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Das jüdische Echo · 1917-02-09 · 6 (9.2.1917) · p. Seite 63

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
6 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 63 gen Handwerken tätig; nach der Vermögenslage gehört nur ein kleiner Teil von ihnen zu den Wohlhabenden, die große Masse ist mittellos. Demgemäß stammen auch die meisten Einwanderer — von den Chalukka-Juden ganz abgesehen — aus Handel und Handwerk und kommen so gut wie ohne Mittel in Palästina an. Hier bietet der seit langem überfüllte Handelsberuf für mittellose Einwanderer kaum noch irgendwelche Erwerbsaussichten. Auch unter den Handwerkern sind es nur noch wenige, die in ihrem Berufe in Palästina eine Existenz finden können. Die Fabrikindustrie in Palästina ist bisher so wenig entwickelt, daß sie überhaupt nur wenig Arbeiter beschäftigt. Es ergibt sich daraus, daß für die Mehrzahl der ednwandernden mittellosen Juden fast nur die Arbeit in der Landwirtschaft als Beruf übrig bleibt. Diesem Berufe wenden sie sich zu, zumal die landwirtschaftliche Arbeit auf die Einwanderer, soweit sie aus zionistischen Motiven nach Palästina kommen, eine besondere Anziehung ausübt. Denn seit den Anfängen der zionistischen Bewegung hat die landwirtschaftliche Kolonisation als die Basis jeder zionistischen Tätigkeit in Palästina gegolten. Die Einwanderer, die auf diese Weise in die jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien einströmen, stoßen hier im Existenzkampf auf große Schwierigkeiten, unter denen folgende hervorzuheben sind: 1. Das ungewohnte Klima mit seiner starken sommerlichen Hitze und seinen epidemischen Krankheiten, besonders der Malaria, wirken in den ersten Jahren auf viele Einwanderer erschlaffend und schwächend und machen sie während kürzerer oder längerer Perioden arbeitsunfähig. 2. Die angespannte körperliche Arbeit ist den Einwanderern, die ja meistens aus der Schule oder aus Läden und Schreibstuben kommen, ungewohnt; ein Teil der Einwanderer paßt sich schließlich, nicht ohne Schwierigkeiten, dem neuen Milieu an, einem anderen Teil ist die Anpassung unmögglich und er muß schließlich in die städtischen Berufe eintreten oder überhaupt das Land verlassen. 3. Die absolute Unkenntnis des landwirtschaftlichen Berufs macht es dem Arbeiter sehr schwer, eine Arbeitsstelle zu finden, da seine Arbeit bei weitem nicht so viel wert ist, als die Arbeit eines Arbeiters mit langjähriger Praxis. 4. Selbst wenn es dem Arbeiter schließlich gelungen ist, Arbeit zu finden und sich an die Arbeit anzupassen und Erfahrung zu erwerben, so besteht noch immer die Schwierigkeit, daß er gegen die Konkurrenz des arabischen Arbeiters in der Regel nicht aufkommen kann. Die arabischen Bauern, sowie ihre Frauen und Kinder sind von Jugend auf in der Landwirtschaft zuhause und haben außerdem vor dem jüdischen Arbeiter zwei große Vorteile voraus: a) Sie haben die Grundlage ihrer Existenz in ihrer eigenen Wirtschaft und dasjenige, was sie durch Ausnutzung ihrer freien Arbeitszeit bei dem jüdischen Kolonisten verdienen, spielt in den meisten Fällen nur die Rolle eines Nebenverdienstes, während der jüdische Arbeiter aus seinem Lohn all seinen Lebensbedarf, nicht nur Kleidung und Nahrung, sondern auch Wohnung, ärztliche Hilfe und auch gewisse ihm unentbehrliche geistige Bedürfnisse (Lektüre, Korrespondenz) bestreiten muß. b) Sogar wenn der arabische Arbeiter nicht — wie dies in den meisten Fällen zutrifft — in seinem Dorfe sein eigenes Häuschen und seine eigene Wirtschaft hat, so ist seine Konkurrenz doch eine außerordentlich scharfe, weil seine Ansprüche an das Leben ungeheuer gering sind. Er und seine Kinder lernen nicht Schreiben und Lesen, benutzen weder Arzt noch Apotheke, haben keinerlei geistige Bedürfnisse, tun nichts für die Körperhygiene und können kraft ihrer guten Körperkonstitution und ihrer Angepaßtheit an das Klima und die landwirtschaftliche Arbeit mit einem Minimum an Nahrung, das aus Brot, Weizengrütze, Käse und Oliven besteht, auskommen. Der jüdische Arbeiter hingegen, wie sehr er auch seine Lebensansprüche herunterschraubt, kann doch nicht gänzlich mit der Tatsache brechen daß er ein Kulturmensch ist. Er muß in Krankheitsfällen Arzt und Apotheke in Anspruch nehmen, eine Zeitung lesen, Briefe schreiben, er muß, wenn er verheiratet ist, seine Kinder in die Schule schicken und kann sie nicht, wie der Araber es tut, schon von früher Kindheit an arbeiten lassen. Er muß schließlich in Bezug auf Kleidung, Körperhygiene und Nahrung einen gewissen Standard einhalten, ohne den ihm das Leben als unkulturell und unwürdig erscheinen würde. Eine besondere Schwierigkeit bildet hierbei die Wohnungsfrage. Der Arbeiter muß, um gesund zu bleiben und um sicn gegen fortgesetztes Kranksein zu schützen, eine gesunde Wohnung haben und dafür in den Kolonien, in denen nicht viel freie Wohnräume vorhanden sind, eine ziemlich hohe Miete zahlen, während für den Araber, der nach getaner Arteit am Abend in sein Dorf und seine Wohnung zurückkehrt, diese Frage überhaupt nicht besteht. Diese Unterlegenlegenheit des jüdischen Arbeiters wird nur in wenigen Fällen durch eine größere Geschicklichkeit und größere Intelligenz wettgemacht. Die meisten Arbeiten in der Landwirtschaft sind einfache manuelle Arbeiten, zu denen weder große Geschicklichkeit noch Intelligenz erforderlich sind und die der arabische Arbeiter ebensogut wie der jüdische Arbeiter und infolge seiner Vertrautheit mit der Arbeit oft noch besser ausführt. Nur bei ganz wenigen Arbeiten ist die größere Zuverlässigkeit und Intelligenz des jüdischen Arbeiters von Vorteil. Wir stehen also in der Arbeiterfrage vor folgendem Dilema: Vom nationalen Standpunkte müssen uns die Einwanderer trotz ihrer Mittellosigkeit besonders willkommen sein, weil sie meist junge Leute sind, weil sie Begeisterung für die Arbeit in Palästina mitbringen und weil sie das beste Menschenmaterial für spätere Kolonisten abgeben. Privatwirtschaftlich sind sie dagegen in der Regel nicht konkurrenzfähig. Diese Schwierigkeit wird noch dadurch verschärft, daß die Arbeiter in Palästina mit Ideen ankommen, die sie aus dem weit höher entwickelten europäischen Wirtschaftsleben übernommen haben und daß sie diese Ideen häufig auch auf die B. Müllers Musikinstitut München Fraunhoferstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reineoke, Prof. Dr. Heinrich Bellermann und Hofoperndirektor Gustav Mahler Unterricht in allen praktischen (Klavier, Violine, Orgel, Cello usw.) u. theoretischen Fächern (Harmonie, Kompositions- und Instrumentationslehre, Kontrapunkt, Fuge usw. einschließlich Musikwissenschaft) von den ersten Anfängen an bis zur künstlerischen Reife für Kinder und Erwachsene (Kinder werden vom 6. Lebensjahre an aufgenommen) Prüfung, Auskunft und Einschreibung kostenlos.

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