Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102967-9138082--01260-9074084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertel). M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M.4.—,Einzelnummer 10 Pf.—Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— ' ’* T Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 4 München / 4. Jahrgang 26. Januar 1917 Jüdische Wirtschafts« und Sozialpolitik. Heinrich Mar gu lies, der auf dem Berliner Delegiertentag der Zionistischen Vpreinigung für Deutschland zur Gruppe derer gehörte, die von der Organisationsleitung die energische Aufnahme jüdisch-nationalpolitischer Arbeit forderte, schreibt uns: Die Tatsache, daß der zionistische Delegiertentag beschlossen hat, für die nationalkulturellen Aufgaben der Juden einen besonderen Ausschuß einzusetzen, berechtigt zu den größten Erwartungen. Namen wie Buber und Bergmann sind heute jedem jungen Zionisten geläufig und es hätte ganz ohne Zweifel keine bessere Wahl getroffen werden können. Endlich wird man sich diesen Angelegenheiten mit rückhaltloser Freude hingeben können — auch dort, wo man bisher ein wenig abseits gestanden hat. Denn das muß betont werden: alle Opposition, die sich gegen die „Nationalkulturellen“ richtete, hatte nicht das Kulturelle an sich zum Ziel, sondern entsprang lediglich der Befürchtung, daß durch eine ungeregelte Verknüpfung dieser Dinge mit den nationalpolitischen die letzteren in ein nicht ungefährliches Fahrwasser abgedrängt werden müssen. Die kulturellen Bestrebungen an sich, z. B. das Erscheinen des „Juden“, die Fortschritte der hebräischen Erneuerung — all diese Dinge ernteten den tiefempfundenen Beifall Aller und dort wo man sich den erwähnten Befürchtungen nicht verschließen konnte, empfand man es selbst am schmerzlichsten, daß man diesem Beifall nicht so ungeteilt Ausdruck geben durfte, wie es das eigene Herz gewünscht hätte. Das ist jetzt anders geworden. Und mit reiner Freude und froher Zuversicht darf man nunmehr den Dingen entgegenharren, die der von der Politik losgelöste Kulturausschuß uns bescheren wird. Aber auch der zurückbleibenden natinnaloolitischen Instanz wendet man sich jetzt wieder mit größeren Erwartungen zu. Ohne Zweifel ist sie durch die Ausstoßung der kulturellen Aufgaben arbeitsfähiger geworden, sie hat Ballast verloren — aber welcher Art werden die Arbeiten sein, denen sie sich unterziehen muß? Der Ausbau der Organisation, die Propaganda, die politische Vertretung nach außen, die Schaffung von Jugendgruppen usw. — das alles sind selbstverständliche Dinge. Hier aber möchte ich auf ein Gebiet hinweisen, welches bisher so ver-. nachlässigt wurde, daß es auf dem Delegiertentag auch nicht ein einziges Mal genannt wurde: das Gebiet der‘Wirtschaftspolitik. Jede Anregung braucht Zeit, um sich durchzusetzen; und auch diese hier hat, als sie das erste Mal ausgesprochen wurde, mehr Ironie als Beachtung gefunden. Doch der Verlauf des Delegiertentages berechtigt zu der Hoffnung, daß die Zahl derer, die die fundamentale Bedeutung dieser Sache erkennen, nicht mehr so klein ist. Und wenn hier von neuem der Wunsch ausgesprochen wird, daß recht bald ein „Ausschuß für wirtschaftliche Angelegenheiten“ geschaffen werden möge, in ähnlicher Weise vielleicht wie der Kulturausschuß, aber natürlich als direktes Instrument des Zentralkomitees, so geschieht es aus der Erwartung heraus, daß man sich. an zuständiger Stelle jetzt diesen Dingen nicht mehr verschließen wird. Es ist ein häufiges Argument, daß uns, insbesondere in dieser Zeit, die Leute fehlen, die all den vielseitigen Arbeiten entsprechen können. Aber wenn auf dem Delegiertentage von der „Ausredenseuche“ als der gefährlichsten jüdischen Krankheit gesprochen wurde, so ist kein Zweifel, daß auch dieses Argument nur ein Krankheitssymptom ist. Man hat einen Kulturausschuß geschaffen und ehe man sichs versah, waren die Männer dafür da. Als der „Jude“ gegründet wurde, hat wohl niemand geahnt, welche überwältigende Fülle wertvollster Beiträge ihm Zuströmen würde. Wir sind eben lange nicht so arm wie wir glauben. Und gerade auf wirtschaftlichem Gebiete haben wir schon eine ganze Anzahl vorbereitender Stufen hinter uns. Da ist zunächst Dozent Hirsch, dessen Versuche, die Ostjudennot durch Organisierung jüdischer Arbeit zu lindern, aus den „Jüdischen Monatsheften“ bekannt sind. Einen grundsätzlichen und wesentlichen Artikel hierzu von Friedemann findet man im Ostjudenheft der „Süddeutschen Monatshefte“, Ähnlich wie die Ostjudenfrage bildet das Problem „Mitteleuropa“, „Berlin-Bagdad“ und „Deutsch-Türkfisch“ ein abgegrenztes Gebiet, bei dessen Bearbeitung wir Spezialisten wie Davis Trietsch und in gewisser Beziehung auch Curt Nawratzki finden. Für die innerdeutschen Verhältnisse finden wir bereits eine gutfundierte und zukunftsreiche Organisation vor, den Herzl-Bund, die Jugendorganisation zionistischer Kaufleute. Also vorbereitende Stufen in großer Anzahl: nun gilt es auf ihnen aufzubauen und sie organisch zu verknüpfen. Es steht außer Zweifel, daß die Wirtschaftspolitik künftig im jüdischen Leben eine überaus große Rolle spielen wird. Die gefühlsmäßige Verknüpftheit mit Palästina allein, so fruchtbar sie auch sein kann, wird uns die Verwirklichung unseres Zieles nicht bringen. Es gibt weite Kreise in der Judenheit, für die eine Beteiligung am Import und Export palästinensischer Häfen einen ganz