Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■Tffi 46 Das Jüdische Echo Nr. 4 Sara-Chantzi (zornot): Ihr werdet es beide nicht erleben! Da hast du ein Geschenk! (reibt ihm drei Finger unter die Nase). Ruben-Hersch: Wohl bekomm’s! (nimmt das Buch und verläßt das Zimmer, indem er die Tür heftig zuschlägt. Aus dem zweiten Zimmer kommt Etel hereingerannt.) 2. Szene. Sara-Chantzi — Etel. Etel: Warum zürnt so der Vater? Sara-Chantzi: Ein schweres Jahr soll von ihm wissen! Kennst du ihn denn nicht, den jähzornigen Cohen? Er will nicht leiden, daß dein Motel ein Busenfreund von dem Lumpen ist . . . Etel: Was für einem Lumpen? Sara-Chantzi: Von dem Eidaml von Lea- Dwossje, von Levi-Benjamin! Etel: Warum ist Levi-Benjamin ein Lump? Sara-Chantzi: Weiß ich warum? Er will nicht, dein Vater, daß dein Mann mit einem Faulenzer Bekanntschaft führe, der in den Krautblättern schmiert, in den Zeitungen mein’ ich . . . Er will’s nicht leiden, dein Vater, daß die Stadt über dich rede, über dich und deinen Mann. Etel: Über meinen Motel? Sara-Chantzi: Deinen Motel? Was meinst du, ist denn dein Motel? Ein Mensch aus Fleisch, wie alle! Etel: Und was redet man von meinem Motel? Sara-Chantzi: Man redet . . . Was eine Stadt reden kann! . . . Man spricht, daß er bei Lea- Dwossje Tag und Nacht herumlungert, nicht des Eidams wegen, sondern wegen etwas anderm... Etel (aufgeregt): Zum Beispiel? Sara-Chantzi: Weiß ich’s! Der Teufel hol’ sie alle zusammen! Etel (lacht ironisch): Ha, ha, ha! Die Müßiggänger! Die Nichtstuer! Die Klatschmäuler! Haben sie nichts besseres zu erfinden? Sara-Chantzi: Wenn man läutet, ist ’ne Messe, Wände haben Ohren, Gassen haben Augen! Etel (außer ich vor Aufregung): Hör’ Mutter, der Mund soll schief werden denen, die so was sagen! Es wundert mich nur, daß du, Mutter, sowas von meinem Motele glauben konntest... Sara-Chantzi: Schau mal, wie sie ihn verzärtelt, wie ein Täubchen! Motele, Mo-te-lel Was ist? Du meinst, er vergeht auch so in Liebe zu dir, wie du? Etel: Mutter, du irrst dich in ihm! Du kennst ihn nicht! Er ist . . . Sara-Chantzi: So? Du weißt, heißt es, mehr als ich? Gute Jahre hab’ ich erlebt! Weh und Jammer der Mutter! Man darf nichts sagen! Meine Tochter weiß mehr als ich. Sie ist die Gescheite. Sie weiß alles; nur ich allein weiß gar nichts, ich bin eine Närrin, ich bin eine Kuh . . . Etel: Wer hat’s denn gesagt, Mutter? Ich sag ja nur, daß ein solcher junger Mann, wie mein Motel ... Sara-Chantzi (stemmt die Arme in die Hüften): Nun? . . . Etel: . . „daß ein solch junger Mann, wie mein Motel in der ganzen Welt nicht zu finden ist . . . Sara-Chantzi (schüttelt sich vor Lachen): Cha — cha — cha — cha —! So? „Er“ hat’s dir eingeredet? Nicht wahr? Glaub ihm nur, Töchterlein! Er hat’s dir vielleicht gar beschworen? Cha cha cha! Bist du aber vernarrt in ihn! Wie er dich an der Nase herumführt! Wenn du ihn näher sehen würdest, wie ich, würdest du auch vielleicht da sehen, was ich sehe . . . Etel: Was siehst du denn an ihm, Mutter? Sara-Chantzi: Ich sehe? Wollte Gott, daß es andere nicht sähen? Man sieht schon! Etel (erschrocken): Was sieht man? Wer sieht? Was hat man gesehen? Sara-Chantzi: Man hat gesehen, was keiner sehen soll . . . Etel: Mütterchen, liebstes, ich bitte dich, sag’ mir, was hat man gesehen? Sara-Chantzi: So? Du willst wirklich, ich soll dir’s sagen? Eine schöne Ehre für deine Mutter! Sollen andere dir’s sagen, du meine Tochter! Etel (weint): Mutter, du quälst mich. Ich bitte dich, sag’ mir nur ein Wort, ein halbes Wörtchen, ich bitte dich, teuerste, liebste, beste Mutter! Sara-Chantzi: Was soll ich dir sagen? Was? Was willst du von mir? Soll „e r“ dir’s sagen, wohin er jeden Tag nach dem Beten geht? Etel: Was heißt wohin? Zu Levi-Benjamin, Lea Dwossjes Schwiegersohn, dort lernen sie zusammen, lesen Zeitungen . . . Sara-Chantzi: Cha cha cha! So, wirklich so? Wer hat’s dir gesagt? Man lernt dort zusammen und liest Zeitungen? Etel: Was tun sie denn sonst? Sag, Mutter, daß ich’s auch weiß! Sara-Chantzi: Woher sollte ich wissen? Geh ich hinter ihm? Hab* ich denn nichts anderes zu tun, als meinem Eidaml nachzuspüren? Ich sag’ dir, meinetwegen kann er nicht nur zu Lea-Dwossjes Tochterl, sondern sogar in die Hölle gehen, mich geht’s nichts an, wenn es nur nicht mir und meinem Kinde schaden würde . . . Etel: Mutter! Du weißt ja nicht, was du sagst! Man hat dir da Geschichten, Dummheiten erzählt! Sara-Chantzi (entrüstet): Hör’ mal, Tochter, seit wann bist du so altklug geworden? Geschichten hat man mir erzählt? Was tust du das so verächtlich ab — Dummheiten! Ich brauch’ bei niemand herumzufragen. Man kommt zu mir von selbst ins Geschäft und erzählt mir. Soll ich mir etwa die Ohren verstopfen, was? Kannst dir denken, es ist mir bitter und sauer genug, daß ich dasitzen und all’ die schönen Geschichten anhören muß! Ich bin ja nicht mehr als ein Mensch. Einer Mutter ist es gewiß nicht angenehm, wenn man über ihr Kind so redet. Ich kann doch niemand das Maul stopfen und mich mit jedem einzigen herumzuzanken bin ich auch nicht verpflichtet; wie sagt man nun: „Schneuz* die Nas* und schmier* dir das Gesicht!“ Es ist wirklich gut, sag ich dir! Etel (außer sich): Jemand hat dir etwas ausgedacht, weiß ich, gewiß ein Feind, und du glaubst! Sara-Chantzi: Ausgedacht! Ein Feind! Oh, du unschuldiges Lamm! Geh hinaus und horch’, was man auf der Straße, in allen Häusern spricht! Die ganze Stadt ist voll davon, und sie sagt — ein Feind! Wir sind das Gerede aller, Kinder in den Wiegen kennen das Geheimnis, jeder zeigt auf mich mit dem Finger, in der Schul’ hör’ ich, wie man hinter meinem Rücken flüstert, lacht — und sie sagt mir — jemand hat ausgedacht! Jener wirft sich Lea-Dwossje’s Töchter lein an den Hals — und sie lagt — ausgedacht! Etel (weinend): Es ist eine Lüge, Mutter, ’ne . Lüge, ’ne Lüge! 3. Szene. Die Vorigen. — Motel. Motel (erschrocken, rennt hinein): Was ist? Was schreist du, Etele? Du weinst? Was weinst du, Etele? (faßt ihre Hand blickt die Schwiegermutter böse an.)