Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 480 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Das JUdlscfte Echo Nr. 50 die psychologischen Grundlagen und sittlichen Werte der deutschen Aufklärungsepoche, der Judenemanzipation, des Chassidismus, der Haskalah, das Verhältnis der deutschen und österreichischen Juden zum Kriege besprochen und der Gegensatz des weltbürgerlichen zum nationalistischen Völkerideal möglichst scharf zu formulieren gesucht. Gelegentlich wird der eigentliche Kursus des Herzl-Vereins unterbrochen durch Vorträge und Diskussionen über bestimmte Themen. So lasen wir Martin Bubers Einleitung zum ersten Heft des „Juden“, um uns klar zu machen, daß neben der politischen Nationalidee das Streben nach einer Neubelebung des jüdischen Geistes einhergeht, und die Bahnen anzudeuten, auf denen dieses Streben heute wandelt. Wir lasen ferner Dr. Elias Auerbachs Gespräch über jüdische Jugenderziehung in Heft 4 des „Juden“. Herr Dr. Adolf Fraenkel hielt uns einen belehrenden und fesselnden Vortrag über die jüdische Geistesgeschichte im Mittelalter. Fräulein Miriam Joffe erzählte uns, aus eigener Anschauung, wie die Kolonie Tel Awiw entstanden ist und beantwortete zahlreiche Fragen bezüglich Lebensformen und Existenzmöglichkeiten in Palästina. Einen besonderen Abend widmeten wir einer Diskussion über Aufgaben und Erziehungsfragen des Münchener „Blau-Weiß“. Die Leitung einer Aussprache über „Geschäft und Charakter“ hat uns Frau Erna Straus in Aussicht gestellt. Wichtigen Tagesereignissen, wie z. B. der Proklamation des Königreiches Polen, der Judenstatistik, dem neuen Religionsgesetz für Polen, wird vor Beginn des eigentlichen Referates die gebührende Würdigung gegeben. Am 20. Dezember soll uns und unsere Gäste eine möglichst intime Chanukahfeier vereinen, bei der wir gemeinsam die Makkabäergeschichte lesen, im übrigen aber die Geselligkeit zu ihrem Recht kommen lassen wollen. Unser „Herzl-Verein“ beginnt, zahlreichen jungen Juden und Jüdinnen — vorwiegend aus kaufmännischen und akademischen Kreisen — zu einem Zentrum des jiid. Gemeinschaftslebens und der Belehrung über jüdische Probleme zu werden. An einigen Abenden war die Teilnahme so rege, daß das Vereinszimmer die Gäste kaum zu fassen vermochte. Unser Bestreben ist es, in einer Schar von jungen Leuten nicht nur das Verständnis für jüdische Dinge zu wecken, sondern sie auch zum unermüdlichen Arbeiten an sich selbst zu erziehen. Unser letztes Ziel ist es, einen Kreis von Menschen intellektuell und seelisch so weit auszubilden, daß sie schließlich befähigt und gewillt sind, einen Hauch frischen Lebens in die bayerisch-jüdischen Kreise hineinzutragen und — dank ihres warmen jüdischen Empfindens und ihrer Kenntnis der herrschenden Verhältnisse und deren Entstehung — tätigen Anteil am Gemeindeleben zu nehmen. Helene Hanna Cohn. (Inhaber: E. & NI. Kraus) 9e9r. 1810 TfeealiDerslroDe 49, Entresol g«ar. «io Größtes Leseinstitut Münchens (60000 Bände) Sämtliche Novitäten belletristischen und wissenschaftlichen Inhalts in deutsch, französisch, englisch und Italienisch. Operntexte leihweise — Stadtu. Landabonnement Theatinerstraße 49, Entresol (Korsethaus Lewandowski. Das jidische Votum.*) Von Dr. L. Darmstadter. Im Kampfe um die amerikanische Präsidentschaft ist der jüdische Stimmgeber mit ausschlaggebend, wenigstens in den Großstädten mit ihren dichtbevölkerten Ghettos, und da in dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten Politik Geschäft ist, so ist’s auch nicht erstaunlich, wenn unternehmende Spekulanten sich auch auf diesen Handelszweig geworfen und dadurch einflußreich oder vermögend oder beides zugleich geworden sind. Einige der Unternehmer sind sogar im Besitze eines nur schwer zu bekämpfenden Monopols, das heißt, sie tragen eine gewisse Anzahl von Stimmen, amerikanisch gesprochen, wie Diamantenunterhändler die Steine, in der Brusttasche mit sich herum und verschachern auf dem politischen Rialto die Ware an den — Meistbietenden. Die „Republikanisch - Hebräischen“ oder „Hebrew Democratic Clubs“ sind Erscheinungen der Neuzeit, sie sind erst in der Mitte der achtziger Jahre durch die starke Einwanderung der osteuropäischen Juden entstanden und werden seitdem wie Treibhauspflanzen mit fast rührender Sorgfalt und Aufmerksamkeit gezüchtet. Der politische Gärtner nimmt Bedacht, daß das zarte Pflänzchen nicht durch rauhe Gegenwinde geschädigt wird oder gar im Garten der Gegenpartei Wurzel schlägt. Ein armer Einwanderer landet in New York, Philadelphia, Chicago oder in einer anderen amerikanischen Großstadt. Er ist fremd und verlassen. Er sucht selbstredend seinen Verwandten, Bekannten oder Freunde aus seinem Heimatsdorf auf und der bringt ihn zum Großmogul, der infolge seiner Beziehungen zu den politischen Machthabern imstande ist, dem Arbeit oder Unterkommen Suchenden beizustehen. Der Neuankömmling wird Straßenhausierer, Gemüse-, Obst¬ oder Zeitungsverkäufer, was immer er auch beginnen mag, er muß die Genehmigung von der Polizei- oder Magistratsbehörde, die Erlaubniskarte haben, um unbelästigt von der Polizei seinem Beruf nachgehen zu können. Der Neuankömmling wird wegen einer Übertretung der Hausiererordnung verhaftet. Der Großmogul erwirkt seine Befreiung durch Bürgschaftsstellung. Der Trödler kauft wissend oder unwissend von einem Eisenbahnarbeiter entwendeten Kupferdraht oder Messingschrauben und wird wegen Hehlerei verhaftet. Der Großmogul vermittelt und durch seine Beziehungen zur Behörde erreicht er, daß er glimpflich davonkommt. Es ist der Großmogul, der den Neuling nach dem Gericht bringt, um das erste Bürgerpapier herauszunehmen, der ihm nach Ablauf des zweiten Jahres das erste Attest gegen das zweite besorgt, um nach Ablauf von weiteren drei Jahren — fünf Jahre muß der Eingewanderte im Lande sich aufgehalten haben — denselben mit den Attributen des amerikanischen Staatsbürgerrechts zu bekleiden. In früheren Jahren war diese Prozedur viel einfacher. Da genügte es schon, sobald zwei Bür- *) Aus Heft 4 der „Neuen Jüdischen Monatshefte“, Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West; erscheint zweimal im Monat unter Mitwirkung von Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Hermann Cohen, Alexander Eliasberg, Dr. Adolf Friedemann, Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Dr. Franz Oppenheimer. Berlin W. 8, Französische Str. 43. Vierteljährlich M. 2.30.