Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, üanzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf.—Y erlag des „jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 7 München / 4. Jahrgang 16. Februar 1917 Syrien und Mesopotamien. Es ist im Laufe des Weltkrieges schon mehrmals und von berufener Seite gesagt worden und kann auch gar nicht oft genug gesagt werden: für die asiatische Türkei ist der Jude ebenso notwendig wie für den Juden die asiatische Türkei. Wir haben gerade in den allerletzten Wochen wieder reichlich Gelegenheit gehabt, unser Interesse den wirtschaftlichen Bedingungen in der Türkei zuzuwenden, denn durch die Zeitungen ging die Nachricht vom endgültigen Abschluß jener Verträge, die in Zukunft ein freundschaftliches Zusammenarbeiten der verbündeten Mächte auf dem Gebiete des Handels und der Industrie verbürgen und fördern sollen. Der von der Handelshochschule München im Börsensaale veranstaltete Vortragszyklus über das türkische Wirtschaftsleben gibt uns Aufschluß über wichtige Einzelheiten dieser bedeutsamen Frage. Aus dem Vortrage des ersten Abends (über den wir an anderer Stelle berichten), klang das gleiche Leitmotiv heraus, das wir in den Äußerungen aller Kenner den Türkei finden: das Land bietet gewaltige Möglichkeiten, die Mittel zur Erschließung des Landes können beschafft werden, nur an einem mangelt es, nämlich an den Menschen, die geeignet sind, dieses Werk der Erschließung in Angriff zu nehmen. Das ist das übereinstimmende Urteil aller Sachverständigen. Der Türke, der Araber, der niemals mit europäischen Maschinen umgegangen ist, niemals rationelle europäische Arbeitsmethoden kennen gelernt hat, ist sicherlich nicht imstande, selbständig das Werk der großzügigen landwirtschaftlichen Produktion und Industrie in Angriff zu nehmen, seine Waren in geeigneter Weise auf den Weltmarkt zu bringen. Andrerseits ist gerade während des Krieges sein Selbstbewußtsein gewaltig gewachsen, und gegen eine Bevormundung durch den Europäer würde er sich energisch zur Wehr setzen. Andrerseits wird jeder, der den Deutschen im Orient beobachtet hat, zugeben müssen, daß dieser bisher dem Orientalen mit einer so stark betonten Wesensfremdheit und einem so ausgesprochenen Gefühl der Überlegenheit entgegentrat, daß der leicht verletzbare Orientale hinter der ihm fremden Wesensart leicht Herrschergelüste vermuten konnte. Aber gesetzt den Fall, der Deutsche würde seine Eigenart dem Türken und Araber genügend anpassen können, so bliebe noch immer die Frage offen, woher man die Menschen nehmen solle, die zur Besiedlung und Ausbeutung der bisher gar nicht oder nur ungenügend bewohnten und bewirtschafteten Gebiete in Betracht kommen. Denn darüber, daß nur eine verhältnismäßig winzige Zahl von Deutschen für eine Ansiedlung in der Türkei in Betracht kommt, besteht kein Zweifel. Wo aber ist das Menschenelement, das einerseits europäische Arbeitsenergie besitzt und europäische Arbeitsmethoden beherrscht, andrerseits dem Wesen des Orientalen so nahe steht, daß es ihm nicht als ein seiner Überlegenheit bewußter Herr, sondern afc ein verständnisvoller und nicht nur zum Lehren, sondern auch zum Lernen bereiter Bruder entgegenkommt? Es ist hier schon mehrfach gesagt worden und sei nochmals gesagt: der einzige, der diese für die sowohl auf türkischer wie auf deutscher Seite ersehnte Erschließung der Türkei unerläßlichen Gaben besitzt, ist der Jude. Seine orientalische Abstammung, die sich noch heute in vielen Wesenszügen offenbart, seine Liebe zu dem Lande, in dem sich die größten Schicksale seines Volkes vollzogen, sicherlich seine Sprache, nämlich das Hebräisch, das im Orient seine Auferstehung feiert und der Sprache der Landesbewohner nahe verwandt ist, lassen ihn als einen hervorragend geeigneten Bewohner türkischen Landes erscheinen. Und andrerseits: das rasche Verständnis des Juden für alle neuen Methoden und Möglichkeiten der Produktion und Industrie, seine Vertrautheit mit europäischen Anschauungen und Gewohnheiten und nicht zuletzt die Umgangssprache des Ostjuden, nämlich das Jidisch, die ihm die Verständigung mit dem Deutschen so leicht macht, lassen ihn wie geschaffen für den Verkehr der Türkei mit Europa erscheinen. Und wiederum sei darauf hingewiesen, daß die Schaffung von Ansiedlungs- und Erwerbsmöglichkeiten in der Türkei für (mit einer näheren Zukunft rechnend, dürfen wir wohl sagen: Tausende, weitere Horizonte ins Auge fassend, können wir sagen: einige Millionen) Juden wenn nicht eine Lösung, so doch einen bedeutenden Schritt zur Lösung der schier unlösbaren Ostjudenfrage bedeuten würde. Selbst dem größten Optimisten müssen die Vorgänge der letzten Zeit bewiesen haben, daß die Lage im Osten die Juden zu keinerlei Zukunftshoffnungen berechtigt; daß im Gegenteil Erscheinungen wie die Einführung der unbedingten Sonn- und Feiertagsruhe für alle Bewohner Warschaus, daß die Vorgänge im Warschauer Stadtparlament, die Schul- und Armenunterstützungsfrage, die Verbannung der jüdischen Kaufleute durch die polnischen in eine Art Ghetto des Warschauer Handelsgewölbes und andere Ereignisse Vorboten einer Zukunft sind, die wahrscheinlich durch einen schweren Kampf der Polen gegen die Ju-