Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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492 Das Jüdische Echo Nr. 51 Siedlungsmittelpunkte in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends vollzogen: Vom Süden her, über das Bergland des „Negeb“ und das Ostjordangebiet strömte Welle auf Welle aus den riesigen und doch für ihre Bevölkerung ewig zu kleinen Wüsteneien Arabiens, während gleichzeitig aus dem östlichen Nildelta und der Sinaihalbinsel längs der Küstenebene die halbansässigen Stämme durch die Ausdehnung des mächtigen Ägyptens nordwärts geschoben wurden; vom Norden her versuchte das Qroßreich der Hethiter, dessen Mittelpunkt im östlichen Kleinasien lag, nach Süden Raum zu gewinnen; und vom Osten her beeinflußte die wachsende Macht Babyloniens und später Assyriens aufs stärkste die Bewegungen der Nomaden in der syrischen Wüste, indes in umgekehrter Richtung an der Küste gelandete Fremdvölker die reichen Ebenen des Euphrat und Tigris zu gewinnen suchten. Welche Bevölkerung fanden die Israeliten vor, als sie in der Zeit, von der die Teil el Amarna- Briefe erzählen (ca. 1400 v. Chr.), an der Südostgrenze Palästinas auftauchen? In den ältesten Zeiten, von denen wir wissen, war Palästina von semitisch redenden Stämmen besetzt; das lehren mit voller Eindeutigkeit die semitischen Namen der Flüsse, Gebirge und Städte im dritten Jahrtausend, ja bis ins vierte Jahrtausend hinauf. Ob sie eine andersartige Bevölkerung verdrängt oder unterjocht haben, wissen wir nicht; sicher ist, daß sie geraume Zeit, mindestens ein Jahrtausend lang, Palästina beherrschten und hier eine hohe seßhafte Kultur schufen, deren Überreste wir in ummauerten Städten, wohlgefügten Bauten, Wasseranlagen, Hausgeräten und den Symbolen eines in feste Formen gegossenen Kultus von Jahr zu Jahr mehr aus der Erde heben. Man bezeichnet diese Schicht im Anschluß an die Bibel als die kanaanitische. Ihre am weitesten nach Norden und Westen vorgeschobenen Ausläufer waren die Phönizier, die in späterer Zeit, als Palästina bereits israelitisch war, so sehr als typisch für die kanaanäische Schicht angesehen wurden, daß „Kanaani“ einfach „Händler“ hieß, und der kanaanäische Baal der Gott von Zidon. Von den Kanaanäern übernahmen die Israeliten auch die Schrift, die erste 'Buchstabenschrift der Welt. Das Gebiet der Kanaanäer umfaßte dereinst unzweifelhaft ganz Palästina, mindestens das westjordanische, und wir finden ihre Spuren ebens in Jericho im südlichsten Teil des Landes, in Taanach und Megiddo im mittleren, wie im Bergland von Galiläa bis zur Grenze des phönizischen Gebiets. Auch Jerusalem war von semitischen Kanaanäern besetzt und tritt uns in den Amarna-Briefen als Urusalim unter der Herrschaft eines Priester- E5KR (( i KLEIMKÜNST- VER5RMD MÜNCHEN p'°Zl7i5t' Russtellung aller Zweige des Kleinkunst-Qewerbes § königs (also wohl schon in dieser frühen Zeit mit dem für alle Zeiten so bedeutsamen Heiligtum auf Moria) entgegen. Über den körperlichen Habitus dieses Volkes läßt sich wenig Sicheres sagen. Nach ihrer Sprache, ihrem Kultus und den spärlichen Abbildungen auf ägyptischen Denkmälern ist es im wesentlichen mit den uns besser bekannten Semiten der späteren Schicht, der auch die Hebräer angehören, nahe zusammenzustellen. Es kann aber kaum ein Zweifel bestehen, daß die Kanaanäer bei ihrem Eindringen in Palästina eine nicht näher bekannte Urbevölkerung vorgefunden, unterjocht und aufgesogen haben. Als aber die Hebräer nach der Mitte des 2. Jahrtausends in Palästina erschienen, waren die kanaanäischen Stämme in ihrem Besitzstände durch neue Einwanderungen bereits schwer erschüttert. In diese Zeit fallen die jahrhundertlangen Kämpfe zwischen den Ägyptern und den Hethitern um den Besitz Syriens, die ihren Abschluß um die Mitte des 13. Jahrhunderts in dem Friedensvertrag zwischen Ramses II. und Chattusil durch Festsetzung des Orontes als Grenze der beiderseitigen Interessengebiete fanden. Bei der Bedeutung, die die Hethiter neuerdings für die Völkergeschichte des vorderen Orients gewonnen haben, verdienn sie in diesem Zusammenhänge besondere Beachtung. F. v. Luschan hat 1892 die Hypothese aufgestellt, daß den Hethitern ein überragender Anteil an der Konstituierung der jüdischen Rasse zukomme. Er kam zu dieser Meinung durch anthropologische Untersuchungen an der heutigen Bevölkerung Kleinasiens, die ihn zur Annahme einer für ganz Kleinasien und Syrien gleichartigen, durch die Hethiter und die heutigen Armenier vertretenen Urbevölkerung führten. Auf der anderen Seite schloß Luschan aus seinen Ausgrabungen bei Sendschirli in Nordsyrien, bei denen zahlreiche hethitische Bauten und Kunstwerke zutage kamen, daß hier in Nordsyrien der Mittelpunkt der hethtischen Macht zu suchen sei. Beide Annahmen sind durch die seitdem erfolgten Entdeckungen nur zum Teil bestätigt worden. Den wichtigsten Fortschritt der Erkenntnis brachten hier die Funde Hugo Wincklers, der unter Ausschluß jedes Zweifels das im nordöstlichen Kleinasien liegende Boghazköi als die Hauptstadt des hethitischen Großreichs des 13. Jahrhunderts nachwies und hier das Duplikat des oben erwähnten, uns aus Ägypten bereits bekannten Friedensvertrages mit Ramses II. fand. Er zeigte weiter, daß fast alles, was von hethitischen Denkmälern jenseits des Taurus, also in Syrien, gefunden wurde, einer wesentlich jüngeren Zeit angehört und das deutliche Gepräge einer hethitisch-semitischen Mischkultur aufweist. Hier war also nicht Zentrum, sondern Außenprovinz. Hierzu paßt ausgezeichnet die Tatsache, daß eben an der Südgrenze dieses Gebietes, am tiefen Oronteseinschnitt, Hethiter und Ägypter bei ihren Ausdehnungsversuchen zusammenstießen. — Auch die biblische Überlieferung hat in einer merkwürdigen, in Josua I, 4 erhaltenen Stelle diese Grenzen des Hethiterreichs völlig korrekt angegeben: „Von der Wüste und dem Libanon bis an den großen Strom Euphrat, das ganze Land der Hethiter, bis an das große Westmeer.“ Was weiter südlich, im Palästina der Hebräer, von Hethitern und hethitischen Erzeugnissen sich findet, ist Einzelimport. Die Hethiter als Masse sind niemals bis nach Palästina vorgedrungen.