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Das jüdische Echo · 1917-01-05 · 1 (5.1.1917) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
1 (5.1.1917)
Date
1917-01-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das Jüdische Echo Nr. 1 Anschluß an die Assimilanten gesucht. Ob hier ihre religiösen Ansprüche besser befriedigt werden, ist freilich eine andere Frage. Bisher sind die folgenden Ergebnisse der Wahlverhandlungen bekannt geworden: In Lodz wurde ein allgemeines jüdisches Wahlkomitee gebildet, dem 130 Mitglieder: Zionisten, Nationale; Chassidim, Handwerker und Unparteiische angehören und das einen Kampf gegen das Assimilantentum führen soll. Die Assimilanten und Neo-Assimilanten, die hier nicht auf die Unterstützung durch die Chassidim rechnen können, haben Unterhandlungen mit den Polen begonnen und ein eigenes Komitee gebildet. In Radom haben sich jüdisch-demokratische und jüdisch-nationale Kreise gleichfalls mit den Chassidim vereinigt. Die Assimilanten haben sich mit dem polnisch - demokratischen Wahlkomitee geeinigt und bekämpfen das jüdische Wahlkomitee. In Petrikau mußten die Nationalen auf eine eigene Wahlliste verzichten, da sich hier schließlich die Chassidim für den Anschluß an die Assimilanten entschieden. In Lublin hatten sich Assimilanten und Nationale auf ein Wahlkomitee geeinigt, das Vertreter aller jüdischen Richtungen umfaßte. Die Assimilanten, verstärkt durch die Chassidim, bewogen die Nationalen, sich mit einem einzigen nationaljüdischen Vertreter zu bescheiden. Nachdem sich die Nationalen mit dieser Mindestforderung einverstanden erklärt hatten, begingen die Assimilanten einen schnöden Verrat, indem sie im letzten Augenblick den einzigen nationalen Kandidaten einfach von der Liste strichen und damit die Nationalen gänzlich von den Wahlen ausschalteten. Diese Vorgänge beweisen aufs neue deutlich, daß eine Vereinigung der nationalen Gruppen in Polen zu gemeinsamer Arbeit dringend geboten erscheint. Bei den Stadtwahlen der zweiten Kurie wurden gewählt: In Kielce sechs Kandidaten des jüdischen und zwei des vereinigten Wahlkomitees, zwei Sozialisten und Vertreter anderer Parteien der Linken; in Petrikau fünf Kandidaten des jüdischen, drei des unparteiischen, einer des vereinigten und einer des sozialistischen Wohlkomitees der vereinigten Parteien. Max Brod über das Ostjudentum. Im vorigen Winter veranstaltete das Wiener Komitee zur Aufklärung über ostjüdische Fragen, an dessen Spitze Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d und Dr. Nathan Birnbaum stehen, eine Reihe von Vorträgen, zu denen auch eine Anzahl hoher staatlicher Funktionäre erschienen, um sich über das in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht bedeutungsvolle jüdische Bevölkerungselement belehren zu lassen. Das „Ostjudenkomitee“ hat in diesem Winter eine neue Vortragsreihe eröffnet. Am ersten Abend sprach der Prager Schriftsteller Dr. Max Brod über seine persönlichen Erfahrungen mit den Ostjuden. Als die Flucht begann, erzählte Brod, hielt auch ich die Zeit gekommen, den Schreibtisch zu verlassen und mich; in den Dienst der Hilfe zu stellen. Der erste Eindruck war schlecht. Ich sah eine gehetzte Masse, der man vieles nachsieht, aber den Mangel an Disziplin konnte ich nicht beschönigen. Das Zusammentreffen mit den Ostjuden in der Kleiderstelle war mir eine Qual. Der Intellekt beschwichtigte, das Herz sagte mir anderes. Heute nehme ich alle stillen Vorwürfe zurück. Was mir fremd erschien, scheint mir heute ein großer Vorzug. Die Leute waren nicht dankbar, sie waren anspruchsvoll, wollten mehr, Besseres. Heute sehe ich darin einen guten Zug der jüdischen Seele, nachdem ich erfahren habe, wie Westgalizien Ostgalizien half, als es vor den Russen floh, wie man den vertriebenen Brüdern im ganzen Hause —bis auf die Abtretung des eigenen Bettes durch die Gastgeber, die mit der Lagerstatt am Fußboden vorlieb nahmen — den Vorzug gab, während unser Europa sich mit der Preisgabe des füf eigenen Bedarf Unbrauchbaren begnügte. „Die ostjüdische Wohltätigkeit verlangt den ganzen Menschen. Der Dienst aber, den wir dem Nebenmenschen angedeihen ließen, war nicht in den Mittelpunkt unseres Strebens getreten.“ Man tadelte auch die vermeintliche Herzlosigkeit dem äußeren Auftreten nach reicher Flüchtlinge, während diese im Geheimen weit mehr taten als wir. Daß die Ostjuden nicht in unserem Sinne dankbar sind, geht auf altjüdische sittliche Auffassung zurück. Nachher kam ich in der Notschule mit ihnen zusammen. Von der berühmten Bildungsfeindlichkeit der Ostjuden zeigte sich gar nichts. Die Eltern kamen scharenweise zu Schulausstellungen. Immer und immer wieder bezeugten sie ihren warmen Dank. Während sie das Materielle gleichgültig läßt, haben die Ostjuden ein sehr gutes Gefühl für geistige Wohltaten. Sie haben eine naive Freude am Geiste. Ich habe sie kennen gelernt und mein Vorurteil abgelegt: Die naive Geistigkeit, die sie besitzen, geht geradenwegs auf das Ziel los, ohne nach anderen Dingen auszuliwen. Naiv ist in unseren Augen der Berserker, der Bauer. Deshalb sagen wir, die Juden haben keine Naivität. Ganz anders. "renn wir den Begriff anders verstehen, was man allerdings muß. Wenn der Geist unbekümmert ist, und in einem Menschen eine solche Gewalt gewinnt wie etwa durch das Leben in Gott, dann müssen wir auch von einer Naivität sprechen. Ein Beispiel: Ich bekam den Besuch des Vaters zweier Schülerinnen. Er wollte den Lehrer seiner Kinder kennen lernen. Nichts anderes. Er fragte nicht, wie etwa unsereiner, ob er störe. Der Ostjude weiß: eine wichtige Sache muß ein Ohr finden, es geht alle Menschen an. Er kümmert sich von Anfang an nicht um Widerstände, spricht ungeniert, nimmt mein Interesse gefangen, kennt keine Ausrede: in ihm herrscht die Unbekümmertheit des Geistes. Was wir Disziplinlosigkeit nennen, ist oft nur eine Mißachtung der menschlichen Satzungen gegen die Achtung, die den ewigen Satzungen Gottes entgegengebracht werden. Darum habe ich gerade diese lieben und schätzen gelernt. Die Damenfriseur SPEZIAL-DAMEN-SALON NUR FÜR DAMEN Residenzstrasse 17/1 SALON FÜR DAMEN UND HERREN Parkhotel Majdmiliansplatz 21 LUDWIG MURR

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