Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 503 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 503 Denn etwa um die gleiche Zeit traten auch die Amoriter zum erstenmal handelnd in die Geschichte ein. Genannt werden sie bereits als Bewohner des Landes „Amurru“ (= Westland) zur Zeit Sargons von Akkad (ca. 2800 v. Chr.). Um die Wende des dritten Jahrtausends aber traten Amoriter als Söldner im Zweistromland auf, setzen bald darauf ihre eigenen Fürsten auf den Thron von Babel, und ihnen entstammt wenig später der kraftvolle Gesetzgeber und Verwalter Chammurabi. Woher kfamen sie? Eines iist sicher: von Westen, denn ihr Name ist ei'.: rein geographischer. Amurra, das Westland (ideographisch Mar-tu), behält seinen Namen, auch als es hethitisch und später aramäisch wurde, als es längst kein Volk der Amoriter mehr gab, in den Keilschriften bei. Der Name bezeichnet Syrien, zuweilen mit, zuweilen ohne Palästina.1) Welcher Stammgruppe gehörten die Amoriter an? Eduard Meyer und andere Historiker sprechen sie als einen semitischen Stamm an, der wie später die Aramäer von der syrisch-mesopotamischen Wüste her erschien und im Zweistromland zur Seßhaftigkeit überging. Will man den Begriff „Semiten“ nur für die Sprache oder die Kultur gebrauchen, so ist gegen diese Annahme nichts einzuwenden, denn in diesem Sinne waren die Amoriter gewiß „semitisiert“. Aber ihre Spuren weisen nach dem Westland, nach Syrien, wo sie vorher schon seßhaft waren, und ein seßhaftes Volk entschließt sich nur aus zwingenden Gründen zu einer solchen Wanderung. Und diese Gründe sehen wir eben in dem Einbruch indogermanischer Völker ins Hethiterland Kleinasiens. Wie diese hier ihren Namen verlieren und als „Hethiter“ auftreten, so erscheinen sie von Syrien her als „Amoriter“, ja sie geben hier einem kulturell überlegenen Volk gegenüber auch ihre Sprache auf. Aber sie stellen die Söldner, die Babylonien bezwingen, und die Dynasten, die es beherrschen, und sie bringen einen Gott Dagon mit (s. unten), dem wir später nur noch bei den — sicher nicht semitischen, sondern europäischen! — Philistern begegnen. Fünf bis sechs Jahrhunderte später (für die Zwischenzeit sind die Quellen sehr spärlich) finden wir in den Teil el Amarna-Briefen um 1400 v. Chr., also bei Beginn der hebräischen Einwanderung, ganz veränderte Verhältnisse. In Syrien ringen amoritische und hethitische Staatengebilde um die Vorherrschaft und beginnen miteinander zu verschmelzen. Aber auch Palästina steht unter der Hegemonie der Amoriter, und Hand in Hand damit tauchen arische Namen unter den Dynasten auf (Schuwardata, Artam'anja, Arzawija u. a.), während die Namen der Städte und die Sprache des Landes noch immer semitisch sind. Es sind also anscheinend neue Wanderzüge von Indogermanen eingedrungen; ob von Norden her zu Lande oder von der See her, ist nicht sicher, wahrscheinlich auf beiden Wegen. Kurze Zeit nachher finden wir die Spur einer dritten Amoriter-Einwanderung, die wohl begünstigt war durch die Machtlosigkeit Ägyptens während der Wirren zwischen dem Tode Amenhotep IV. (um 1370) und der Thronbesteigung Seti I. (um 1310). Während nämlich die „Habiri“, d. h. die Hebräer, in der Amarna-Zeit von Osten her auftauchen, ist Jerusalem noch eine kanaa- Q Die Ägypter erwähnen diesen Namen erst unter Seti I. (um 1300), nach weiteren Einbrüchen von Indogermanen (s. unten). näische Stadt mit ihrem semitischen Namen. Als sie aber zur Eroberung des Westjordanlandes schritten, fanden sie an der Stelle Jerusalems eine amoritische Feste, namens Jebus. In der ziemlich eng begrenzten Zwischenzeit hat demnach die Stadt ihren Charakter geändert. Daß die Jebusiter Amoriter waren, geht klar aus der Angabe Jos. X, 4 sowie daraus hervor, daß David nach der Eroberung von Jebus den heiligen Tempelbezirk dem Jebusiter Arawna abkaufte, dessen Name rein arisch ist. Vom Gebirgsland Juda schoben sich die Amoriter über den Jordan nach Osten und unterwarfen sich unter steten Kämpfen mit den von der Wüste zum Kulturland drängenden Nomaden das ganze Ostjordanland bis an den Hermon im Norden. Das geschah erst unmittelbar vor dem Auftreten der Israeliten. „Sihon, König der Amori, stritt mit dem König von Moab und nahm ihm all sein Land bis zum Arnon (Num. 21, 26).“ Moab aber, ein hebräischer, den Israeliten nahe verwandter Stamm, ist der unmittelbare Vorläufer der israelitischen Welle, und durch einen merkwürdigen Zufall ist uns noch das Siegeslied der Amoriter über Moab erhalten (Num. 21, 27 bis 30). Daß die Amoriter den Hermon erreicht haben, bezeugt die Tatsache, daß sie einen eigenen Namen ,Snir, für ihn hatten (Deut. 3, 9). Solche 'Vieränderungen alter GebiVgs- und Städtenamen, wie Hermon (sidonisch Sirjon) und Jerusalem, sind das sicherste Zeichen dafür, daß die neue Bevölkerung auch ethnisch von der alten abwich. Was wir vom Typus der Amoriter wissen, schreibt sich von ägyptischen Darstellungen her und bestätigt durchaus diese Annahme. Sie weichen sehr erheblich von den Hethitern, aber auch von den Kannaanäern ab; meist stellen die Ägypter sie mit der helleren Farbe dar, die sie zum Unterschied von der roten oder rotbraunen (Ägypter und Nubier) und der braungelben (Westasiaten) den Tahenu (Libyern) und den Tamehu (Nordvölkern) zuteilen. Ob sie auch, wie manche behaupten, blond und blauäugig waren, ist unsicher, da die Ägypter in der Darstellung dieser Charaktere ziemlich willkürlich vorgingen. (Eine Reihe von Abbildungen finden sich zusammengestellt in Flinders Petries „Racial photographs from the Egyptian Monuments“) Sie zeigen männliche Züge mit gerader Stirn, schmaler gerader oder schwach gebogener Nase, auf die Schultern herabhängendem Haupthaar und fehlendem oder kurzem Kinn- und Schnurrbart. — Dem allgemeinen Eindruck nach würde man die Amoriter dieses Bildes sehr wohl in Übereinstimmung mit den obigen Ausführungen für einen europäischen Stamm halten und sie den thrakischen Wanderziigen zugesellen können, die in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends die vorderasiatischen Reiche in Unruhe brachten. _(Schluß_folgL)_ B. Müllers Muslkinstitut München Fraunhoferstr. 29 :: Telephon 24540 Inhaber: Bruno Müller, Konzertmeister a. D. Schüler von: Prof. Dr. Joseph Joachim, Prof. Dr. Carl Reineoko, Prof. Dr. Heinrich Bellermann und Hofoperndirektor Gustav Mahler. 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