Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 481 f5r den Eid leisteten, daß sie N. N. schon über fünf Jahre kennen, der erst vielleicht seit nur sechs Monaten im Lande weilte, um den Neuankömmling mit den Insignien des amerikanischen Bürgerrechts zu beglücken. Übrigens waren in den verschiedenen Staaten die gesetzlichen Anforderungen nicht die gleichen. Erst seit die Sache durch den Kongreß als Bundesgesetz geregelt wurde, ist der Massenfabrikation von Bürgern ein Riegel vorgeschoben worden. Ein Bundesrichter unterwirft den Applikanten einer rigorosen Prüfung. Er soll etwas von der Verfassung wissen, wie die Bundesregierung zusammengesetzt ist, wer der erste oder 16. Präsident war und andere auf die politische Geschichte des Landes bezügliche Fragen. Nun kann man von einem analphabetischen Slovenen, Italiener, Polen und auch von einem talmudkundigen Straßenhausierer nicht erwarten, daß er jede Frage zu beantworten weiß. So rigoros wird die Prüfung auch nicht abgehalten. Hier springt der Großmogul wieder ein. Die Bürgerrechtsaspiranten werden vorher allabendlich einer Dressur unterworfen und ihnen die Antworten auf die eventuell vorkommenden Fragen eingebläut, um die Prüfung glänzend bestehen zu können. Ist der neugebackene Bürger nun erst einmal im Vollbesitze seines Bürgerrechts, dann wird er auch mit der Handhabung und Ausfüllung des komplizierten Stimmzettels vertraut gemacht, der in der Präsidentenwahl mehrere hundert Namen aufweist. Wie soll der ungeschulte Neuling sich da zurechtfinden! Dem Beherrscher des Wahldistrikts muß es vor allen Dingen daran gelegen sein, bei der Abstimmung alle Irrtümer zu vermeiden, da sonst der Stimmzettel als ungültig ausgeschieden wird. Es ist für den Wahlmanipulator Ehrensache, sein dem Parteiführer gegebenes Versprechen, im betreffenden Distrikt das republikanische oder je nach dem politischen Glaubensbekenntnis das demokratische Volksvotum den Kandidaten auch zuzuführen und zu sichern, einzulösen. Der Wahlzettel ist in parteipolitische Rubriken eingeteilt. In diesen Rubriken folgen die Namen der Kandidaten mit der Bezeichnung für das auszufüllende Amt. Will ein Wähler nun den ganzen republikanischen, demokratischen, sozialistischen oder prohibitionistischen Stimmzettel ohne Beschränkung oder Streichung benutzen, so ist die Sache sehr einfach und leicht. Am Kopfe einer jeden Rubrik oder vielmehr jeder Partei ist ein bildliches Emblem angebracht. Für die Republikaner der Adler, für die Demokraten der Hahn. Und unter diesem Bildnis oder Parteizeichen befindet sich ein Ring. Der Stimmgeber zeichnet in den Innenraum des Ringes ein Kreuz hinein und dadurch hat er für die sämtlichen Kandidaten der betreffenden Partei seine Bevorzugung dokumentiert. Der unabhängig Denkende und an keine Parteirücksichten gebundene oder verpflichtete Wähler dagegen macht nur vor solche Namen das vorgeschriebene Kreuzzeichen, der als Kandidat die geeignetste Person für das betreffende Amt erachtet ist. Er kann beispielsweise den demokratischen Kongreßkandidaten bevorzugen, weil er trotz seiner republikanischen Parteiangehörigkeit diesen anderen Kandidaten für das Amt geeigneter hält. Oder auch umgekehrt. Der Maschinenpolitiker kann sich auf eine derartige Unterscheidung nicht einlassen. Er ist Demokrat, Republikaner oder Sozialist, pure and simple. Noch weniger darf und kann er gestatten, daß die Wähler sich eine solche Unabhängigkeit, wie eine eigene Meinung oder Ansicht zu haben, erlauben. Sie müssen, ohne Streichungen oder Änderungen vorzunehmen, den ganzen patriotischen Wahlzettel mit Haut und Haaren verschlucken, das heißt, das Kreuz in dem Ring unter dem Adler oder unter dem Hahn einzeichnen. In der „Wahlzettelbenutzungsunterrichtsstunde“ eines jidischen Distrikts eines Bezirkshäuptlings wird auf der Wandtafel ein Faksimile des Wahlzettels mit Kreide vorgezeichnet und dem neuen Bürger der großen freien Republik erläutert, wie er am Wahltage von seinem Bürgerrecht Gebrauch zu machen hat. „Was seht Ihr hier?“ „Das ist ein Hahn.“ „Was ist hier?“ „Das ist ein Adler.“ „Was bedeutet der Hahn?“ „Er ist das Abzeichen der demokratischen Partei.“ „Sehr gut.“ „Was bedeutet der Adler?“ „Er ist das glorreiche Sinnbild unserer eigenen Partei und das verheißungsvolle Abbild eines glänzenden republikanischen Wahlsieges.“ „Bravo!“ „Was macht man mit einem Hahn am Erew Jom Kippur?“ ,,M’ schlägt kapores.“ „Und was macht Ihr am Wahltage mit den demokratischen Kandidaten?“ „Selbstverständlich — kapores.“ Ben Äwlgdors 25 jähriges Jubiläum. Ben Awigdors hohe Verdienste um die hebräische Literatur haben wir kürzlich in unserem Blatte eingehend gewürdigt. Ein Ausschuß zur Feierung des Jubiläums des Schriftstellers A. Schalkowitz (Ben Awigdor) in Warschau versendet einen Aufruf nachstehenden Inhalts: Der bekannte hebräische Schriftsteller und Verleger A. Schalkowitz (Ben Awigdor) kann nunmehr auf eine 25jährige schöpferische und segensreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der hebräischen Literatur zurückblicken. Ungeachtet aller Schwierigkeiten und Hindernisse, tauf die Ben Awigdor während seiner rastlosen Tätigkeit stoßen mußte, gelang es ihm dennoch, sein Vorhaben zu erreichen, die hebräische Literatur weit und breit zu fördern. Was dieser Mann für dlie hebräische Literatur geleistet hat, ist jedem jüdischen Leser zur Genüge bekannt. Allein, ohne jegliche Hilfe schuf er die hebräische Bibliothek, den hebräischen Bücherschatz, der unser größtes Kulturgut der letzten Jahrzehnte darstellt. Ben Awigdor gehört zu den Schöpfern der neuen Epoche der hebräischen Literatur. Sein literarischer Geist und seine organisatorische Kraft steuerten gleichzeitig der Entwicklung des großen Werkes bei. Sein ganzes Hervortreten war stets schriftstellerischer und verlegerischer Natur; seine gesamte 25jährige Tätigkeit trägt im harmonischen Einklang diesen Doppelcharakter. Der eigentliche Jubilar ist aber nicht nur Ben Awigdor, sondern die hebräische Literatur, und wohl jeder Gönner des hebräischen Schrifttums wird dieses Jubiläum aufs wärmste begrüßen und in gebührender Weise feiern.