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Das jüdische Echo · 1917-01-26 · 4 (26.1.1917) · p. Seite 40

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
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40 Das Jüdische Echo Nr. 4 auch noch Shylock-Naturen, und die Mehrzahl der Juden steht vielleicht zwischen diesen beiden Extremen in der Mitte. Ganz ebenso ist es freilich auf christlicher Seite. Peccatur intra muros et extra. Die christlichen und die jüdischen Nathan-Naturen müssen sich die Hand reichen, um die jüdischen Shylock-Naturen und den christlichen Rassenstolz und die althergebrachten Vorurteile, die Sitten, die zur Unsitte geworden sind, zu bekämpfen. Dazu wird sicher der Krieg wesentlich beitragen. All Derartiges braucht aber Zeit. Ich bin sicher, daß in hundert Jahren das meiste, was die besten Männer auf beiden Seiten heute beklagen, beseitigt oder so gemildert ist, wie wir es wünschen müssen. Aber von heute auf morgen lassen sich bestehende Massenüberzeugungen und die entsprechenden Sitten nicht ändern. Berlin den 12. Januar 1917. (Wir kommen auf diese Ausführungen des Hrn. Geheimrat Schmoller noch zurück. D. Red.) Keine Besserung in Rußland. Bei der Besprechung des neuen Gesetzentwurfes“ der russischen Regierung betreffs der Kreisverwaltungen und Semstows traten gegen die in diesem Entwürfe enthaltenen Beschränkungen und Rechte der Juden der Vertreter der Arbeitergruppe Kerenski und der bekannte Führer der Kadetten Roditschew hervor. Kerenski wies darauf hin, daß der im Entwurf angeführte Ausschluß der Juden aus der Verwaltung bis zur Durchführung ihrer völligen Gleichberechtigung im offenen Widerspruche steht zu den früheren Versprechungen der Regierung, nationale Beschränkungen abzuschaffen und die bestehenden Ausnahmegesetze der Juden nach und nach bei der Durchführung jeder einzelnen Reform zu beseitigen. Ferner schilderte er den Gegensatz zwischen dem grausamen Verhalten der russischen Beamten und dem herzlichen, mitleidsvollen Verhalten der russischen Bauern gegen die armen, vom Kriegsschauplatz ausgewanderten Juden. Indem er die Heuchelei der russischen Regierung, die vorgibt, für Recht, Freiheit und Gerechtigkeit der kleinen Nationen zu kämpfen, ins richtige Licht setzte, schloß er mit folgenden Worten: „Ihr, meine Herren, seid die Besiegten, weil ihr neue Waffen in die Hand unserer Gegner drückt, welche behaupten, daß das Wort „nationale Gerchtigkeit“ in dem Munde der Entente eine Falschheit und Lüge sei, solange ihr einem Rußland angehört, das die nationale Hetze weiter betreibt und noch verschärft“. 1 IKgf. ‘Bayer, «g* ‘Torzettan* 1 \TJlanufakfur Olymp ßenburg (Hauptniedertage QKjlncßen: Qdeonsptat} 1 ® i'Kunst* u. ßuxusgegenstände, ‘CafeF, ‘Dessert•, H (Kaffee* u. ‘Teegeschirre, ‘Figuren, Gruppen etc. Bnacfi affen ‘KympHenburger Original. ‘Ulodeffen. (Außerdem neue Formen und Modelte nach Gnt• würfen erster ‘Münchner (Künstler. Im gleichen Sinne sprach auch Roditschew, der u. a. ausführte, daß das russische Volk schon Jahrzehnte einer menschenwürdigen Lösung der Verwaltungsfrage harrte. Die immer größeren Opfer, die vom russischen Volke verlangt werden, müßten doch wenigstens durch die Gleichberechtigung aller Bürger belohnt werden. Mit dem Ausschluß der Juden aus der Verwaltung fügt die russische Regierung dem allgemein menschlichen wie auch dem nationalen und persönlichen Rechtsgefühl des russischen Volkes eine tiefe Beleidigung zu. Die Annahme dieses Gesetzes würde verhängnisvoll für die russische Regierung und ihre Politik werden. Das Gesetz wurde trotzdem in der e r s t e n F o r m m i t allen Beschränkungen angenommen. Damit ist wieder eine Hoffnung, daß der Krieg irgendeine günstige Folge für die Lage des jüdischen Volkes haben könnte, endgültig geschwunden. Die soziologischen Grundlagen der Entwicklung des Judentums. Über dieses Thema sprach Herr Prof. Dr. Max Weber- Heidelberg am Mittwoch Abend vor zahlreichen Zuhörern im Sozialwissenschaftlichen Verein. Seine Ausführungen befaßten sich mit den sozialen Verhältnissen im alten Judentum, bei deren Schilderungen er im Wesentlichen die Ergebnisse der modernen Bibelkritik (Gret-Wellhausensche Theorie) zu Grunde legte. Aus dem ungemein anregenden Vortrag sei das Folgende herausgegriffen: Was sind die Juden der Vergangenheit? fragte der Vortragende, und seine Antwort lautete: ein Pariavolk, d. h. ein Gastvolk, das nicht bodenständig und aus rituellen Gründen vom Wirtsvolk abgesondert ist. Der Name Pariavolk weist nach Indien, und man kann die Lage des jüdischen nur durch eine Parallele mit dem indischen Volk verstehen. In Indien bedeutet „Pars“ die Kaste, den Stand, der rituell gesondert ist von anderen Ständen. Die einzelnen Kasten haben hier keine Speisegemeinschaft mit einander, und das Mitglied irgendeiner Kaste strebt nicht, in eine andere Kaste zu gelangen, sondern sieht die ihm von seiner Religion auferlegte Aufgabe in der treuen Erfüllung aller Pflichten gegen seine Kaste. Während aber der indische Paria in einem Kastenvolk lebt, ist das Judentum eine Pariakaste in einer kastenlosen Umwelt. Um dies und die hieraus sich ergebende soziale Zusammensetzung Alt-Israels zu verstehen, muß man sich klar machen, daß Palästina seit jeher ein Land der Karawanenstraßen war, in dem die verschiedensten Stämme saßen. Ursprünglich ist der Beduine, der als Kain, d. i. der „Gezeichnete“ gilt (vgl. der „Kenite“), der Bewohner der Städte, zu dem die Israeliten als Bauern im Gegensatz waren. Erst allmählich wurden die Juden ein städtisches Patriziervolk. Die Bauern bildeten den Heerbann. Erst mit dem Ritterheer der Könige verschwand der Heerbann der Bauern; aus ihnen bildete sich die Schicht der Armen, welche die Ritterrüstung nicht bestreiten konnten, da zu dieser Zeit der Heerbann aus Leuten bestand, die sich als Ritter ausrüsten konnten. So wurden in der Zeit der Könige die Bauern zu einer politisch entrechteten Schicht. Eine andere Schicht neben den eigentlichen Bauern waren im alten Israel die Schaf- und Ziegenhirten. Ein Beispiel für diese

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