Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138084--01286-9074110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halb). M. 2.—, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. — V erlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— “ '* T Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 55099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 6 München / 4. Jahrgang 9. Februar 1917 Barcelona. Als die Russen in Lemberg: einzogen, wurden die jüdischen Bewohner der Stadt von ihren Mitbürgern beschuldigt, es allzu treu mit den Österreichern gemeint und ihnen wichtige Dienste geleistet zu haben, woraufhin sie von den Russen zu furchtbaren Strafen verurteilt wurden. Als die Österreicher Lemberg zurückeroberten, wurden die jüdischen Bewohner der Stadt von ihren Mitbürgern beschuldigt, es allzu treu mit den Russen gemeint und ihnen wichtige Dienste geleistet zu haben, worauf sie von den Österreichern zu furchtbaren Strafen verurteilt wurden. Als der Antisemitismus in Deutschland seine glänzende Auferstehung zu feiern begann, wurde auf jene Leute im feindlichen und neutralen Auslande hingewiesen, deren Familien früher in Deutschland gelebt hatten und die nun mit Wärme und Hingabe für die Sache des Landes eintraten, in dem ihre Väter oder Großväter eine neue Heimat und die Enkel einen Wurzelboden gefunden hatten. Vor wenigen Tagen erst hat ein bayerisches Antisemitenblatt geglaubt den Nachweis führen zu können, daß „die Juden“ sich in diesem Kriege zweifellos als Freunde Frankreichs und damit als Feinde Deutschlands erwiesen hätten. Und daß von gewissen Kreisen immer wieder behauptet wurde, „die Juden“ verhinderten den U-Boot- Krieg auf Grund ihrer Vorliebe für England, ist bekannt. Als der Antisemitismus auch in den Ententeländern zur hellen Flamme geschürt worden war, gab ein Engländer, der einstmals mannhaft für die Sache der Juden eingetreten ist, nämlich Sir Harry Johnston, im „Jewish Chronicle“ seiner Meinung Ausdruck, eim selbständiges jüdisches Gemeinwesen werde sich als ein Herd der Intrigue gegen Frankreich und England erweisen. Als sich in Griechenland zwei Parteien bildeten, begann die königstreue Partei die Saloniker Juden der Freundschaft für die Entente zu beschuldigen, während der Anhang Venizelos’ dieselben Saloniker Juden wegen ihrer als vorhanden vorausgesetzten Sympathien für den Vier verband zu verfolgen begann. Als die Flamme des Krieges auf die Türkei übersprang, mußten zahlreiche Juden das Land verlassen, weil man ihnen eine Vorliebe für die Feinde des Landes nachsagte. Dasjenige Wohlwollen aber, dessen sich die in der Türkei lebenden Juden von englischer und französischer Seite erfreut hatten, wurde ihnen von England und Frankreich entzogen, weil sie sich als Freunde der Mittelmächte und der ihnen verbündeten Türkei erwiesen hätten. Als in Amerika der Versuch gemacht wurde, die Sympathien der Bevölkerung für die eine oder die andere der kämpfenden Mächtegruppen zu gewinnen, begann ein Werben um die Gunst der amerikanischen Juden: weil der größte Teil von ihnen aus Rußland stammte, sollten sie in ihrer Gesamtheit das Land ihrer Herkunft und dessen Verbündete lieben. Weil der größte Teil von ihnen aus Rußland stammte, sollten sie in ihrer Gesamtheit das Land ihrer Knechtschaft und dessen Verbündete hassen. Und wenn es nun zur offenen Fehde zwischen Amerika und Deutschland kommt, so werden „die Juden“ auf ewig als Feinde Deutschlands und Österreichs gelten, falls die amerikanischen Juden dem neuen Bundesgenossen der Entente im Herzen treue Gefolgschaft leisten. So werden „die Juden“ auf ewig als Feinde der Ententeländer gelten, falls die amerikanischen Juden mit den Mittelmächten sympathisieren. Und das Ende dieser heillosen Verwirrung? Wenn man sich die Erfahrungen aller Zeiten vor Augen hält und ohne Selbstbetrug die schon deutlich sichtbaren Symptome der sich vollziehenden Entwicklung deutet, so lautet dieses Ende: die Verbrüderung aller gegen den einen! Das Sichfinden der sich Bekämpfenden in dem gemeinsamen Ziel: der Verfolgung des Judentums! Es zweifelt wohl kein Einsichtiger daran, daß das Judentum sich in einer Gegenwart befindet und einer Zukunft entgegensieht, die mit keiner der früheren Katastrophen, die über das jüdische Volk in der Diaspora hereingebrochen sind, zu vergleichen ist. Denn alle früheren Katastrophen trafen nur einzelne Teile des Volkes, die jetzige aber trifft das Volk in allen seinen Gliedern. Wir werden die Häupter neigen und den Sturm an uns vorüberbrausen lassen müssen. Wir werden den Parteizwist und alles uns Trennende vergessen und uns fester als jemals verbinden müssen, um dem furchtbaren Sturme Stand zu halten. Und die Kraft, die uns aufrecht halten, die es verhindern wird, daß wir entwurzelt werden, wird sein: unser Bewußtsein, daß das Judentum unsterblich ist, daß immer ein Rest übrig bleibt, von dem die neuen Kräfte zur Gesundung und Kräftigung des Ganzen ausströmen. Auch unsere Feinde in jedem einzelnen Lande sollten sich sagen, daß wir nicht vernichtet werden können. Ein Zeichen bietet die Zeit denen, die am ewigen Fortbestand des jüdischen Volkes wankend werden wollen und auch denen, die von einer „jüdischen Gefahr“ für ihr Land reden: vor vierhundert Jahren glaubte Spanien, die „jüdische Gefahr“ abwenden zu müssen, indem es die Juden aus dem Lande vertrieb. Von der gleichen Zeit ab datiert ^69181