Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 505 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Das Jfidische Echo 505 „Zum Schluß sei noch erwähnt, daß sich letzten Endes der Sanierung iüetr wirtschaftlichen Verhältnisse auch das jüdische Parteileben in Galizien hemmend in den Weg legt, das sich in die Gruppen der Assimilanten und der Zionisten spaltet, sich in politischen Parteiinteressen gegenseitig bekämpft und organisatorischen und kulturellen Aufgaben verschließt.“ Wir sind nicht abgeneigt, dem Autor auf Wunsch eine Liste derjenigen Institute vorzulegen, die sich bemühen, den galizischen Juden organisatorische und kulturelle Aufgaben zu — verschließen. Licht in der Finsternis. Ein Juden-Roman aus Polen von Eliza Orzeszka. Georg Müller Verlag München 1916. (Deutsch von A. Guttry.) .Die Verfasserin hat sich mit einem für eine polnische Nichtjüdin erstaunlichen Verständnis in die Psychologie und die Umgebung polnisch-jüdischer Kleinstädter des vorigen Jahrhunderts hinein versetzt. Sie erzählt die Geschichte zweier später Zweige der Familien Ezofowicz und Todros, die seit Jahrhunderten in dem Städtchen Szybow ansässig und hervorragende Vertrter des Chassidismus einerseits, des Misnagdismus andrerseits sind. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge Meir aus dem Hause Ezofowicz, der im Herzen ein glühendes Verlangen nach Licht in der Finsternis einer von starrem Dogmatismus, Aberglauben und Unduldsamkeit in Banden gehaltenen Gemeinde im Herzen trägt. Er kämpft gegen die Tyrannei des Rabbi Todros, kämpft gegen die Unehrlichkeit, die er bei einigen Kaufleuten seiner Stadt findet, kämpft für die Verteidigung der Rechte einer verfolgten Karaitenfamilie. Aber er muß der Übermacht weichen, selbst seine Familie läßt ihn im Stich, und in Nacht und Nebel muß er die Heimatstadt verlassen, um draußen in der Welt den Kampf auszukämpfen, und die Entscheidung zwischen Rückkehr zum starrsten jüdischen Gesetz oder Anschluß an die Welt der andern zu finden. Das Buch ist das Werk eines starken Talentes und leidenschaftlichen Temperaments. Hier und da würde man sich wohl einen minder scharfen Kontrast von Schwarz und Weiß, würde man sich einige beruhigende Zwischentöne wünschen, aber die Handlung bleibt jedenfalls immer spannend. Freilich geschieht dies mitunter auf Kosten der Tiefe des Werkes — die Probleme des Judentums liegen wohl so tief, daß selbst der eifrigste nichtjüdische Forscher sie nicht ganz zu erfassen vermag. Und doch enthält dieses Buch vieles, was einem unbefangenen Leser das Leben in polnischen Judenstädten zur Zeit der Haskalah anschaulich macht. Einige Einzelschilderungen von Typen und Situationen sind außerordentlich packend. J. L. Perez: Die g o 1 d e n e K e 11 e. Das Drama einer chassidischen Familie, Aus dem Jüdischen von Siegfried Schmitz. Wien-Berlin 1917. R. Löwit Verlag. Preis K. 2.40, Mk. 1.80. Das reifste Werk aus dem reichen volkssucherischen Schaffen J. L. Perez’ liegt nunmehr in deutscher Übersetzung vor. „Die goldene Kette“ — so nennt der Dichter sein Drama — ist das Symbol für den in der Abfolge der Geschlechter wirksamen Zusammenhang des jüdischen Geistes. w * finden im ,Jüd. Echo, größteVerbreitung! An dem Drama einer chassidischen Familie hat Perez das Drama des Chassidismus, der stärksten religiösen Bewegung des neuzeitlichen Judentums aufgezeigt. Vier Generationen eines Zaddik-Geschlechtes schildert der Dichter, in denen der Geist der jüdischen Lösung wirkt, anders in jeder, immer ferner der Erzählung. Rabbi Salomo, erfüllt von dem Gott und die ganze Jüdenheit erfüllenden Geiste des Baal-Schem, will aus starkem Willen der selbst Gott zu zwingen sich vermißt, den ewigen Sabbath bringen, die Lösung des jüdischen Seins zur Befreiung. Er vermag es nicht; denn das Volk braucht und will den im Gesetz geregelten Werktag, es ist nicht reif für den Qabbath, der über dem Gericht steht. So zerschellt Salomos großes Wollen an dem kleinen Werktagvolkssinn. Dessen Mittler ist sein Sohn Rabbi Pinchas, der die Lösung im Gesetz, in jahrhundertererbtem Recht und Gericht sieht. Doch sein Werk zerstört seine Enkelin Leah, welche aus der Enge des Gesetzes in die „schrankenlose“ Welt zieht. Gebrochen kehrt sie heim; die Freiheit der Welt ist tödlicher Wahn. Sie sucht Schutz bei ihrem Vater Rabbi Mosche, der jetzt das ererbte Mittleramt verwaltet. Er aber ist unfrei, gedrückt von lähmendem Zweifel an seiner Sendung „die Welt zu führen“. Der Tochter Not bringt ihn zum verzweifelten Schritt „Gott zu prüfen“, um seinem Zweifel, seines Kindes und seiner Gläubigen Not ein Ende zu setzen. Daran hindert ihn sein Sohn Jonathan, der Eiferei blindergebenen Glaubens. Ihn wählt eine Zehnschaft der Gemeinde zum Rabbi. Mit diesem Ausblick auf die von einem starr-resignierten Fanatismus geführte heutige Generation des Chassidismus schließt das Stück. — Diese Vorgänge hat Perez mit der Kraft des Dichters, der in die tiefsten Tiefen des Volkssinnes hinabsteigt, gestaltet. So entstand ein einzigartiges Werk, welches die Wiunderwelt jüdischer Mystik, die starken Urkräfte jüdischen Glaubens in ihren Beziehungen zu dem schwachen Sein des Volkes dichterisch-lichtvoll darlegt. Ähnliches hat bisher kein jüdischer Dichter geschaffen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes edle Sprache (allen Spöttern über die angebliche Häßlichkeit des Jüdischen sei das gesagt) hüllt die Dichtung in ein kostbares Kleid. Die deutsche Übersetzung Siegfried Schmitz’ hat ein wertvolles Nachbild geschaffen. Dem deutschlesenden Publikum wurde hier ein Werk vermittelt, das weit über das gewöhnliche Maß hinausgeht. Damit hat sich der mit geschmackvollem Spürsinn für gute jüdische Literatur begabte Verlag R. Löwit, der dem Buche ein würdiges Gewand gab und auch durch eine schöne Luxusausgabe in rotem Leder den Ansprüchen verwöhnter Bibliophilen voll Genüge leistete. Dank erworben. ... „ESKR" 1 KLEINKUNST- I VERSAND I MaNCHENp;snet-1 Ausstellung aller Zweige | des Kleinkunst-Gewerbes i 8382