Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Das Jüdische Echo Nr. 5 lichung, auf dem Gebiet des Gottesdienstes, der Erziehung, der Geselligkeit, der Jugendbewegung, Berufswahl, Volksgesundheit, Presse, Literatur, Sexualreform die Erlösung aller Juden bringen muß, indem sie die Juden „schon in der Diaspora zu einer auf das Größte, auf Zion eingestellten menschlichen Stufe emporsteigen“ läßt Mit noch einfacheren Worten: in der dritten Phase des Zionismus tritt neben die Kleinkolonisation in Palästina die intensive Galutharbeit, die energisch gewollte „Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr in das Judenland“. Freilich erhebt sich hier — Brod hat diesen Punkt in seinem Aufsatz zurückgestellt — die Frage, wie weit eine Höherentwicklung des jüdischen Menschen unter den herrschenden ökonomischen und sozialen Bedingungen, bezw. eine Änderung dieser Bedingungen ohne Aufhebung des unmoralen Zustandes einer Verstreuung des Judentums unter die Fremdvölker möglich ist. Denn wir dürfen ja nicht vergessen, daß der gesamte Zionismus auf der Überzeugung beruht: ein Volk, das in der Diaspora lebt, muß in seiner Gesunderhaltung und Höherentwicklung gehemmt werden. Aber selbst wenn wir nur an eine Besserung der Judennot im Galuth glauben, ergeben sich uns aus Brods Folgerungen drei Forderungen. Die erste Forderung richtet sich an den einzelnen Zionisten und lautet: Arbeit an der Vervollkommnung des eignen Wesens, an der Erfüllung des Selbst mit jüdischem Wissen und Empfinden! Die zweite Forderung richtet sich an diejenigen, die zu Leitern und Verwaltern der zionistischen Organisation bestellt wurden und heißt: Mitarbeit der zionistischen Organisation überall dort, wo die äußere und innere Existenz des Judentums bedroht erscheint, wo es gilt, Massen oder Einzelne, die in Gefahr stehen, von der Not des Galuth zermalmt zu werden, dem Judentum zu erhalten! Die dritte Forderung richtet sich an jene, die bisher dem Zionismus fernstanden, entweder weil sie nicht an die „praktische“ Ausführbarkeit der Besiedlung Palästinas glaubten, oder weil sie im Zionismus eine der jüdischen Lehre widerstrebende Irrlehre sahen. Ihnen ruft der Zionismus in dem Sinne wie ihn Max Brod deutet, zu: wollt ihr abseits stehen, wenn es gilt, die Seele des jüdischen Volkes neu zu wecken, sie mit neuem Judentum zu erfüllen? wollt ihr abseits stehen, wenn man sich bemüht, die soziale und ökonomische Not des jüdischen Volkes zu lindern — im Namen des Zionismus, der in seiner letzten, höchsten Vollendung gleichbedeutend ist mit dem seit Jahrtausenden ersehnten messianischen Reiche? Cognac Macholl München den beeten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshol) Die assimilierten Nathannaturen. SchmoIIer hat daneben gehauen — Schmoller wills nicht gewesen sein. Aus einer Kritik des bekannten Buches von Hugo Preuß, durch das ein erfrischender Hauch von Freiheit und Gleichheit weht, wurde ein böser Angriff auf eine zunächst unbeteiligte Menschenklasse; das war nicht gerecht Herr Geheimrat. Aus einer Auseinandersetzung mit fremden politischen Ideen und Idealen wurde statt einer exakten Widerlegung der gegnerischen Argumente eine Polemik, die die Grundlagen verschob und mit Schlagworten, die auf gewisse Leute immer Eindruck machen, den Kernpunkt des Preuß’schen Gedankengangs verschleierte: das war nicht wissenschaftlich. Herr Professor. Aus einer sachlichen Bekämpfung des politischen Gegners, des mißliebigen Kollegen ward ein nicht mißzuverstehender Seitenhieb auf die jüdischen Professoren, die sich so lästig breit machen; und das war nicht fein, Exzellenz. Über solche Angriffe hätten wir uns nicht gewundert, wenn sie, sagen wir einmal, von Diederich Hahn gekommen wären. Aber der große Schmoller? Dem Herrn Geheimrat wurde es selbst nicht recht geheuer. Der „Sturm des Unwillens“ in der Presse und in den „Bergen von Briefen und Zuschriften“ wird ihn als aufrechten Gelehrten sicher nicht beeinflußt haben, um extra populäre Saiten aufzuziehen. Eher dürften ihm der Jubel bei den antisemitischen Blättern und die Zustimmungserklärungen, die ihm zu teil wurden, plötzlich mit einem gewissen Schauder des Reinlichkeitsgefühls gezeigt haben, in welche Gesellschaft er da geraten war. Und alsbald ertönt wieder seine Stimme: aber so war es ja gar nicht gemeint; — Es waren ja nur „einige ganz harmlose Bemerkungen“. Es war ja nicht die eigene Ansicht, sondern eigentlich mehr das, was „viele Leute fänden“. Und außerdem haben gewiß die „kurzen, nicht ganz zutreffenden und einseitigen Notizen“ über Schmollers erste Auslassung erst so wirklich die Verwirrung angerichtet. Ich kann mir nicht helfen, mein Respekt vor dem Gelehrten Schmoller hatte mich bisher verhindert, ihm solche Entschuldigungen zuzutrauen, in deren Folge er nun nach einem „objektiven historischen Urteil“ über die Judenfrage tastet. Der ursprünglich behauptete unheimliche Einfluß der Juden, ihre Sucht sich Macht anzueignen und sie auszunützen, auszunützen vor allem auch gegen Andersgläubige, verkriecht sich nunmehr hinter breiten Ausführungen über Assimilation und Assimilanten zu dem mit Wenn’s und Aber's flankierten Konditionalsatz: „die Neigung der Juden ... zu benachteiligen, ist noch so mannigfach vorhanden daß . . . kurz gesagt, der Antisemitismus bei uns noch nicht so weit verschwinden konnte, wie in Westeuropa.“ Man sieht nunmehr ein starkes Bestreben, nicht etwa die allgemeinen Anschuldigungen des früheren Artikels mit Beweisen zu belegen, als vielmehr das Nochvorhandensein von Antisemitismus in Deutschland historisch und psychologisch zu erklären und als entschuldbar und verständlich darzustellen. Die Assimilation der Juden ist das erforderliche und es gibt eben doch noch viele zurückgebliebene Untugenden und Fehler; das Volk, der „Fernstehende“ beurteilt die Dinge eben äußerlicher; hätten wir nur „Nathannaturen“ — es gäbe keine Judenfrage mehr, aber es sind auch noch Shylocknaturen darunter. Freilich, „ganz ebenso ist es auf christlicher Seite“. Aber, tut