Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 494 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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494 Das Jüdische Echo Nr. 51 stärkerem Maße auswandern müssen, die Frage ist nur wohin. Und doch liegt es im Interesse der Zentralregirung und der Deutschen wie auch der Polen, daß wir in Galizien Existenzmöglichkeiten finden. Galizien ist eines der Absatzgebiete für die westösterreichische und die deutsche Industrie. Die Juden waren immer die Vermittler zwischen Westösterreich, Deutschland und Galizien. Die Polen predigten den Boykott, weil wir „p reußische“ Waren ins Land brachten. (Unter „preußisch“ verstehen die Polen alles was aus deutschen Fabriken stammt.) Es durfte zwar die polnische Schuhfabrik „Gafota“, die von der polnischen Industriebank geschaffen wurde, in Miinchengrätz Schuhe mit ihrem eigenen Firmenstempel. machen lassen und diese als einheimische Schuhe verkaufen, aber bei den jüdischen Vertretern der Firma „Salamander“ wurden noch 14 Tage vor Kriegsausbruch die Scheiben eingeschlagen und Flugzettel verteilt: „Fort mit den Preußen!“ Nach dem Kriege wird es vermutlich nicht besser werden. Wenn der jüdische Kaufmann fehlt, wird keine deutsche Ware nach Galizien kommen. Aber auch die Polen brauchen die Juden. Galizien muß erst fremdes Kapital ins Land ziehen, weil das Eigenkapital sehr gering ist. Die Polen werden unsere Erfahrungen und auch unsere Kapitalien brauchen. Wir können als Kaufleute mit großer Erfahrung billigere und bessere Waren ins Land bringen, und für vieles, das im Lande erzeugt werden wird, bessere Absatzgebiete finden, als der unerfahrene polnische Kaufmann. Galizien steht noch vor oder höchstens am Beginn der merkantilistischen Epoche. Es muß den Goldstrom ins Land ziehen, cs muß gute Absatz- und Bezugsmärkte haben, und das kann nur der erfahrene jüdische Kaufmann besorgen. Die Polen dürfen und können nicht eine nationale Industrie, sondern sie müssen eine Staatsindustrie schaffen und in dieser Staatsindustrie wollen und können wir mitschaffen; Industrie und Handel sind ohne uns unmöglich. Politisch wollen wir Polen und dadurch Staatsbürger des polnischen Reiches, national aber Juden sein. Die Judenschaft Galiziens hat mehr als genug Anlaß zu fürchten, daß nicht staats- und ökonomische Fragen maßgebend für den polnischen Reichstag oder Landtag sein werden, sie sind überzeugt, daß der polnische Landtag den Boykott der Juden durch Gesetze und Verordnungen unterstützen wird. Ihre einzige Hoffnung ist, daß die Zentralregierung in Wien ihre Rechte sichert, und zwar schon in dem Gesetzentwürfe, den sie dem Parlament vorlegen wird, und sei es auch nur, damit sich nicht der ganze Strom der jüdischen Emigranten nach Westösterreich ergießt. Ben Jehoschua. Die Vertreter der österreichischen Juden beim Kaiserpaar. Montag, den 11. Dezember um 11.45 Uhr vormittags wurde eine Huldigungsdeputation der österreichischen Judenschaft in der Wiener Hofburg von Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin empfangen. An der Deputation nahmen teil als Vertreter der Wiener Kultusgemeinde Oberrfebiner Dr. IGiiidemann, Präsident Dr. Alfred Stern, 1. Vizepräsident Hofrat Dr. Benjamin Rappoport, namens der Prager Israelitischen Kultusgemeinde der 1. Vizepräsident Robert Fuchs Edler v. Robettin, der Obmannstellvertreter der Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft Dr. Heinrich Rosenbaum, für die Brünner Gemeinde Adolf Herda n, der Vertreter des mäh'risch-jüdischen Landesmassafondes Dr. Sigm. Schimmerling, der Regierungskommissär der Lemberger Kultusgemeinde Dr. Emil Par n es, der Präsident der Krakauer Gemeinde Dr. Samuel T i 11 e s, der Vorsteher der Kultusgemeinde Pilsen Dr. Jos. Schanzer, für die Czernowitzer Gemeinde Landtagsabgeordneter Dr. Neumann Wender, für die Kultusgemeinde Troppau Dr. Theodor Sonnenschein, Linz, Benedikt Schwager, Graz Simon Ren di, Triest Direktor Karl Schütz, Innsbruck Wilhelm Dannhauser, Wiener-Neustadt Dr. Wilhelm Wolf z. Zt. Regimentsarzt). Nachdem das Kaiserpaar den Audienzsaal betreten hatte, trat Oberrabbiner Doktor Güdemann einige Schritte vor und erbat sich die Erlaubnis, mit bedecktem Haupte die hebräischen Segensworte im Namen der gesamten österreichischen Judenschaft über das Herrscher paar aussprechen zu dürfen. Nach erteilter Genehmigung sprach der Oberrabbiner erst den hebräischen Segensspruch und fuhr dann deutsch fort: „Gepriesen sei der ewige Weltenherr, der in seiner Gnade den Abglanz göttlicher Majestät auf die glorreichen Häupter Eurer Majestäten herabgesenkt hat und zu dem wir inbrünstig beten, daß dieser Abglanz in immer hellerem Lichte des Glückes, der Freude, des Segens und des Friedens über Euren Majestäten erstrahlen möge. Amen.“ In dieses Amen stimmten alle Anwesenden ein. Sodann hielt der Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern eine Ansprache an den Kaiser und die Kaiserin. Der Kaiser erwiderte: „Die mir und der Kaiserin von den Vertretern der israelitischen Kultusgemeinden im Namen ihre'r gesamten Glaubensgenossien Idargebrachte Huldigung nehmen wir mit herzlicher Erkenntlichkeit entgegen. Die jüdische Bevölkerung hat immer ihre Liebe und Anhänglichkeit an mein Haus und das Vaterland bewiesen und in der gegenwärtigen großen Zeit zu den unter Gottes gnädigen Beistand erzielten Erfolgen opferfreudig mit Gut und Blut beigetragen. So wie ich von der Unerschütterlichkeit dieser patriotischen Gesinnung überzeugt bin, ebenso mögen Ihre Glaubensgenossen versichert sein, daß sie sich in meinen Landen der allen Bürgern gewährleisteten Rechte stets uneingeschränkt werden erfreuen können. Gerührt von den Segenswünschen, die Sie in Ihren Gotteshäusern für mich und die Meinen zum Himmel senden, sagen wir Ihnen auch für die fromme Bekundung Ihrer treuen Gefühle unsern wärmsten Dank.“ Die Antwort des Kaisers, mit lauter Stimme und ausdrucksvoller Betonung gesprochen, übte auf die Anwesenden den tiefsten Eindruck aus. Der Kaiser war ungemein leutselig und unterhielt sich mit allen Herren auf das Freundlichste. Die Audienz dauerte dreiviertel Stunden. Incoralo ^nt*en *m > jud. 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