Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138082--01268-9074092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4 Das Jüdische Echo 45 Feuilleton Der Scheidebrief. Ein Akt in drei Bildern. Von Scholem-Alechem. Aus dem Jüdischen. Perfsonen: Sara-Chantzi, Hausfrau, leitet die Geschäfte. Ruben-Hersch, ihr Mann, ein Schriftgelehrter. Etel, deren Tochter, eine junge Frau. Motel, Etels Mann. Levi-Benjamin, Motels Freund, ein „Aufgeklärter“. Reb Scholom-Schadchen, ein Heiratsvermittler. Reb Orke, der Rabbiner des Städtchens. Frume-Liebe, seine Gattin. Reb Sacharia, der Gemeindeschreiber, trägt immer ein grünes Tuch. Judel, Gemeindediener, ein rühriges Männlein; einäugig. Zwei Zeugen. Zehn Juden. Ort der Handlung: ein kleines Städtchen im Osten. Zeit: voriges Jahrhundert. Erstes Bild. Ein einfaches, nach alt jüdischer Weise möbliertes Zimmer. 1. Szene. (Ruben-Hersch sitzt auf einem Stuhl an einem großen viereckigen Tisch, in ein Buch vertieft. Am Kamin sitzt Sara-Chantzi und strickt behend. Sie ist in ihre Arbeit sehr vertieft.) Sara-Chantzi: (zählt die Maschen des Strumpfes): Eins, zwei, drei, vier, fünf. . . Ruben-Hersch! Sechs, sieben, acht, neun, zehn . . . Ruben-Hersch! Ruben-Hersch (den Kopf vom Buche erhebend): Ha? Sara-Chantzi: Ha? Ha—cken soll es dir im Kopf! Zehnmal muß man dich rufen, bis du einmal gnädigst antwortest! Ruben-Hersch: Was ist denn wieder los? Sara-Chantzi: Was soll los sein? Gar nichts! Er hat sich mit’m Schwiegersohn verabredet, sie sollen mich, für Zions Feinde gesagt, zu Lebzeiten in die Erde hineinjagen! Ruben-Hersch: Da hast du wieder was Neues! Was wirst du wieder erfinden? Sara-Chantzi: Erfinden? Ich erfinden? Was, Ruben-Hersch? Wer ist im Recht? Du mit deinem Schwiegersohn, mit deinem Schwiegersohn! Wer ist ein Unmensch? Ich! Wer plagt mich zu Tode? — Geplagt und gepeinigt sollt Ihr werden! — Wer friert den ganzen lieben Tag im Geschäft? — Erfrieren sollt Ihr alle insgesamt und einzelweis’! Ich, und wieder ich! Und wenn etwas kommt, dann heißt es, ich bin die Böse. Da hast du’s, rackere dich ab, verkriech’ dich in die Erde! Viel Ehre kann man von Euch haben, brennen sollt Ihr im Feuer! O Gott, wie mir das Gesicht vor Scham brennt! Dein Schwiegersohn, leben soll er! Wenn ein Mensch Tag und Nacht nichts anderes tut, als über den Büchelchen da herumsitzen, ganz wie du, und in den Zeitungen schmieren! Und wenn ich vom Markt komm’, schaut man mich wie einen Hund an und man flüstert der Frau etwas zu, lauter Geheimnisse, lauter Sch — sch — sch-! Was ist! Du meinst, ich weiß nicht, daß von mir die Rede ist? Glaubt, ich höre nicht? Was für Geheimnisse vor einer Schwiegermutter? Ich frage dich, was hat ein Schwiegersohn vor einer Schwiegermutter zu verheimlichen? Ruben- Hersch? Ruben-Hersch? (Mit Nachdruck): Ruben- Hersch! Ruben-Hersch (wie erwachend): Ha? Sara-Chantzi: Im Gehirn soll’s dir hacken! Ich red’ da und red’, ich platz’ vor Reden und er „ha’ckt“ und ha’ckt“, als ob ein Hund bellte! Meine Galle platzt in mir, mein Blut ist schon wie siedendes Wasser und „er“ sitzt sich da mit ganz glatter Stirne, als ob nichts da wäre, über den Büchelchen, und ich bell’ da und belle! Wozu? Deine Büchlein, zerrissen sollen sie werden, sind dir wohl teuerer als dein Weib? Das ist ja dein ganzes Leben! Und wer fährt auf den Markt? Sara-Chantzi! Wer würgt die Kartoffeln jeden Tag hinunter — erwürgen sollst du dich, lieber Gott! — Sara-Chantzi! Es sollte ihn doch ein wenig ärgern, daß sein feiner Schwiegersohn, brennen soll er, über mich in den Zeitungen schmiert! . . . Ruben-Hersch, (beugt sich zu ihm nieder, schreit ihm in die Ohren) Ruben-Hersch, Ruben-Hersch, Ruben-Hersch! Ruben-Hersch: Ha? Ha? Ha? Sara-Chantzi: Schau mal, wie er da hackt? Ich red’ von deinem Juwel, von deinem Eidaml red’ ich, gestohlen soll er mir werden! Ruben-Hersch: Was willst du von ihm? Was hat er dir getan? Sara-Chantzi: Was möchtest du, daß er mir tue? Er soll mich vielleicht noch schlagen? Schon genug, daß er mich in den Zeitungen beschreibt! Ruben-Hersch: Wer hat dir denn gesagt, daß er dich in den Zeitungen beschreibt? Sarah-Chantzi: Wozu lungert er da Tag und Nacht beim Eidaml von Lea-Dwossje, der in allen Blättern schreibt? Hat sich mit einem Lumpen von einem Schreiberl zusammengesellt und man tut nicht alles lachen und wiehern, und wenn sie mich erblicken, verstummen sie, stumm und krumm sollen sie werden für ganz Israel! Ruben-Hersch: So wahr ich lebe du tust ihm Unrecht. Motel ist ein goldener Mensch. Ich soll so ein Jahr haben. Sara-Chantzi: Amen! Ihr sollt beide so ein Jahr haben! Ruben-Hersch: Er ist ein junger Mann, der was gelernt hat, und schreiben kann und . . . und . . . Sara-Chantzi: Und . . . und . . .! Was brauch ich einen Schreiber, der mich beschreiben und besudeln sollt! Ruben-Hersch: Laß’ ihn doch in Ruh! Er denkt gar nicht an dich! Sara-Chantzi: Wieso? Paßt es ihm vielleicht nicht? Was brauch’ ich einen Schwiegersohn, der zu viel kann und zu viel weiß und versteht! Ruben-Hersch: Und was geht’s dich an, daß er zu viel kann und versteht? Sara-Chantzi: Es geht mich gar nichts an; brennen soll er! Soll er mich in Ruh’ lassen, nicht in den Zeitungen schmieren über mich! Ruben-Hersch: Wer hat dir gesagt, daß er über dich in den Zeitungen schmiert? Sara-Chantzi: Was tut er denn sonst Tag und Nacht beim geratenen Eidaml von Lea-Dwossje? Alle wissen doch, daß er in den Krautblättern, in den Zeitungen mein’ ich, schmiert! Ruben-Hersch (außer sich): Es ist zu keinem Ende mit dir zu kommen! Es wäre wirklich, ich soll so leben, wert, dich in den Zeitungen zu beschreiben, aber so, daß du sollst zu singen und zu agen haben!