Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Das Jüdische Echo Nr. 7 den gekennzeichnet sein wird — ein Zustand, der nicht nur für die Juden unerträglich, sondern auch für die Polen selbst und die am Königreiche interessierten Mittelmächte unhaltbar sein wird. Wenn nun vielfach darauf hingewiesen wird, daß ja Amerika ein genügend großes Abflußbecken für die Juden, denen im Osten die Existenz unmöglich gemacht wird, bilde, so muß man sich hierbei doch immer wieder fragen, ob wirklich auf diesen Zufluchtshafen auf die Dauer zu rechnen ist (die kürzlich erfolgte Annahme des Burnett-Dillinghamschen Analphabetengesetzes ist ein neuer bedrohlicher Beweis für die wachsende Tendenz, däe jüdischbn Auswanderer von Iden amerikanischen Häfen fernzuhalten). Aber selbst wenn die Einwanderung sich weiter ungestört nach Amerika wenden kann, muß man sich fragen, ob es im Interesse des deutschen Reiches ist, dem in seiner Industrie und, wie der Weltkrieg gelehrt hat, in kritischen Zeiten als Hauptmunitionslieferant für Deutschlands Feinde wirkenden Amerika eine Fülle von Kräften abzugeben, die ebensogut oder vielleicht besser für die Erschließung der befreundeten Türkei nutzbar gemacht werden könnten. Von maßgebender Seite ist im Laufe der letzten beiden Jahre häufig die besondere Eignung der Juden für die Besiedlung und Erschließung der Türkei dargelegt worden, und alle neuen Urteile über das Land und seine Möglichkeiten scheinen eine neue Bestätigung der Überzeugung zu sein, daß die Ermöglichung einer Abwanderung von Ostjudenmassen nach der asiatischen Türkei sowohl für diese wie auch für die an ihr interessierten Mächte, besonders aber für die Juden selbst die Lösung eines beängstigend schweren Problems bedeuten dürfte. ■ Freilich — dies sei denen gesagt, die da glauben, der Hinweis auf Syrien und Mesopotamien bedeute eine opportunistische geographische Änderung oder Erweiterung des zionistischen Gedankens — die Judenfrage in ihrer ganzen Größe würde hierdurch ebensowenig gelöst werden können, wie durch die jüdische Massenauswanderung nach Amerika. Aber es wäre doch die Möglichkeit gegeben, daß Judenmassen durch eine Besserung der materiellen Bedingungen und durch die Einfühlung in die Landschaft, das Klima, den Geist des orientalischen Landes eher zu der ersehnten inneren Renaissance gelangen könnten als unter den jetzigen unhaltbaren Lebensbedingungen. Türkisches Wirtschaftsleben. Ein Vortagszyklus veranstaltet von der Handelshochschule München im Börsensaal, brachte am ersten Abend das Thema: „Allgemeine Grundlagen des türkischen Wirtschaftslebens mit besonderer Berücksichtigung der Industrieaussichten“, mit Reinh. Junge aus Berlin, einem der Geschäftsführer der Zentralgeschäftsstelle für deutsch-türkische Wirtschaftsfragen, als Referenten. Er schilderte zunächst die Türkei als Produzenten und Rohstofflieferanten. Von tierischen Rohstoffen sind die wichtigsten: Schafwolle, Seide, Felle und Leder, von pflanzlichen: Baumwolle, Arzneipflanzen, 'Ölfrüchte (und Blumenölstoffe), von Mineralien: Chrom und Erdöl, auch Kupfer, Mangan und Blei. Die hier liegenden Möglichkeiten zu entwickeln, wird bei dem dermaligen Stand der Dinge nicht leicht sein, und mindestens ein Jahrzehnt wird vergehen müssen, bis die Türkei eine einigermaßen erhebliche Menge von Rohstoffen überhaupt zu produzieren imstande sein wird. Ein ganze Reihe von Reformen muß erst einsetzen, und die produzierten Mengen werden dann nicht ohne weiteres für den Export in Betracht kommen, sondern der eigenen (türkischen) Industrie zugeführt werden. Im zweiten Jahrzehnt aber wird mit einem sehr erheblichen Export zu rechnen sein. Für uns wird es sich bis dahin, neben der Betätigung in Veruchswirtschaften, um kapitalistische Beteiligung handeln und um die Hebung der Aufbereitungsindustrie (besonders für öl und Seide), die bisher so gut wie ganz gefehlt hat. Auch die Handelsorganisation bietet wichtige Aufgaben. Für die türkische Industrie sind die von der Natur gegebenen Möglichkeiten gleichfalls recht günstig. Zwar fehlt es an guter Kohle, dafür gibt es Naphtha und ziemlich viel Braunkohle, die-in Elektrizität umgewandelt werden könnte. Hemmend wirkt ja der große Menschenmangel, indes werden die Verhältnisse einige bestimmte Industrien erlauben, besonders für Kunstgewerbe, Massenindustrie in Leder, Zement, Ziegel, Konserven und Aufbereitungen, vielleicht auch in Zucker und Papier. Der deutsche Industriewarenexport wird in vielen Artikeln der billigen und schlechten Massenware von Manchester und auch von Italien gegenüber nicht konkurrenzfähig sein, aber für die meisten unserer Spezialartikel (Maschinen, Dungstoffe, pharmazeutische Mittel, Instrumente u. a.) wird die Nachfrage rasch wachsen, und je mehr die eigene türkische Industrie sich festigen wird, um so günstiger werden unsere Aussichten, um so ungünstiger die der Ententeländer. Völlig verkannt werden freilich hiebei die Bedürfnisse der Türkei, und daß sie je einen Ersatz für unseren Übersee-Export abgeben könnte, daran ist nicht zu denken. Bisher handelt es sich nur um 0,7% unseres Außenhandels; wenn die Ausfuhr sich in zehn oder zwanzig Jahren verdrei- oder vervierfacht, werden wir froh sein dürfen! Zum Schluß bezeichnete es der Vortragende geradezu als eine Existenzfrage für unseren Export, ob es uns gelingt, jetzt schon das Nötige vorzubereiten, um die argen Lücken gegenüber dem englischen und französischen Vorsprung auszufüllen; denn auf besonders große Konzessionen werden wir nicht zählen dürfen, die Türkei steht auf dem Standpunkt der völlig freien Konkurrenz. Vor allem müßten wir bekannt zu werden suchen, mit vertrauenswürdigen Vertretern uns in persönliche Verbindung setzen, damit nach dem Krieg nicht das ganze Geschäft in die Hände der Entente zurückgespielt wird (denn die Türkei ist konservativ). Und schwierig, recht schwierig wird in jedem Fall die Arbeit sein, und alles wird langsam vor sich gehen. Das Geld liegt dort nicht auf der Straße, für Spekulanten ist kein Raum, nur Leute, die über die nötigen Grundlagen an Auftreten, an Kenntnissen und an Kapitalien verfügen, haben Aussichten auf Erfolge, zum Teil auch große Erfolge. Ein großes schwieriges Kapitel bildet die im Orient so hochwichtige Frage der Taktformen, in die sich hineinzufinden nicht jedem gegeben ist. „Wenn ihr nicht Männer haben werdet“, sagte ein alter russischer General zu dem Vortragenden, „die die Seele des Orients verstehen, wenn die Eurigen vielmehr die Türkei werden deutsch machen wollen, dann wird die Stunde für Rußland gekommen sein“.