Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 51 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 491 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 491 lichkeit haben, wie die bloß allgemein humanitären, die etwa der christliche Deutsche hat. Schwieriger ist es, den richtigen Standpunkt gegenüber dem von Bernstein uns zur Pflicht gemachten Pazifismus und Internationalismus zu finden. Es wäre bequem, aber unrecht, Bernstein zu entgegnen: wenn du weltbürgerlich fühlst, so bleibe dir das unbenommen; aber laß uns unseren Nationalismus und unsere Liebe zum deutschen Vaterland. Bernstein läßt neben dem Weltbürgertum einen jüdischen und deutschen Patriotismus ausdrücklich gelten. Was er betont, ist: die Juden haben vermöge ihrer Geschichte vornehmlich die Verpflichtung, das Verbindende und Gemeinsame der Menschheit zu pflegen. Eine Kritik dieser Ansicht hat den objektiven Tatbestand und die hieran geknüpften ethischpolitischen Folgerungen auseinander zu halten. Es gibt unbestreitbar mannigfache Momente eines jüdischen Internationalismus. Voran steht die räumliche Zerstreuung der Juden unter den Völkern der Erde. Es bestehen nicht nur religiöse und rassenmäßige, sondern häufig auch nahe familiäre Beziehungen zwischen den Juden der verschiedenen Länder. Hinzu kommt, daß die nationale Verbundenheit der in den verschiedenen Ländern wohnenden Juden mit ihren nichtjüdischen Volksgenossen der Verbundenheit letzterer unter sich selbst an Intensität vielfach nachsteht. Die Gründe sind sattsam bekannt: man hat die Juden jahrhundertelang gehetzt, gepeinigt, von Land zu Land getrieben, sie als „Fremde“ behandelt, ihre Einbürgerung und Verwurzelung im Wohnland, durch ausschließliche Verweisung auf den Betrieb des internationalen unseßhaften Handels verhindert. Ähnlich ist noch heute das jüdische Schicksal in Rußland und Rumänien. Aber auch die westlichen Staaten und Völker halten in ihren emanzipierten Juden das Gefühl einer gewissen Fremdheit und der jüdischen internationalen Zusammengehörigkeit durch eine gleichartige Sonderbehandlung aufrecht, indem sie den Juden so häufig die Freude am Vaterland durch Gehässigkeiten, Vorenthaltung der gesetzlich verbrieften Rechte vergällen und sie als Staatsbürger zweiter Güte behandeln. Dies offen auszusprechen, ist nicht beschämend für die, die das Unrecht leiden, sondern für die, die es tun. Hiezu kommt ein psychologisches und ethisches Moment des Internationalismus. Menschen, die seit fast 2000 Jahren keinen Krieg mehr für das eigene staatliche Dasein und in der Zwischenzeit bis vor hundert Jahren für die Interessen nichtjüdischer Völker nur ausnahmsweise die Waffen geführt haben, sind dem Krieg mehr abhold und von Natur aus friedliebender, wie Völker, die gewohnt sind, ihr Dasein mit bewaffneter Hand zu verfechten. Diesem unkriegerischen Schicksal der Juden entspricht die Entwicklung der jüdischen Ethik seit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit zu einer Ethik der Humanität, zu dem Ideal eines menschheitverbrüdernden MessianismDies ist der objektive Tatbestand des jüdischen Pazifizismus und Weltbürgertums. Folgt aber hieraus eine Verpflichtung für die -Juden als solche, für die Herbeiführung des Weltfriedens unter den Völkern praktisch zu wirken. N ein Solche Sonderpolitik müssen wir uns abgewöhnen, auch in der Theorie. Wir sind zu schwach, um auf eigene Faust Weltgeschichte zu machen. Also prätendieren wir es auch nicht. Spielen wir nicht die Missionäre, wenn die Welt von unserer Mission nichts wissen will. Solche Eigenbrödelei und „Auserwähltheit“ in der Pflichtanmaßung wird als Arroganz ausgelegt, vermehrt das ohnedies gegen uns bestehende Mißtrauen und erschwert unser ohnedies .nicht lejichtes Dasein, ohne praktischen Nutzen für irgendwen. Die Politik der Staaten und Völker geht uns nur da an, wo das Schicksal uns hinstellt. Wir deutschen Juden kämpfen für Deutschland, weil es unsere Staatsbürgerpflicht ist und weil unser natürliches Gefühl uns heißt, zusammen mit unseren nichtjüdischen Volksgenossen für das Land zu kämpfen, dessen geistige und materielle Werte auch die unseren sind. Der einzelne Jude, der den Krieg haßt, den Frieden liebt, teilt diesen Haß und diese Liebe mit sehr vielen seiner christlichen Mitbürgern. Er möge nach dem Krieg m i t diesen und w i e diese für die Verwirklichung seiner Idee, für die Vermeidung künftiger Kriege arbeiten. Aber als Jude hat er damit nichts zu tun. Die Juden haben als Juden nur d i e Pflichten, die ihnen ihr jüdisches Dasein vorschreibt. Sei man doch aufrichtig gegen sich, wenn man sich die Frage vorlegt, warum und wofür man Jude ist! Nicht einer abstrakten Idee zuliebe, nicht um der Verwirklichung des „Geistes des Judentums“ willen, nicht als Träger des Weltbürgertums, überhaupt nicht aus freier Wahl, nicht auf Grund erarbeiteter Überzeugung, sondern man ist Jude, weil man als Jude geboren ist, weil dem Juden das natürliche Gefühl seiner Gemeinschaft mit den anderen Juden, das Bedürfnis, d i e eigene Art zu erhalten, angeboren ist. Laßt uns diesem Gefühl folgen! Hier ist die Basis, auf der sich die Juden aller positiven jüdischen Richtungen, unbeschadet der Gegensätzlichkeit ihrer Vorstellungen über Ziele und Mittel im Einzelnen, zusammenfinden. Hier gemeinsam zu arbeiten, ist das natürliche Bedürfnis und die natürliche Pflicht aller Juden, die sich als Gemeinschaft fühlen, wie es Bedürfnis und Pflicht jedes Volks ist, seine Art zu erhalten und zu pflegen. Mit solcher Politik erfüllen wir Juden auch am besten unsere Pflicht gegen die Menschheit! Dr. Sigbert Feuchtwanger (München). Die Völkerstämme des alten Palästina.1) Von Dr. Elias Auerbach in Haifa. Aus „Archiv für Rassen- und Gesellschafts- Biologie“. 1914/15. 6. Heft. Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Die Zeitspanne, in der die folgenschwere Einwanderung des hebräischen Stammes nach Palästina stattfand, war eine äußerst bewegte. Das kleine Land lag im Schnittpunkt dreier Wanderziige, auf denen sich bewegliche Nomaden hin und her schoben, und auf denen sich — wohl als Ursache der meisten Wanderbewegungen — die Ausdehnungsversuche bereits fester gefügter x) Die Belege aus der babylonisch-assyrischen, ägyptischen und hethitischen Literatur sind als nur zum Spezialstudium geeignet hier nicht zitiert. Sie finden sich ziemlich vollständig in: Ed. Meyer, Die Israeliten und ihre Nachbarstämme, 1906, und Böhl, Kanaanäer und Hebräer, 1911. Anm. des Verf.