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Das jüdische Echo · 1916-12-15 · 50 (15.12.1916) · p. Seite 478

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
50 (15.12.1916)
Date
1916-12-15
Page
Seite 478 (sequence 2)
Language
German
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478 Das Jüdische Echo Nr. 50 semitismus ausgeartet; dazu hat nicht wenig die russische Zensur beigetragen, die eine Mißstimmung gegen Rußland in der polnischen Presse nicht aufkommen ließ, dagegen die Aufhetzung der Polen gegen die unschuldigen Juden unverhohlen begünstigte. So wurde als guter polnischer Patriot nur derjenige Jude angesehen, der irgendwelche Verdienste der polnischen Nationalität gegenüber aufzuweisen hatte. Von dem geborenen Polen nahm man in der Regel an, daß er ein Nationalist sei, solange er durch eine verbrecherische Handlung nicht das Gegenteil bezeugt habe. Von dem Juden verlangte man aber besondere Verdienste, er mußte Proben seiner patriotischen Gesinnung liefern. Der reiche Jude mußte viel Geld opfern für die nationale Sache, der unvermögende Jude mußte auf andere Weise seine Polentreue bekunden. Da es aber in Polen selbst beständig ein paar Dutzend politischer Parteien gab, die sich gegenseitig bekämpften und jede nur sich allein als die echten polnischen Patrioten ausgab, so kam es vor, daß ein und derselbe Jude von einer polnischen Gruppe als echterpolnischer Patriot, von der anderen als Verräter des polnischen Volkes gestempelt wurde. Die Agitation der polnischen Antisemiten brachte es sogar soweit, daß manche Juden, um sich selbst als echte polnische Patrioten zu zeigen, sich selbst als ausgesprochene Judenfeinde erklärten, und zur Schande unserer Assimilatoren muß gesagt werden, daß es in Polen nicht wenige solcher Juden- Antisemiten gibt. So wurden in der Judenheit Polens Zustände geschaffen, denen wir nirgends in der Welt etwas Ähnliches an die Seite stellen könnten. Polen mosaischer Konfession, meistens Antisemiten, schließen sich ähnlichen antisemitischen Parteien an, mit denen echte Polen nichts zu tun haben wollen. ' Ganz unerträglich war aber die Lage der nationalen Juden. In Ermangelung eines selbständigen Reiches begriffen die Polen nicht die elementarste Wahrheit, daß der beste Bürger des Landes nur derjenige ist, der an dem Wohlstand seiner Mitbürger mitarbeitet. Kann denn ein Pole als Patriot gelten, wenn er zwar polnisch redet und Juden haßt, aber durch eine alberne, schädliche Politik geflissentlich den Handel und die Industrie des Landes ruiniert, die nützlichste Arbeiterbevölkerung ins Elend stürzt und sie zum Auswandern nötigt, so daß sie dem Polentum ganz verloren geht! Ein solches Element waren die polnischen Boykottisten, welche die verblendeten Chauvinisten als die Retter des Vaterlandes bezeichnet haben, dagegen viele für das Vaterland wahrhaft nützliche Juden als Vaterkndsfeinde gebrandmarkt haben. Es sind solche, die zwar jüdisch sprechen und die jüdische Kultur pflegen, aber zugleich den Handel und die Industrie des Landes als Kaufleute, Gewerbetreibende oder Arbeiter im hohen Maße fördern. Die jüdischen Kaufleute und Indü- Cognac Macholl München den betten frenzötltohen Harken ebenbürtig — überall erhiltlloh. Elgftie Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Holt! linigihof) striiellen haben dem polnischen Handel und der Fabrikation neue Märkte geöffnet, der polnischen Masse Arbeit verschafft und sie dadurch an die Scholle gefesselt. Sie schufen Wohlstand und förderten dadurch auch die Kultur des Landes. Kurzum, sie taten, was echte Bürger zum Wohl ihres Landes tun müssen. Eiine Verquickung von Staatspflichten und nationalen Pflichten muß im zukünftigen Polenstaate aufhören. Der neue Staat wird in besonders schweren Zeiten geschaffen, viele Kräfte wird das Land benötigen, um es nach der Kriegskatastrophe wieder aufzurichten und zum blühenden Wohlstand zu bringen. Wehe den polnischen Staatsleuten, wenn ihr blinder Chauvinismus die Staatsvernunft besiegt. Mögen alle Nationen in Polen ihre kulturelle Eigenheit wahren, mögen sie alle aber vereint zugunsten ihres gemeinsamen Vaterlandes arbeiten. Prüfungszeugnisse für Patriotismus sind ganz überflüssig. Wird das Reich sich als treue Mutter für ihre Einwohner zeigen, dann werden sie alle ihre treuen Kinder sein. „Moment“. Jüdische Jugendvereine in Bayern. Die Klagen über die Gleichgültigkeit der jüdischen Jugend Bayerns gegen die jüdische Gemeinschaft, über die zahlreichen Austritte aus dem Judentum mehren sich. Das wirksamste Mittel, diesem Übel zu steuern, ist die Schaffung von Organisationen für jüdische junge Leute, in denen jüdische Wissenschaft und Kunst gepflegt und das Bewußtsein jüdischer Gemeinschaft gestärkt wird. Von der Gemeinde gehen solche Organisationen nicht aus. Was sich an jüdischen Jugendvereinen findet, ist aus der Initiative einiger Einzelpersönlichkeiten entstanden, die den Prozeß der Abbröckelung in der bayerischen Judenheit mit wachsender Besorgnis verfolgen. Es ist ungemein charakteristisch, daß von diesen Organisationen die Mehrzahl von nationaljüdischer Seite ausgeht. In einer Stadt wie München, die 10 000 jüdische Einwohner hat, ist es höchst bedauerlich, wenn man die schulentlassene Jugend, die Studenten, Handlungsgehilfen, die lernenden oder berufstätigen Mädchen, die in vielen Fällen alleinstehen und des Familienanschlusses entbehren, ihr Bedürfnis nach Fortbildung und Belehrung in Vereinen suchen läßt, wo sie dem Judentum entfremdet, jedenfalls in keiner Weise ihm nähergebracht werden. Trotzdem in München keine einzige von der Gemeinde geschaffene jüdische Jugendorganisation besteht, trotzdem man sonderbarerweise nicht einmal den W'unsch gefühlt hat jüdischen Jugendvereinen, die aus privater Initiative entstanden, eine materielle oder moralische Unterstützung zu gewähren, ist der Wunsch nach einem Zusammenschluß der Jugend auf jüdischer Grundlage nicht erstickt worden. In den letzten Jahren vor dem Kriege war eine rege Vereinstätigkeit unter der jüdischen Jugend Münchens zu beobachten: Neben dem von der Loge ausgehenden Jugendveredn, der jüdischen Studentenverbindung im K. C. L i c a r i a und dem vorwiegend für Söhne orthodoxer Familien berechneten „Verein jüdischer Akademiker“, blühten die Verbindungen Jordania (im K. J. V.) und die V. J. St. „Kadima h“. Auf der Grundlage des von nationaljüdischer Seite aus-

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