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Das jüdische Echo · 1916-12-22 · 51 (22.12.1916) · p. Seite 497

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Nr. 51 Das Jüdische Echo 497 discher Gebräuche, unter seinen Fenstern war das Legendenbuch des uralten Judenfriedhofs auf geschlagen, und hinter allen ausgestellten Handgeschicklichkeiten ahnte der Gedanke des Besuchers die jungen Wesen, von deren Fleiß sie stammten. Da verloren sie die stumme Dinglichkeit und führten eine bildhafte und ausdrucksvolle Sprache. „Seht uns an,“ redeten die feinen Nadeleien, die Perlentaschen, kunstvoll gestickten Wäschestücke, genetzten und durchzogenen Decken, die Papparbeiten und die Schnitzereien, „die Finger der als unsauber geschmähten, gering geschätzten Flüchtlingssippe haben binnen kurzem den Geschmack und die Geschicklichkeit erworben, um uns so genau und sauber herzustellen.“ „Schaut her,“ riefen von den Wänden eine Anzahl in Wasserfarben ausgeführte Landschaftsskizzen, „die uns schufen, waren bisher von der Natur durch Ghettomauern abgetrennt. Haben ihre ungeübten Sinne die Wahrnehmungen der Erscheinung nicht mit soviel Ursprünglichkeit erfaßt und wieder hergegeben, daß diese Blätter fast an Japan mahnen und an die Nachempfinder der Asiatenkunst?“ Aus einem Stapel aufgehäufter Hefte drang ein rührendes Geflüster. Die Allerkleinsten hatten darin ihren Lebenslauf beschrieben. Das Erleben von Geschöpfen, die, geboren auf des Daseins Schattenseite, seit dem ersten Atemzug von Feindlichkeit umgeben, als Vaterland und Heimat nichts besaßen, wie die Familie und das Elternhaus. Der Krieg, das grausige Ereignis, das sie dieses Obdaches beraubte, stand im Mittelpunkt ihrer Bekenntnisse, und das Verlangen nach der Rückkehr in die schmerzensreiche Bodenständigkeit. Keine Klagen, bescheidene kleine Bitten. Die Meisten wollten lernen, wenige nur Geld verdienen, einige vor allem glücklich sein. Und wie ein dunkler fremdartiger Tropfen in dem Blut der Jugend, in allen regte sich, als Erbteil ihrer Ahnen, die Sehnsucht nach dem Messias, daß er komme und sie von der bitteren Knechtschaft löse. Blüht hier die blasse Blume einer Hoffnung auf? Die dichterische Zuversicht der Schulstifter bejaht es. Sie vertraut, daß in der Tiefe der großen Finsternisse, in denen Millionen Mißachteter und Wurzelloser schmachten, ungehobene schöpferische Kräfte ruhen, die sie zutage heben, die sie zu Taten wandeln will. Bei den Unmündigen, bei den noch nicht Erstarrten setzt sie mit der Arbeit ein. Mehr als das Zeugnis einer Wohltat soll die Ausstellung der Flüchtlingsnotschule bedeuten. Sie soll der Anfang eines neuen Menschheitswerdens sein. Welt-Echo Die „Münchener Zeitung“ brachte in ihrer Nummer vom 15. November eine Rezension von Wilhelm Mauke über die Aufführung der Taubmannschen Oper „Porzia“ in Frankfurt. Sie enthält die folgenden Worte: „Trotzdem das Shylock-Problem In Frankfurt gewiß besonders sympathisch ist.“. Es kann nicht jeder ein Lessing sein, aber bis zum Tiefstand eines antisemitischen Possenreißers braucht man deswegen auch nicht unbedingt herabzusinken. literarisches Echo „Das jüdische Prag“ Soeben ist unter diesem Titel im Verlag der Prager „Selbstwehr“ (Prag II, Tuchmachergasse 34) eine Sammelschrift erschienen, die das geistige Antlitz des jüdischen Prag, dieser in den letzten Jahren im Brennpunkt des literarischen Interesses stehenden Stadt, in zahlreichen literarischen, künstlerischen und historischen Beiträgen zeichnen will. Der erste Abschnitt „Das Problem des jüdischen Prag“ enthält folgende Aufsätze: Martin Buber, An die Prager Freunde; Alfons P a q u e t, Prag; Prof. Dr. Wilh. Jerusalem (Wien), Die Schwellenstadt, Engelbert Pernerstorfer, Die Prager Juden; Herrn. Bahr, Ewige Stadt; Alb. Ehrenstein, Cafe „Prag“; Mathias A c h e r , Uber Prag; Paul Lep- P i n, Eine jüdische Kolonie; Theodor H er z 1, Die Prager Juden zwischen den Nationen. — Der zweite Abschnitt „Ethik und Gemeinschaft“ umfaßt Essays von Max B r o d, Dr. Felix Weltsch, Herbert von Fuchs, Felix Stößinger, Dr. Max Wertheimer, Karl Tschuppik, Dr. Robert Weltsch, Adolf Böhm, Alfred L e m m. Die Sammelschrift Weiß; Übersetzungen tschechischer Gedichte von Franz Werfel, Rudolf Fuchs, Clemens H (e i n , Otto P(i d k , Ernst F ei i g 1., Friedrich Thieberger, Hugo Salus, Friedrich Adler, Else Lasker-Schüler, Oskar Wiener, Novellen usw. von Oskar Baum, Franz Kafka, Paul Kornfeld, Hans N a t o n e k, Ernst Weiß, Übersetzungen tschechischer Gedichte von Ottokar Brezina, J. S. Machar, K. H. Macha, J. Neruda, J. Vrchlicky, J. Z e y e r. — Kritische und historische Aufsätze von Hugo Bergmann, Otto Pick, Prof. Lad. S a 1 o u n, Dr. S. H. Lieben, Doz. Dr. J. P o 1 - 1 a k , Dr. Theodor Weltsch, Friedrich Mautner, Paul Diamant, David Lieben, Prof. Dr. Alfr. K 1 a a r, Auguste Hauschner u. v. a. Die Publikation enthält Illustrationen nach Werken von Eugen v. Kahler, Max Horb, Friedr. F e i g 1, Max Oppenheimer, E. M. Lilien, Prof. Lad. S a 1 o u n , Georg J i 1 o v s k y, Herrn. Struck, zahlreiche Prager Ansichten, Reproduktionen alter Stiche, Bucheinbände usw. Umschlagbild von Hermann Struck. Preis M. 2.—, K. 2.80, mit Porto M. 2.20, K. 3.—. Außerdem erscheint eine Ausgabe auf Kunstdruckpapier zum Preise von M. 3.—, K. 4.50, mit Porto M. 3.30, K. 4.80. Nur Erinnerungen von Paul Lindau. Erster Band. Mit Bildnis. 1. und 2. Auflage. Verlag der Cottaschen Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart u. Berlin. Geheftet M. 6.50, in vornehmem Halbpergamentband M. 9.—. Ein gutes Stück deutscher Kulturgeschichte zieht an uns vorüber in diesen unterhaltenden Schilderungen. Wir wandern mit Lindau von einem Redaktionstisch an den anderen, und gewinnen von der Entwicklung der deutschen Presse in jenen politisch bewegten Jahrzehnten eine lebhafte Anschauung. Vor allem aber zeichnen sich diese „Erinnerungen“ durch eine Fülle glänzender Charakteristiken bekannter Männer — Ferdinand Lassalle und Emil Brachvogel, Lothar Bücher, Freiligrath, Auerbach, Hoffmann von Fallersleben — aus. Daß es darin an witziger Satire nicht fehlt, ist bei Paul Lindau selbstverständlich.

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