Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Das Jüdische Echo Nr. 4 anderen Grad von Interessiertheit bedeuten würde — und wenn auch der gegenwärtige Zeitpunkt dafür nicht angetan ist, so muß man doch vorbereiten und informieren und dafür sorgen, daß der Tag, an welchem drüben Kapital und Arbeit, Menschen und Geschäftsverbindungen gebraucht werden, uns hinlänglich gerüstet findet. Daß dem ostjüdischen Elend nur wirtschaftspolitisch beizukommen sei, sieht heute jeder ein. Im Heft 6 der „N. jüd. Monatshefte“ schreibt Prof. Koch über die Juden der Bukowina: »Folgt nach dem Krieg nicht eine rasche Entwicklung der Industrie in der Bukowina — und wer vermag im Ernst daran zu glauben — dann wird sich das, was man gemeiniglich Judenfrage nennt, sofort als das offenbaren, was es ist: die Frage des österreichischen Ostens“. Und Prof. Dr. Ehrlich, der bekannte österreichische Soziologe, hat in seinem Buche „Die Aufgaben der Sozialpolitik im österreichischen Osten“ die Lösung der Judenfrage gewissermaßen von der Schaffung von Industrieunternehmungen abhängig gemacht. In dem schon erwähnten Aufsatz im Ostjudenheft weist ferner Friedemann darauf hin, daß nur eine großzügige Wirtschaftspolitik in Polen die Abwanderung der Juden verhindern könne. Überall das gleiche Bild. Hier offenbart sich ein Reichtum an Aufgaben, die der Bearbeitung harren. Wer aber ist hierzu berufener als die zionistische Organisation, die nationale (politische und kulturelle) Vertretung des jüdischen Volkes? Darum f Order n w i r : Aufnahme der Wirtschafts¬ und Sozialpolitik in das zionistische Programm und als ersten Schritt: Schaffung einer Informationsstelle für wirtschaftliche Angelegenheiten. Die heutige deutsche Judenfrage. Eine Antwort von Gustav S c h m o 11 e r. Im letzten Hefte meines Jahrbuches (Band 40, Heft 4), habe ich unter dem Titel „Obrigkeitsstaat und Volksstaat“ zwei Bücher besprochen: Hugo Preuß: „Das deutsche Volk und die Politik“ und Hans Delbrück: Regierung und Volkswille“. An die beweglichen Klagen von Preuß über Ausschließung von Staatsbürgern von der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung wegen ihrer Abstammung und ihres religiösen Bekenntnisses knüpfte ich einige ganz harmlose Bemerkungen darüber an, daß viele Leute fänden, diese mißhandelten Staatsbürger erschienen da und dort in diesen oder jenen einflußreichen Stellungen schon fast als herrschende Elemente. In der Presse entstand darüber, zunächst auf Grund kurzer, nicht ganz zutreffender und einseitiger Notizen über den Inhalt meines Artikels, ein Sturm des Unwillens bei den jüdischen und philosemitischen Blättern, des Jubels bei den anti- Cognac Macholl München den beeten firanzösisohen Harken ebenbürtig — Überall erhäitlloh. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Botel löiigibof) semitischen. Berge von Briefen und Zuschriften von mir meist unbekannten Schreibern drückten mir ihren Unwillen, einige aber auch ihre Zustimmung aus. Auch jüdische Zustimmungen fehlen nicht. Antworten kann ich auf diese Zuschriften nicht im einzelnen. So sei ein allgemeines Wort über meine Stellung zur Judenfrage gestattet. Ich habe zeitlebens mich weder als Philo-, noch als Antisemit gefühlt Ich hatte meine besten Freunde unter Juden und Halbjuden. Ich suchte immer mir ein objektives historisches Urteil über die einschlägigen Fragen zu bilden und zu bewahren. Die Grundlage eines gerechten Urteils über die politische und gesellschatliche Judenbehandllung im modernen Staate, wie in den Staaten der Vergangenheit, muß stets die Beantwortung der Fragen bilden: wie groß ist die Zahl der Juden im betreffenden Staate gegenüber den germanischchristlichen Elementen, wie groß ist die Zahl der höher gebildeten Juden, die des jüdischen Mittelstandes und der jüdischen Arbeiter, wie ist die räumliche Verteilung der Juden, wohnen sie kompakt für sich oder ganz zerstreut unter den Christen; endlich wie hoch ist das politische und kulturelle Niveau des Volkes, unter dem die Juden leben, wie ist die religiös-kirchliche Entwicklung des betreffenden Volkes und der unter ihm lebenden Juden? In älteren Zeiten waren die Probleme, die sich beim Durcheinanderwohnen verschiedener Rassen, Völker, Religionsgemeinschaften ergaben, unendlich viel schwieriger als in neuerer Zeit. Man konnte sich am ehesten helfen durch ganz getrenntes Wohnen. Daraus erklärt sich die heutige russische Judenpolitik, das getrennte Judenghetto in den mittelalterlichen Städten. Rohere, primitive Menschen konnten sich die anderen Menschen und Rassen nur als Feinde denken. Jeder Fremde galt einstens selbstverständlich als Feind, den man ausschloß, vertrieb, mißhandelte. Bedurfte man seiner trotzdem, so mußte er besondere Privilegien erhalten, deren beliebigen Widerruf man sich vorbehielt. Immer blieb er verdächtig, man traute ihm alles Schlechte zu, besteuerte ihn übermäßig, nahm ihm zeitweise sein Vermögen halb oder ganz, verbrannte zeitweise ganze Judenschaften unter diesem oder jenem Verdacht. Nur wenige hochstehende Fürsten und Bischöfe sahen die Nützlichkeit und Tüchtigkeit der Juden, schützten sie, solange es ging. Das war dias mittelalterliche Judenschicksal; es war das Schicksal rassenfremder Minoritäten überall in der Kulturgeschichte. Langsam rang sich aus solchen psychologischen und kulturgeschichtlichen Zuständen die Idee heraus, daß die Menschen vor Gott gleich seien, also auch von den Menschen so behandelt werden sollen. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, die politischen Ideen des 19. brachten nach und nach den Anfang der äußeren Rechtsgleichheit. Soll eine solche Früchte tragen, so muß sie verbunden sein mit einer Assimilation, wie sie am leichtesten in den oberen Schichten der rassefremden Minorität eintritt, während deren mittlere und untere Schichten noch Generationen hindurch in ihrem geistigen, geselligen Sonderleben ausharren. Seit 1848—70 hat die Assimilation der obersten Judenschichten in Deutschland große Fortschritte gemacht; unter dem Einfluß der humanitär-liberalen Ideen, des beginnenden Konnubiums zwischen Germanen und Semiten, des wachsenden Über-