reichsrecht, sondern auch gegen die noch viel höher stehende ungeschriebene Gerechtigkeit. Als Jurist kann und darf ich in diesem ganzen Fragengebiet nur den grundsätzlichen Standpunkt vollkommener Unbefangenheit einnehmen. Als Politiker muß ich wünschen und empfehlen, daß die staatsrechtliche Parität endlich aufhöre, ein Streitpunkt zwischen liberaler und konservativer Staatsauffassung zu sein; denn sie ist in Wahrheit nicht Parteisache, sondern eine Frage menschlicher Gerechtigkeit. Als Deutscher hoffe ich, daß die, die aus dem Felde heimkehren und mitberufen sein werden, das neue Vaterland zu bauen, auch im öffentlichen Leben der Heimat trennende Hindernisse der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung nicht weiter gelten lassen werden, die ihnen fremd waren, als sie Schulter an Schulter kämpften, bluteten und siegten. Die Wanderunterstützungsfrage. „Wenn dein Bruder verarmen wird, und seine Hand sinkt neben dir, so erhalte ihn aufrecht, daß er nicht zu Boden sinke, daß er lebe neben dir und dem drohenden Verderben nicht preisgegeben sei.“ Vor kurzem (s. Nr/2 des „Jüd. Echos“) erschien ein Aufsatz der Vorsitzenden des „Jüdischen Frauenbundes“ Frl. Bertha Pappenheim - Frankfurt a. M. über das Thema: „Ein Verband für jüdisch-soziale Arbeit“. Der dort geforderte Zusammenschluß aller deutschen Juden zur Lösung gemeinsamer jüdisch-sozialer Aufgaben ist in orthodoxen Presseorganen auf heftige Gegnerschaft gestoßen. (S. Nr. 2 des „Israelit“ und Nr. 1 der „Jüdischen Monatshefte“ von Rabbiner Dr. P. Kohn-Ansbach.) Die ganze z. T. recht traurig geführte Preßfehde hat deshalb mein Interesse erweckt, weil ich weiß, daß sich außer Pappenheim schon mehr Juden, auch solche gesetzestreuer Richtung, mit der Umgestaltung der Wanderunterstützung in eine nützliche Einrichtung beschäftigt haben. Ich nehme diese Spezialfrage heraus und betrachte sie vorläufig unter dem Gesichtswinkel der drei von mir genannten Zeitungsartikel. Pappenheim fordert Bekämpfung des Wanderbettels, Bekämpfung der fahrlässigen Wohltätigkeit und Gewährung von Unterstützungen nach volkserzieherischen Grundsätzen, Zentralisation des Arm/enwesens unter praktischer und finanzieller Mitwirkung und Mitverantwortung der Gemeinden. „Um deren Wirksamkeit zu erhöhen, ist die Einbeziehung der Vereine, Anstalten und Stiftungen als ein Fürsorgerat des Armenwesens besonders für die großen und mittleren Gemeinden nötig“. Ich will versuchen, dieser Auffassung durch praktische Vorschläge auf Grund theoretischer Erwägungen, die wiederum aus der Praxis des Lebens geschöpft sind, näher zu kommen. Einen Satz der Pappenheimschen Abhandlung muß ich herausnehmen: „Daß eine religiöse Wohltat eine soziale Missetat werden kann, wenn man gewisse Versteinerungen und Willkürlichkeiten, die sich gebildet haben, und die das Licht des Geistes, der die Guttat verlangt, verdunkeln, wenn man sie nicht aus dem Wege räumt, ist vielen Wohlmeinenden heute noch nicht ausreichend zum Bewußtsein gekommen.“ Daß dieser Satz gerade auf obigem Gebiete zu Recht besteht, will ich beweisen. Vielleicht kann ich damit die mir unbekannten Schreiber der zwei oben skizzierten gegnerischen Artikel versöhnlicher gegen die Pappenheimschen Vorschläge stimmen. Sehen wir uns die Wanderunterstützung etwas näher an: In einer Kreisgemeinde von 300 Seelen waren die Ausgaben hierfür vom 1. VIII. 1913 bis 1. VIII. 1914 beinahe 1000 Mark hoch, im Kriegsjahr 1915/16 waren es nicht einmal 400 Mark. Auch während des Krieges nahm der Wanderunterstützungsverein von ca. 60 Familien im Monat rund 60 Mark ein. Da diese Summe nicht ganz verausgabt wurde, hat sich ein größeres Ersparnis in Form eines Bankguthabens gebildet. Die vielen durchwandernden Bedürftigen aus dem Osten (besonders Rußland) sind eben schon beinahe 3 Jahre ausgeblieben. Die jetzigen Klienten der Kasse wohnen in Deutschland, wenige in Österreich. Wenn wir den Satz von 1 Mark auf eine spendende Familie nehmen (per Monat), so erhalten wir für ein Jahr auf alle jüdischen Familien Deutschlands berechnet, über eine Million Mark. Bisher hat beinahe jede jüdische Gemeinde durch ihre eigene Unterstützungskasse die Durchwandernden beschenken lassen. Viel von dem gegebenen Gelde blieb unterwegs; bei manchen Nehmern, die periodisch wieder erscheinen, kann man annehmen, daß alles unterwegs ausgegeben wird. Die höchste Stufe der Wohltätigkeit im Sinne unseres großen Lehrers Maimonides, den Armen wieder zu beruflicher oder wirtschaftlicher Selbständigkeit zu bringen, ist auf diese Art wohl selten nur erreicht worden. Dagegen sind die Kassen auch mißbraucht worden, da man einem Fremden die Richtigkeit seines Passes schwer beweisen kann. Dieses Geben an Ortsfremde hat nach meinen Erfahrungen in einer Kleinstadt das Mißliche an sich, daß es Schwindeleien Tür und Tor öffnet und das Vertrauen der Spender zur Praxis der Zedokoh untergräbt. In einigen Wochen sind mir an einem kleinen Ort zwei Fälle bekannt geworden. Von meinem früheren Wohnsitz sind mir unerquickliche Verhöre und Szenen vor der Kasse noch in Erinnerung. Wer historisch denkt, kann sich auch sagen, daß in den Zeiten als es keine Eisenbahnen gab, diese Art der Unterstützung, wohl auch in Form von Naturalien, eine dringende und gerechte Sache war. Heute, im Zeitalter der Post und des Verkehrs ist dieser Weg, der die persönliche Vorstellung des Armen in hunderten von Ortschaften nötig macht, für diesen entwürdigend und für die Gabe selbst unwirtschaftlich, da das Reisen an sich Geld verschlingt. So sieht die in praxi überlieferte Form des jüd. Zedokoh aus, auch wenn der „Israelit“ gerade die diesbezügliche Pappenheimersche Kritik nicht gelten lassen will. Vom überlieferten Ideal der Theorie hat sich die Praxis leider weit entjernt. Ich bilde mir ein, dennoch kein schlechterer gesetzestreuer Jude zu sein, wenn - ich in diesem Punkte verlange, daß die Praxis sich wieder mehr dem Ideal des Maimonides anpaßt. Und deshalb bitte ich zu erwägen: Die Kriegszeit mit ihrer geringen Inanspruchnahme der Kassen läßt eine Umgestaltung am