Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Das Jüdische Echo Nr. 6 der Niedergang: Spaniens. Und heute glaubt Spanien, seinen wirtschaftlichen und politischen Verfall abzuwenden, indem es den Juden, die es dringend zur Rückkehr aufgefordert hat, bei der Gründung neuer jüdischer Gemeinden in jeder Weise entgegenkommt. Wen nicht die jeweilige politische Konstellation blind macht, wer die Geschichte der Völker von einer höheren Warte aus überblickt, dem muß die Genehmigung zur Gründung neuer Judengemeinden in Barcelona du denken geben. Zur wissenschaftlichen Lebensarbeit des Dr. J. Katzenelson.*) Wir verlieren in dem uns vor kurzem durch den Tod entrissenen Dr. J. L. Katzenelson einen der vielseitigsten jüdischen Schriftsteller: er war Dichter, Satiriker, Publizist, medizinischer Fachgelehrter, einer der besten wissenschaftlichen Talmudforscher, schließlich Historiker von origineller Art und nicht zuletzt feinfühlender hebräischer Philologe. Wenn man bedenkt, daß der Verewigte im Hauptberufe praktizierender Arzt und Hochschullehrer war und außerdem einen großen Teil seiner Tätigkeit den zahlreichen Vereinen widmen mußte, so ist es schier unbegreiflich, wie er Muße fand, seine Studien zu betreiben und seine Werke zu schreiben. Die wissenschaftliche Tätigkeit des Verstorbenen wurde ursprünglich durch die beiden geistigen Faktoren seiner Jugendzeit eifrig bestimmt. Bis zum 20. Lebensjahre beschäftigte sich J. L. Katzenelson mit dem Talmud; nachher wandte er sich dem „profanen“ Wissen zu und erlernte die Medizin, an der er ebenfalls mit großer Liebe hing. Talmud und Medizin waren die beiden Pole, um die sich seine geistige Welt bewegte. Es ist selbstverständlich, daß er sich vor allem für die medizinischen Teile des Talmud interessierte. Schon seine Doktordissertation gehört diesem Gebiete an. Aber erst 1888 erschien seine vorzügliche Untersuchung über „die Anatomie des Talmuds undderen Beziehung zur griechischen Medizin“ fast gleichzeitig in zwei Sprachen (hebräisch und russisch); kurz nachher wurde dieses Werk auch in die deutsche Sprache übertragen. Etwas später zog der Verstorbene auch die Bibel in den Kreis seiner Forschung hinein. 1899 erschien hebräisch und russisch (in deutscher Übersetzung nur kurz wiedergegeben) seine Monographie über die Hautkrankheiten in der heiligen Schrift. Endlich veröffentlichte er im Jahre 1897 seine ausführlichere Untersuchung „Uber das rituelle Reinheitsgesetz bei den alten Juden“ (deutsche Version unvollendet in der Monatsschr. für Gesch. u. Wiss. d. Judent. 1899—1900). *) In Petersburg starb der hebräische Schriftsteller und Arzt Dr. J. L. Katzenelson (Buki ben Jogli) im Alter von 71 Jahren. Eigene Verkaufsstelle: Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig - überall erhältlich. Karlsplatz 25 (Botel KSnigshof) In diesem anregend geschriebenen Werke streift der Verfasser wiederholt das Gebiet der Kulturgeschichte und der allgemeinen Geschichte des Judentums. Nun wendet er sich diesem Gebiete eingehender zu und als Frucht dieser neuen Forschungen entstehen seine beiden russischen historischen Exkurse über die „Babylonische Gefangenschaft“ und „Saduzzäer und Pharisäer“ (1900/1). Obwohl in diesen Veröffentlichungen die einschlägige Literatur der alttestamentlichen Wissenschaft u. a. etwas zu kurz kommt, enthalten sie immerhin eine Reihe von originellen und sehr feinen Beobachtungen, die der Verfasser an den Urquellen gemacht hat, und zeichnen sich durch große Lebendigkeit und Eleganz der Darstellung aus. Eben diese Eigenschaften kennzeichnen auch die dritte Monographie auf diesem Gebiete: „Religion und Politik bei den alten Juden“ (1900—1902). Eine neue Epoche der wissenschaftlichen Tätigkeit beginnt bei Dr. J. L. Katzenelson in dem Jahre 1908. In diesem Jahre wurde die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums („Akademie für Orientkunde“) in Petersburg gegründet, und an dieser übernahm der Verstorbene den Lehrstuhl für Talmud und rabbinische Literatur. Gleichzeitig begann die russisch-jüdische Enzyklopädie zu erscheinen, in der er den talmudisch-rabbinischen Teil redigierte. Von Anfang an gewöhnt, seine wissenschaftlichen Arbeiten sofort in die hebräische Sprache zu übertragen, hegte der Verstorbene den sehnlichsten Wunsch, die russisch-jüdische Enzyklopädie, die er zum Teil als eigene Schöpfung zu betrachten berechtigt war, in die hebräische Sprache zu übersetzen; die letzten Jahre vor dem Kriege war die Schaffung der hebräischen Enzyklopädie sein Lebensziel, nach dem er unermüdlich strebte. Da brach der Weltkrieg aus und schob vorläufig einen Riegel vor. Der Krieg zog sich in die Länge, und dem Einundsiebzigjährigen war es nicht beschieden, ihn zu überleben. Voll jugendlichen Eifers und jugendlicher Pläne ging er dahin, ehe es ihm beschieden war, auch nur den ersten Baustein zu seiner hebräischen Enzyklopädie zu sehen. Das wissenschaftliche Lebenswerk des Dr. J. L. Katzenelson war durch und durch jüdisch: jüdische Medizin, jüdische Religionsgeschichte und nicht zuletzt jüdische Philologie. Nur wenige jüdische Schriftsteller beherrschen die hebräische Sprache mit solchem Feingefühl wie der Verstorbene. Ohne Sprachforscher von Fach zu sein, hat der Verstorbene mit dem ihm eigenen fein ausgebildeten sprachlichen Spürsinn eine Menge von Neubildungen in die hebräische Sprache eingeführt, die zum größten Teil als sehr glücklich betrachtet werden müssen. Eine große Anmut war dem gesamten Schaffen des Verstorbenen eigen, — ein adäquater Ausdruck einer freundlichen und gütigen Seele. J. Simchoni. Die Landarbeiterfrage in Palästina. Von R. Von hervorragend sachverständiger Seite gehen uns folgende Ausführungen zu einem der schwersten Probleme zionistischer Kolonisation zu: Die jüdische Einwanderung nach Palästina ist das Spiegelbild der beruflichen Gliederung und der ökonomischen Lage der Juden in der Diaspora und speziell in Osteuropa. Beruflich sind die Juden hier zum allergrößten Teile im Handel und in eini-