Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 5 Unterstreichung des religiösen Geistes war für mich neu. Ihn habe ich im Gemeindeleben der Ostjuden kennen gelernt. In Prag gibt es eine jüdische Bibliothek mit vielen und wertvollen Büchern, die keine Besucher hat. Die Flüchtlinge kamen. Erste Frage: Wo sind Bücher? Erster Weg — zur Bibliothek. Doch die Behandlung des Buches und die Zudringlichkeit stießen mich ab, bis ich mir ein Urteil unter Kämpfen bilden konnte. Ich fragte einmal: „Sagen Sie mir, warum bringen Sie das Buch so schrecklich zurück?“ „Ja, wir studieren doch dieses Buch.“ „Aber Westjuden studieren doch auch!“ „Wohl, doch iso studieren Westjuden nicht.“ Die Leidenschaft ihres Geistes richtet sich auf den Inhalt unter Vernachlässigung des Buches selbst, des Einbandes, der Prachtausgabe. Von allen jüdischen Dingen machte der ostjüdische Gottesdienst den tiefsten Eindruck auf mich. Man dient nur dem Geiste und alles andere ist überflüssig. Die Andachtsstätten finden sich in Häusern, die den Stempel des Elends auf der Stirne tragen. Als ich, ein Westjude, dem man ansieht, daß er nicht den Grad von Frommheit aufzuweisen hat wie sie, ihre Bethäuser besuchte, begegnete :ich einer großartigen Toleranz!/ Man. ließ mich meine Fremdheit {nicht fühlen. Es bildete sich ein Fluidum von Vertrauen und Liebe um mich. Diese und andere Erlebnisse lassen mich sagen: „Wenn uns die Ostjuden komisch Vorkommen, so wir ihnen noch viel mehr. Ich sehe in ihnen einVolk, welches wenigstens prinzipiell dem Geiste die erste Stelle in seinem Leben eingeräumt hat und ihm alles unterwirft. Die Person tritt vollständig zurück.“ („Der Biur“, der Autor ist vergessen; so etwa, wenn wir sagten: ich fahre nach Weimar zum Grabe des „Faust“.) Die allgemeine Meinung geht dahin, daß die Ostjuden tief unter uns stehen. Ich übersehe nicht Fehler und Verfallserscheinungen. Aber wichtiger ist für uns, was wir Westiuden von ihnen lernen können. Auf diese Frage sind schon zwei Männer eingegangen, zwei Bahnbrecher auf dem Wege: Birnbaum und B u b e r , denen man nicht genug dankbar sein kann. Die eigenartige jüdische Idee, „das Prinzip der Geistigkeit im materiellen Leben“ (nicht zu vergleichen mit dem immaterielleren Christentum, das seinen ictus durch Reduzierung auf d!as Himmelreich verliert) bedeutet für Europa etwas ganz Neues. „Allein eine Nutzbarmachung ist nicht möglich, wenn man nicht erkannt hat, daß das ostjüdische Leben nichts ist als gelebte r Talmud.“ „Ich halte es für eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Zeit, zu der ich unaufhörlich auffordere: eine brauchbare Ausgabe des Talmuds zu schaffen. Darin wird man Unzähliges finden zur Erkenntnis der Ostjuden und des Jammers, in dem heute die Welt steht. Es ist unmöglich, wie Zweierlei nebeneinander existieren kann: die Welt, die nicht Rat weiß, und das Buch, das Rat weiß. Mehr, als man aus den Upanischaden und den Evangelien schöpfen kann, bietet der Talmud1. Ich bin vor drei Jahren in diese Welt getreten und von Grund aus ein anderer geworden . . .“ Die Ausführungen des Redners riefen jubelnden Beifall hervor. Er galt der Persönlichkeit ebenso wie der von ihr vertretenen Sache. Nicht alles, was Brod vorgebracht hat, konnten wir in unsere Wiedergabe aufnehmen. U. a. skizzierte er auch seinen Standpunkt zur üblichen Charakterologie des Juden (Sombart), zum humanistischen Gymnasium (Ersetzung der lateinischen Kultur durch Einführung in die Welt Hilleis und Schamais). In Max Brod ist dem Judentum ein Mann wiederum zugeführt worden, von dem man eine tiefe, wirksame Beeinflussung und Beleuchtung des Westjudentums erwarten kann. Die Völkerstämme des alten Palästina. Von Dr. Elias Auerbach in Haifa. Aus „Archiv für Rassen- und Gesellschafts- Biologie“. 1914/15. 6. Heft. Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. (Schluß.) Das Amoriterproblem ist, wie wir gesehen haben, recht verwickelt und in etlichen Punkten noch ungeklärt. Zum Teil liegt das sicher daran, daß die Bezeichnung „Amurru“ ursprünglich eine geographische ist und an der Örtlichkeit trotz des Wechsels der Bevölkerungsschichten haftet. Sodann auch daran, daß dieser Wechsel nicht auf einmal, sondern in mehreren Etappen vor sich ging. Am besten gesichert ist noch die Annahme, daß die Amoriter im Palästina der frühhebräischen Zeit ein nichtsemitischer Volksstamm waren. Ein neues Licht fällt auf die Amoriter durch ihren engen Zusammenhang mit den Philistern, der sonderbarerweise aber bisher von niemand bemerkt worden ist. Auf eine solche Verbindung, zugleich damit auch auf den oben behaupteten westlichen Ursprung der Amoriter, muß schon die Tatsache leiten, daß unter den Amoriterfiirsten in Babylonien uns Ismedagan, König von Isin, entgegentritt, ein Name, in dem zweifellos der nur bei den Philistern vorkommende Gottesname Dagon steckt. Liest man die biblischen Berichte — noch immer unsere reichhaltigste Quelle für alle diese Probleme! — aufmerksam, so ist es geradezu frappierend, daß die hebräische Tradition zwischen Amoritern und Philistern überhaupt kaum einen Unterschied macht, allenfalls einen zeitlichen: was früher Amoriter hieß, heißt später Philister. So ist es auch wohl zu erklären, daß die Amoriter, die bei der Eroberung Palästinas eine so bedeutende Rolle spielen, bald nachher überhaupt nicht mehr erwähnt werden, während die Philister, die Erzfeinde der Israeliten, bei der Besitzergreifung Palästinas anscheinend noch nicht im Lande sind. Von der Zeit an nämlich, wo die Philister in Palästina erscheinen, setzen die Israeliten diesen Stamm, den sie als nahe verwandt mit den Amoritern empfinden, kurzerhand an Stelle jener in allen Berichten. Der klarste Ausdruck dieses Sachverhalts ist I. Sam. 7, 14: „So nahm Israel die Städte wieder, die die Philister ihnen genommen hatten . . . und Israel errettete sie von der Hand der Philister; und Israel hatte Ruhe vor den Amoritern.“ Noch eine Reihe weiterer Beispiele läßt sich für diese Tatsache anführen. Für die Amoriter finden wir mehrere Nebennamen, die vor allem auf ihre Körpergröße Bezug haben; solche Namen sind Anaqim und Rephaim, die später schlechtweg „Riesen“ bezeichnen, in ethnologischem Sinne aber nur auf die Amoriter — und die Philister angewandt werden. So ist in Jos. 11, 21—22 beim Kampf gegen die Amoriter von der Ausrottung der „Anaqim“ aus dem Gebirge Juda erzählt: „Sie blieben nur zurück in Gaza, Gath,