Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 69 Sara-Chantzi: Befreit? Wenig Blut hat’s mich gekostet? Was redet Ihr, Frumeleben, es ist ja kein Spaß — verloben, verheiraten, sich ausmartern und was jetzt? Ich bitt‘ Euch! Jetzt geh’ und nimm wieder einen neuen Eidam, einen Schmuck ins Haus, ein Götzenbild, einen Tunichtgut, einen bösen Stern! . . Pst . . Da kommt er, mein Juwel, laßt mich, ich will mich verstecken, Erumeleben, bei Euch in der Küche. Meine Augen sollen sein trefenes Gesicht nicht sehen, ein Geschwür ihm ins Gesicht für dreieinhalb Jahre! . . . (Ab ins zweite Zimmer.) 2. Szene. Reb Orke, Sacharja, der Schreiber; Judel der Schuldiener; Reb Scholom-Schadcheu; Ruben- Hersch; Levi-Benjamin; Frume-Liebe; Etel; Motel; zwei Zeugen; zehn Juden. (Reb Orke, der Rabbiner, kommt rasch hinein, wäscht sich die Hände, sagt das Gebet dazu mit lauter Stimme („Ascher Jozar“), setzt sich dann feierlich auf das Sofa. Ihm nach Scharia, der Schreiber, er stellt sich in eine Ecke. Dann kommen die zwei Zeugen. Der Schuldiener bringt den Scheidebrief und ein gläsernes Tintenfaß, worin ein Gänsekiel steckt. Allmählich kommen einzelweise Juden verschiedener Art herein, bis die Zehnzahl fertig ist. Levi-Benjamin, Reb Scholom- Schadchen und Ruben-Hersch kommen. Frume- Liebe hebt den Vorhang von der Küchentür und läßt Eteli vor, die langsam, das Gesicht bis zur Nase mit einem Tuch bedekt, hereintritt, von der anderen Seite tritt Motel blaß ,und verstört ein. Der Schuldiener weist ihnen die Plätze an. Reb Orke, der Rabbiner, schneuzt die Nase und macht sich bereit, den Scheidebrief auszuhändigen.) Der Rabbiner (nimmt den Scheidebrief): Du, Schreiber Sacharja, Sohn des Tobias, ist das der Scheidebrief, den du da geschrieben hast? Der Schreiber (kratzt sich in dem dichten Bart): Ja. Der Rabbiner: Kennst du den Scheidebrief und hast du ein Kennzeichen an ihm? Der Schreiber: Ja. Der Rabbiner: Hat dir der Gatte Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim-M’nasches, das Pergament, die Tinte, das Tintenfaß und das ganze Schreibzeug vor Zeugen übergeben. Der Schreiber: Ja. Der Rabbiner: Hat dir der Gatte Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim-M’nasches, geheißen, du sollst den Scheidebrief schreiben für seinen Namen, für ihren Namen und zwecks Scheidung? Der Schreiber: Ja. Der Rabbiner: Hast du so gesprochen, daß der Scheidebrief, den der Gatte Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim-M’nasches, geschrieben hat, für seinen Namen, für ihren Namen und zwecks Scheidung geschrieben ist? Der Schreiber: Ich hiab’ gesprochen, daß der Scheidebrief, den der Gatte Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim-M’nasches, geschrieben ist, für seinen Namen, für ihren Namen und zwecks Scheidung geschrieben wurde. Der Rabbiner (zu den Zeugen): Habt Ihr von dem die Scheidung vollziehenden Gatten Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim M’nasches, vernommen, daß er alle Klauseln annulliert hat und daß der Scheidebrief, den er geschrieben hat, für seinen Namen, für ihren Namen und zwecks Scheidung geschrieben wurde? Die Zeugen (beide zugleich, der eine mit hoher, der andere mit tiefer Stimme): Ja. Der Rabbiner: Habt Ihr gesehen, daß der die Scheidung vollziehende Gatte Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim-M’nasches, die Tinte, die Feder und das Tintenfaß übergeben hat, damit der Scheidebrief, den er geschrieben hat, für seinen Namen, für ihren Namen und zwecks Scheidung geschrieben werde? Die Zeugen (w. o.): Ja. (Etel wird das Tuch vom Gesicht genommen.) Der Rabbiner: Du, Chaje Etel Genendel, Tochter von Ruben-Hersch, willst du von deinem Mann Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim-M’nasches, den Scheidebrief freiwillig, ohne Zwang und ohne Bedingung annehmen? . . Sag’ ja. Etel (schweigt, bis sie Judel, der Schuldiener, am Ärmel zieht): Ja. Der Rabbiner: Hast du ein Gelübde, oder einen Schwur, oder einen Eid getan? Sag’ nein! Etel (schüttelt den Kopf): Nein, nein! Der Rabbiner: Hast du je ein Wort gesagt, oder einen Schwur getan, der der Scheidung schaden sollte? Sag’ nein! Etel (unter Tränen): Nein! (Judel führt Motel vor.) Der Rabbiner: Du, Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim-M’nasches, willst du deinem Weib Chaje Etel Genendel, Tochter von Ruben-Hersch, freiwillig und ohne Zwang den Scheidebrief geben? Sag’ ja! Motel (dreht sich nach Etel um und seufzt. Judel stößt ihn mit dem Ellbogen an. Er schüttelt den Kopf verneinend und sagt): Ja. Der Rabbiner: Hast du je ein Wort gesagt oder einen Schwur und Eid getan, daß es der Scheidung schaden soll? Sag’ nein! Motel (nähert sich Etel. Der Schuldiiener schiebt ihn sachte fort): Nein, ich habe sagen wollen (er will fortfahren, Judel zieht an den Rockschößen). Der Rabbiner (übergibt ihm rite den Scheidebrief): Da hast du den Scheidebrief, halte ihn, bis ich dir sagen werde . . . (Er wendet sich an Etel.) Gib ihm die Kethuba zurück oder verzichte auf sie. Zieh’ den Ring aus, daß kein Zwischenraum sei, daß der Ärmel dich nicht berühre, erhebe die Hände und mach sie nicht zu, bis ich dir sagen werde. (Zum Publikum.) Wer etwas am Scheidebrief auszusetzen hat, der sage es! (Alle schweigen.) Der Rabbiner: Du, Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim M’nasches, erhebe deine Hände höher als deine Frau. (Motel rückt näher an Etel und schaut ihr hinter dem Tuch ins Gesicht. Beide weinen.) Der Rabbiner: Du, Mosche Mordechaj, Sohn Ephraim M’nasches, sag mir Wort für Wort nach! Sag: Harei se gitech (da hast du deinen Scheidebrief). Motel (schlingt die Worte): Harrrei s . . s . . se g . . g . gitech! Der Rabbiner W’hiskabli gitech — (und empfange deinen Scheidebrief). Motel (schluchzend): W’hiskabli gitech! Der Rabbiner: Uwo sijih mgoresches — (und dadurch wirst du geschieden werden). Motel: Uwo s’hi mggggoresches! ... Der Rabbiner: Mimeni meachschow — (von mir seit nun). Motel (im Jammerton): Mimmmeni meach — schow! Der Rabbiner: „W’hareat“ — (und nun bist du).