Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-01-19 · 3 (19.1.1917) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138081--01255-9074079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3 Das Jüdische Echo 33 wir in Nr. 2 ds. Bl. eingehend berichteten, wurde die Forderung der jüdischen Volksgruppe abgelehnt und das Budget gegen die Stimmen einiger jüdischen Ratsmänner angenommen. In einer Sitzung des Stadtrates vom 28. Dez. v. J. wurden die Interpellationen der jüdischen Ratsmänner bezüglich der Absonderung der jüdischen Händler in den Handelsgewölben und der Nichtzulassung der Juden in den polnischen Gärten vom Magistrat beantwortet. In der ersten Verordnung stützte sich der Magistrat auf das Gesuch einiger christlicher Kaufleute, in der letzten auf die Beschädigung der Gärten durch nicht zuverlässige Elemente, zu denen er auch die nicht europäisch gekleideten Juden zählte. Um einem Protest der jüdischen Ratsmänner in dieser Angelegenheit aus dem Wege zu gehen, brachte der Vorsitzende, trotz der frühen Mittagstunde, den Antrag auf Schluß der Debatte zur Abstimmung, der mit einer kleinen Mehrheit angenommen wurde. Die ganze jüdische Presse ist empört und erbittert ob dieser unerhörten Vergewaltigung der Minderheit, deren einziges Recht, gegen Ungerechtigkeiten zu protestieren, in allen Parlamenten der Welt gewahrt wird. Antisemitismus im Lubliner Stadtrat. Als die 17 jüdischen Ratsmänner zur ersten Sitzung des Stadtrates am 28. Dezember v. Js. erschienen, fanden sie an sämtlichen linken Plätzen die Visitenkarten der polnischen Abgeordneten befestigt, so daß sie die rechten Plätze einnehmen mußten und demnach unwillkürlich zur rechtsstehenden Partei gestempelt wurden. Bei der Wahl des Präsidenten stellten die jüdischen Abgeordneten ihren eigenen Kandidaten auf, wodurch der polnische Ratsmann Baikowski nur mit der Mehrheit von einer Stimme (31 von 60) zum Präsidenten gewählt wurde. Er rächte sich an den jüdischen Ratsmännern, indem er ihnen den Rücken zukehrend und sich nur an die polnischen Abgeordneten wendend, ihnen den Dank für das ihm geschenkte Vertrauen aussprach. Es ist zu bemerken, daß die Juden in Lublin 50 Prozent der sämtlichen Einwohner ausmachen und daß von ihnen mehr als die Hälfte der gesamten Steuern der städtischen Kasse zufließt. Die „American Federation of Labour“ zur Einwanderungsfrage. Die letzte Konvention der A. F. o. L. bekräftigte ihre bekannte einwanderungsfeindliche Stellung, indem sie sich für die Barnett-Dillingham-Bill aussprach. Diese Bill fordert bekanntlich von jedem Einwanderer die Kenntnis des Lesens und Schreibens wenigstens einer Sprache. Das Inkrafttreten dieses Gesetzes wurde bisher durch das Veto des Präsidenten der Republik vereitelt. Die jüdische Presse Amerikas wirft den jüdischen Delegierten bei der Konvention der A. F. o. L. vor, daß sie es unterlassen haben, gegen diesen reaktionären Beschluß, der besonders für die nach dem Kriege zu erwartende große jüdische Einwanderung gefährlich ist, mit entsprechendem Nachdruck aufzutreten. Jüdische Auswanderer. Die Hebrew Sheltering and Aid Company hat mit dem Präsidenten Wilson eine Vereinbarung wegen der in Amerika einwandernden Juden getroffen. Danach dürfen die aus den kriegführenden Ländern Eingewanderten, die aus einem oder dem andern Grunde zur Deportation verurteilt werden, während des Krieges nicht zurückgeschickt werden. Die Gesellschaft verpflichtet sich, während dieses Zeitraumes die Sorge und Verantwortung für die Emigranten zu tragen. Eine Erklärung des „Bund“. Das Auslandskomitee des Allg. Jüd. Arbeiterbundes in Litauen, Polen und Rußland („Bund“) hat zur Proklamation der Zentralmächte betreffs Polens in einer Erkärung Stellung genommen. Die Erklärung führt u. a. aus: „Unter den Fragen der inneren Einordnung Polens, die das Proletariat in erster Linie zu lösen haben wird, ist eine der wichtigsten die Beseitigung der nationalen Konflikte, vor allem die Regelung der jüdisch-polnischen Beziehungen. Das Proletariat Polens wird alle seine Kräfte einsetzen müssen, um der erwähnten Gefahr vorzubeugen, und um zu verhindern, daß der nationalen Frage, vor allem der Judenfrage, im Leben des polnischen Staates nicht dieselbe verhängnisvolle Rolle anheimfällt, die dieser in der Politik Rußlands zuteil geworden ist. Das Proletariat Polens wird die Forderung erheben müssen, sowohl auf Grund der allgemeinen Verfassung als auch mittelst Errichtung spezieller Institutionen, die Rechte der nationalen Minderheiten zu schützen, und wird dafür mit aller Energie und Entschiedenheit sich einstellen müssen. Selbstredend löst die nationale Autonomie auch auf der Grundlage weitester Demokratisierung des Staatswesens nicht restlos die Nationalitätenfrage inerhalb des heutigen Staates, sie ist aber in der durch Klassengegegensätze entzweiten Gesellschaft die höchste Garantie eines friedlichen Zusammenlebens der Nationen und der Freiheit ihrer kulturellen Entwicklung. Die volle Befreiung der Nationen wird nur der endgültige Sieg des Sozialismus mit sich bringen.“ Jüdische Hilfsarbeit in Rußland. Das Moskauer jüdische Hilfskomitee für Kriegsopfer veröffentlicht in seinem Bulletin einige höchst lehrreiche Zahlen über den Umfang seiner Arbeit. Der Rechnungsabschluß für die Zeit vom 1. August 1914 bis 1. Mai 1916, also für 22 Monate, ereibt folgendes Bild. Es wurden eingenommen: durch Selbstbesteuerung 1.038.000 Rubel, einmalige Eingänge aus Moskau 228.000 Rubel, aus der Provinz 108.000 Rubel, vom Petrograder Zentral-Komitee erhielt der Moskauer Rayon, umfassend 10 Gouvernements, eine Subvention von 500.000 Rubel. Dazu kommen diverse Einnahmen von speziellen Veranstaltungen, aus Büchsen und für Spezialzwecke von über 42.000 Rubel. Die vereinnahmten nahezu 2 Millionen werden in folgender Weise verwendet* Die Ortskomitees des Gebietes erhielten für Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Wohnungen und Kleidern 650.000 Rubel, wovon rund 5000 Rubel für ein Darlehen gewährt wurden. Die Ravon-Komitees erhielten 366.000 Rubel, davon die Gesellschaft zum Schutze der Gesundheit der jüdischen Bevölkerung ca. 229.000 Rubel (für Kinderheime, medizinische Hilfe, Speisehallen u. a. m.), die Gesellschaft zur Förderung des Handwerks 53.000 Rubel (für Arbeiterbureaus, Werkstätten und Darlehen), die Bildungsgesellschaft 65.000 Rubel für Schulen und Abendkurse. Der Rest entfällt auf die Gesellschaft der Freunde der hebräischen Sprache und andere Anstalten. Die unmittelbaren Ausgaben des Moskauer Komitees in der Stadt sowie in der Provinz betrugen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.