Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 504 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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504 Das jüdische Echo Nr. 52 Zeitungs-Echo Im jüdischen Wilna. In einem Aufsatz „Neuland“, Eine Fahrt durch Ob. Ost“ schreibt Arthur Feiler in der Frankfurter Zeitung: Plötzlich aber eines Spätnachmittags finden wir uns verblüfft mitten in städtischem Gewühle. Hell erleuchtete Straßen, Kinos mit greller Lampen- Reklame, offene Läden mit guten und schönen Dingen, wohlgekleidete Menschen, Damen sogar, die Einkäufe machen oder flanieren, ein buntes Gemisch von Sprachen und Typen, gaffende Ansammlungen überall, wo unsere Autos halten, ein entzückend eingerichtetes Ausstellungshaus mit warm-behaglichen Fünfuhrtee-Räumen, in denen dann und wann ein paar Geigen leise singen: so erschien uns Wilna bei unserer Ankunft. Aber dieser erste Eindruck täuscht, täuscht schwer über das, was wirklich ist. Zwar die Überraschung über die schöne Lage der Stadt bleibt und verstärkt sich noch, als wir sie am nächsten Vormittag kreuz und quer durchfahren. Köstlich liegt Wilna (und liegen ebenso die beiden Memelfestungen Kowno und Grodno) an tiefeingeschnittenen, vielfach sich windenden Flußläufen, die die ganze Stdt durchziehen, Wäldchen und Vororte abschneidend und zu stundenweiten Spaziergängen über immer wechselnde Täler und Hügel einladend. Deutsche Besucher haben diese Lage mit dem Rhein und seinen Nebentälern verglichen, und wirklich fühlt man sich unwillkürlich an Ems, an Kreuznach oder Boppard erinnert, wenn man von weitem diese Städte und Flüsse überschaut. Aber nur von weitem; denn drinnen ist man in einer ganz anderen, östlich-fremden Welt. Schon die Kirchen, an denen Wilna überreich ist (vor allem die römisch-katholischen sind zahlreich, groß und prächtig), zeigen den Osten: Heiligenfiguren mit natürlichen Kopf- und Barthaaren, der Körper mit echten, seidengestickten Gewändern bekleidet; dunkle Muttergottesbilder, bei denen nur Gesicht und Hände in braunem Holze sichtbar werden, während Gewand und Glieder in edelsteingeschmückter Gold- und Silberarbeit schimmern, am kostbarsten das wundertätige Bild der Mutter Gottes zu Ostrabrama, das, über dem fforbogen aufgestellt, im Kerzenlicht auch auf der engen Straße sichtbar ist, auf der zu jeder Tageszeit und oft in dichten Scharen die Andächtigen mitten im Verkehr auf den Knien liegen und beten. Und dann das Volk, die Völker! Wilna hatte vor dem Kriege 250 000 Einwohner (darunter etwa je 90 000 Polen und Juden), jetzt sind es noch rund 170 000. Vor allem die Russen sind fort, und die russische Sprache ist von den Straßen- und Ladenschildern, hier wie in ganz Ob. Ost, verschwunden, ersetzt durch die deutsche in manchmal recht mangelhafter Orthographie, so daß man sich nun an Ankündigungen wie Cutaten vir Schneider, Bier-Husschanck und vielem ähnlichem ergötzen kann. Aber Eigene Verkaufsstelle: Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlioh. Karlsplatz 25 (Hotel Könlgshof) das Sprachen- und Völker-Gemisch ist noch immer bunt genug. Die Verordnungen der Verwaltung erscheinen außer in deutscher Sprache noch in polnisch, litauisch, weißrussisch und jidisch. Und Polen, Litauer, Weißrussen und Juden haben auch die Ausstellung beschickt, von der ich sprach, eine Ausstellung Wilnaer Arbeitsstuben: Holzschnitzarbeiten, Keramiken, Stickereien, Spinn- und Webarbeiten, mit vielem sehr Schönen und Eigenartigem, darunter — Heim- und Hofarbeiten, durch den deutschen Stadthauptmann zusammen mit Vertretern der verschiedensten Nationalitäten organisiert, um die Jugend von der Straße fortzubringen und um die durch Generationen vererbte Handfertigkeit zur Linderung der Not nutzbar zu machen. Schon tausende von jungen Burschen und Mädchen sind in diesen Arbeitsstuben, deren Erzeugnisse in der Ausstellung gezeigt und abgesetzt werden, beschäftigt. „Hilfe für Opfer des Krieges“ heißt die polnische, „Hilfe durch Arbeit“ die jüdische Arbeitsstuben-Gesellschaft. Und wie nötig diese Hifle ist, kann man mit den Händen greifen, wenn man z. B. durch das jüdische Proletarier-Viertel wandert. Da hocken sie zusammen in dunklen Kellerzimmern, in überfüllten Höfen, in undefinierbare Fetzen gekleidet, schmutzig und elend. Oder sie drängen sich auf dem Trödelmarkt, auf dem der Abfall der ganzen Stadt, des ganzen Landes sich zu sammeln scheint, rostige Schlüssel, Stoff-Fetzen, zerlesene Bücher und tausenderlei Kram, unsauber, wertlos, in winzigen Verkaufslöchern übereinander gehäuft. Menschen und Menschen wimmelnd dazwischengepfercht. Nur im Londoner Ostend habe ich bisher Ähnliches gesehen: hier ist das Vorbild dafür und der Ursprung. Und so elend lebt nicht nur das jüdische Proletariat: allein von den Litauern, dem Hauptbestandteil der Bevölkerung in Ob. Ost südlich Kurlands, können nur 10 Prozent lesen und schreiben; ein volles Drittel der jetzt noch in Wilna anwesenden Bevölkerung muß von der durch die deutsche Stadtverwaltung in Gemeinschaft mit den Vorgefundenen nationalen und konfessionellen Wohltätigkeitsorganisationen eingerichteten Armenpflege unterstützt werden! literarisches Echo Galizien, Land und Leute von A. v. Guttry. Bei Georg Müller, München. Mit 74 Bildbeigaben. Geh. M. 5.—, geb. M. 6.50. Das Buch bietet eine umfassende Darstellung in historischer, geographischer und kulturhistorischer sowie wirtschaftlicher Hinsicht über das österreichische Kronland. Daß es nicht gerade mit allzu großer Gründlichkeit geschrieben ist, mögen die beiden folgenden Proben aus dem Kapitel „Juden“ beweisen: „Als bester Beweis, daß noch heute in dem unter polnischer Selbstverwaltung stehenden Galizien den Juden in keiner Weise Schwierigkeiten bereitet oder ihnen hemmende Hindernisse in den Weg gelegt werden, sei hier nebenbei erwähnt, daß an den Schulen, Gymnasien und Hochschulen jüdische Lehrer, Dozenten und Professoren angestellt sind, daß die Akademie der Wissenschaften m Krakau Juden zu Mitgliedern ernennt, und daß auch auf hohe Verwaltungsposten Juden als Beamte gerufen werden.“ (Da freuen sich gewiß die galizischen Juden schon sehr auf die kommende noch ausschließlicher polnische Herrschaft!) Und ferner: